Berner Airbnb-Anbieter sollen gleich viel abliefern wie Hotels

Im Kanton Bern machen die Airbnb-Vermieter gute Geschäfte. Doch längst nicht alle zahlen Kurtaxe – zum Ärger der Hotelbetreiber. Eine neue Vereinbarung mit Airbnb soll dies ändern.

Die Wohnung ist hell, hat ein grosses Wohnzimmer und einen Balkon und «besten Blick auf die benachbarten Bäume». Die drei Schlafzimmer sind «voller Harmonie» eingerichtet. Die Lage ist top, nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Kurz: Diese Wohnung ist «eine Oase inmitten von Bern», wie das Inserat verspricht. Pro Nacht kostet die Unterkunft 310 Franken.

Stünde die Wohnung auf Stadtberner Boden, würde pro Gast und Nacht eine Kurtaxe von 4.30 Franken fällig. Für eine vierköpfige Familie, die viermal hier übernachtet, würde die Stadt respektive ihre Tourismusorganisation also fast 70 Franken einnehmen. Doch die besagte Wohnung steht ein paar Meter ennet der Gemeindegrenze in Ostermundigen. Und hier erhebt die Gemeinde keine Kurtaxe.

Selbstdeklaration

Von den 347 Gemeinden im Kanton fordern aktuell 110 eine Kurtaxe ein; vor allem Gemeinden im Berner Oberland sowie grössere Städte wie Bern und Biel. ­Zwei Drittel der Gemeinden verzichten auf eine kommunale Übernachtungssteuer, sogar regionale Zentren wie Burgdorf oder Langenthal. Natürlich verzeichnen sie weit weniger Übernachtungen als Grindelwald und Co., doch die Bedeutung von Airbnb nimmt auch bei ihnen zu.

Der Siegeszug von Airbnb ­begann vor wenigen Jahren, entsprechend steckt das Kurtaxeninkasso bei Airbnb-Übernachtungen noch in den Kinderschuhen. Es gibt Gemeinden, die bei Hotels und Ferienhäusern eine Kurtaxe einfordern, bei Airbnb-Angeboten dagegen noch kaum.

Andere haben zwar eine Übersicht über die Airbnb-Anbieter, können die tatsächliche Zahl der Übernachtungen aber kaum kontrollieren. Denn die Airbnb-Gastgeber deklarieren selbst, wie oft sie ihre Zimmer und Wohnungen vermieten. Das heisst: wie viel Kurtaxe sie ­abliefern.

300'000 Logiernächte

Martin Tritten ist Tourismus-Fachexperte bei der Standortförderung des Kantons Bern. «In der kleinräumigen Schweiz funktioniert die soziale Kontrolle gut», sagt er. Die Tourismusorganisationen vor Ort würden die Airbnb-Anbieter in der Regel kennen.

«Airbnb ist für uns nach wie vor ein Nischenprodukt.»Martin Tritten
Standortförderung Kanton Bern

Und nicht zu vergessen: «Airbnb ist für uns nach wie vor ein Nischenprodukt», sagt Tritten. Nur ein kleiner Teil der insgesamt 5 Millionen Logiernächte, die der Kanton Bern pro Jahr verzeichne, würden über diese Plattform gebucht.

Nach eigenen Angaben hat Airbnb im Kanton Bern letztes Jahr 126'000 Gästeankünfte verzeichnet, davon 25'000 in der Stadt Bern. «Gästeankünfte»: Das ist die Zahl jener Leute, die in einer Airbnb-Unterkunft eingecheckt haben. Wie lange die Gäste geblieben sind, wird nicht bekannt gegeben.

Schätzungen gehen von durchschnittlich zwei bis drei Nächten aus. Das wären also um die 300'000 Airbnb-Übernachtungen im Kanton Bern und rund 60'000 in der Stadt Bern. Diese Zahlen decken sich mit den Erfahrungen des Walliser Tourismus-Observatoriums, das jedes Jahr eine Airbnb-Studie herausgibt. Demnach werden schweizweit jährlich gegen 3 Millionen Übernachtungen über Airbnb gebucht, der Kanton Bern hat einen Marktanteil von 10 Prozent.

Nicht alle rechnen ab

Dass nicht für jede Airbnb-Übernachtung Kurtaxe abgeliefert wird, ist offensichtlich. Die Tourismusorganisation Interlaken geht von einer «hohen Dunkelziffer» aus (siehe Interview). Und die Stadt Bern hat letztes Jahr 56'500 Übernachtungen von Betrieben abgerechnet, «die ihr Angebot teilweise, aber nicht nur auf Internetplattformen stellen».

