Berner Altstadt: Handynutzer werden separiert

Bern

Auf der rechten Spur darf man das Smartphone benutzen, auf der linken Spur gilt Handyverbot. Um das Gedränge unter Berns Lauben zu mildern, soll ein Fussweg für Handynutzer eingeführt werden.

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Unter Berns Lauben ist es so gemütlich wie in einem Ameisenhaufen. Hier ein Stoss mit dem Ellenbogen, da ein Hieb mit der Einkaufstasche, dort ein Rempler gegen die Schulter. Von Berner Gemütlichkeit ist an einem Samstagnachmittag in der Innenstadt nicht viel zu spüren.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) glaubt den Grund für die Hektik unter den Lauben gefunden zu haben: abgelenkte Handynutzer. Den Blick starr auf ihr Gerät gerichtet, schauen sie weder links noch rechts. Sie irrlichtern durch die Gegend, ohne Rücksicht auf andere Passanten zu nehmen, die zu Ausweichmanövern gezwungen werden. Per Präsidialentscheid will Tschäppät der Rempelei nun Einhalt gebieten.

«Die Stadt plant ein eigenes Trottoir für Leute, die unterwegs ihr Handy nutzen», sagt er. Wie Velofahrer und Fussgänger auf eigenen Wegen voreinander geschützt werden, soll dies auch für Handynutzer gelten. «Wer unterwegs auf sein Smartphone starrt, sollte zu seinem eigenen Schutz von anderen Passanten getrennt werden», findet Tschäppät.

Tiefe Kosten: Tschäppät kann den Stadtrat umschiffen

Der neue Fussweg reicht vom Bahnhof bis zum Bärengraben – gilt also sowohl für die untere als auch für die obere Altstadt. Auf beiden Seiten der Lauben soll eine Linie auf dem Boden für Klarheit sorgen – rechts mit Handy, links ohne. Zur Orientierung findet sich alle hundert Meter ein Handysymbol, ähnlich dem Symbol des Velostreifens. Eine Offerte des Tiefbauamts liegt bereits vor. «Die Kosten belaufen sich auf unter 300000 Franken», sagt Tschäppät.

Die Vorlage muss darum nicht einmal in den Stadtrat, da der Gemeinderat Kredite bis zu 300'000 Franken in eigener Kompetenz beschliessen kann. Nach Ostern wird der Gesamtgemeinderat darüber entscheiden. Tschäppät hofft, dass das Projekt im Herbst Realität wird. «Einen solchen Fussweg gibt es in keiner anderen Stadt Europas», sagt er. Bern übernehme eine Pionierrolle.

Lergier: «Chinesische Gäste werden begeistert sein»

Eine Weltneuheit ist das geteilte Trottoir allerdings nicht. In der chinesischen Metropole Chongqing gibt es bereits einen solchen Weg (siehe Box). Stichwort China: Bern-Tourismus-Direktor Markus Lergier ist begeistert von der Idee. «Die chinesischen Gäste sind in Bern stark auf dem Vormarsch», sagt er. Mit über 37'000 Logiernächten 2014 hätten sie die US-Amerikaner bereits abgelöst. Für Lergier ist darum klar, dass separate Spuren ganz im Sinne der Gäste aus Fernost sind – besonders, wenn diese mit Selfiesticks hantieren.

Dabei handelt es sich um eine Stange, die als Armverlängerung fürs Fotografieren dient und zu diesem Zweck nicht ungefährlich durch die Luft geschwungen wird. Auch vor dem Zytglogge, Berns touristischem Epizentrum, «müsste man für die Sicherheit der asiatischen Gäste unbedingt solche Fusswege anlegen», sagt Lergier.

Denkmalpfleger ist dafür, Unesco will Projekt prüfen

Unterstützung bekommt die Idee von unerwarteter Seite: Der städtische Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross zeigt sich dem Projekt gegenüber aufgeschlossen. Was die denkmalpflegerischen Richtlinien angehe, habe er keine Einwände, weil keine baulichen Massnahmen nötig seien: «Die historische Bausubstanz der Berner Altstadt wird durch die Markierungen am Boden nicht in Mitleidenschaft gezogen», sagt Gross. Natürlich gelte es, ästhetische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Zum Beispiel müsse die Markierung am Boden in einer historischen Berner Farbe gehalten sein. «Pink würde nicht gehen. Rot, Gold oder Schwarz dafür schon», sagt Gross.

Und was würde das Projekt für Berns Unesco-Titel bedeuten? Fliegt Bern deswegen aus der Liste des Weltkulturerbes, verliert die Stadt ihren grössten touristischen Pluspunkt. Beim Tram Region Bern wurde dieses Argument ebenfalls ins Spiel gebracht. «Wir müssen das Projekt sicher eingehend prüfen», sagt Jeanne Berthoud von der Schweizerischen Unesco-Kommission. Bisher sei Bern ein positives Beispiel für eine Stadt, die ihre mittelalterliche Architektur erhalten habe und trotzdem die komplexen Funktionen einer Bundesstadt wahrnehme.

«Aber wenn Bern solche Fusswege braucht, um diese Funktion zu erfüllen, müssen wir das analysieren», sagt die Expertin. Schubsen, drängeln, stossen – die Stadt will den Ameisenhaufen in der Altstadt zähmen. Der Berner Gemütlichkeit zuliebe.

Berner Zeitung

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