Airbnb ist eine von mehreren Plattformen – und dürfte um die 60'000 Übernachtungen generiert haben. Am einfachsten wäre, wenn die Kurtaxe direkt bei der Buchung über die Airbnb-Website abgezogen würde. Das ist möglich; die lokalen Behörden müssen dafür aber eine Vereinbarung mit der Firma Airbnb abschliessen.

Auch in der Stadt Bern soll dieses Modell dereinst Tatsache werden, der Stadtrat hat die rechtliche Grundlage dafür unlängst geschaffen. Walter Langenegger vom städtischen Informationsdienst warnt aber von zu hohen Erwartungen: «Allfällige Mehreinnahmen dürften sich auf einem vergleichsweise bescheidenen Niveau von schätzungsweise ein paar Tausend Franken belaufen», sagt er.

Kanton Bern will nachziehen

Doch letztlich geht es nicht nur ums Geld, sondern auch ums Prinzip. Namentlich die Hotellerie gerät durch Airbnb zunehmend unter Druck und fordert gleiche Bedingungen für alle Unterkünfte. Es sei fair, die Abgaben auch bei privaten Gastgebern lückenlos einzuziehen.

Das gilt nicht nur für die kommunale Kurtaxe, sondern auch für die kantonale Beherbergungsabgabe (1 Franken pro Nacht). Diese wird heute von den Tourismusdestinationen eingezogen, künftig soll das Inkasso ebenfalls direkt bei der Buchung geschehen. Die entsprechende Vereinbarung zwischen dem Kanton Bern und der Firma Airbnb ist in Vorbereitung. Die Kantone Zug, Baselland und Zürich haben bereits eine solche Vereinbarung, wie die Pressestelle von Airbnb bestätigt.

Die Taxe einführen

Ungefähr jede fünfzehnte touristische Übernachtung im Kanton Bern wird mittlerweile über Airbnb gebucht. Tendenz steigend. So überlegen mittlerweile auch Gemeinden ohne Kurtaxe, eine solche einzuführen. Zum Beispiel Ostermundigen. Hier gebe es Vermieter, die dank Airbnb pro Jahr locker 25'000 Franken einnehmen würden, rechnen Parlamentarier vor.

Der Gemeinde entgingen dadurch nicht nur Kurtaxen. Wenn keine Übersicht über die Airbnb-Angebote bestehe, sei es auch «verführerisch, die Mieteinnahmen nicht zu versteuern». Deshalb hat das Parlament den Gemeinderat einstimmig beauftragt, eine Kurtaxe einzuführen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.06.2018, 06:02 Uhr

Steuern

Im Kanton Bern gibt es drei verschiedene touristische Abgaben. Die Beherbergungsabgabe wird kantonal erhoben: Jeder erwachsene Gast zahlt 1 Franken pro Übernachtung, egal, ob er im Hotel, im Ferienhaus, in der SAC-Hütte oder in einer anderen Unterkunft schläft. Der Erlös geht an die regionalen Tourismusdestinationen und wird für das Marketing eingesetzt.

110 Gemeinden verlangen zudem eine Kur­taxe: Diese beträgt pro Gast und Übernachtung 1 bis 6 Franken. Vom Erlös wird der Unterhalt von touristischen Einrichtungen bezahlt. 25 Oberländer Gemeinden erheben auch eine Tourismusförderungsabgabe: Begleichen müssen sie alle Unternehmen, die «einen hohen Nutzen aus dem Tourismus ziehen». In Interlaken etwa zahlt eine Bijouterie pro Vollzeitstelle 210 Franken im Jahr. Der Erlös wird fürs Marketing eingesetzt. maz

Von Laisser-faire bis zu strikter Kontrolle

Die Kurtaxenabrechnung bei Airbnb-Angeboten steckt zum Teil noch in den Kinderschuhen. Sechs Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Gemeinden damit umgehen.


  • In der Stadt Bern werden je nach Jahreszeit rund 500 Wohnungen und Zimmer über Airbnb angeboten. Die Behörden gehen davon aus, dass «sehr viele» Vermieter die Kurtaxe korrekt deklarieren und abrechnen. Zudem könne die Steuerverwaltung durch Recherche «regelmässig Anbietende ausfindig machen, die bisher keine Übernachtungsabgabe abgerechnet haben».

  • Grindelwald hat letztes Jahr fast 3,6 Millionen Franken Kurtaxe eingenommen. Eigentümer von Ferienwohnungen, ­also auch Airbnb-Anbieter, müssen sich melden, um die Kurtaxe abzurechnen. Offiziell registriert sind bei den Behörden ungefähr 300 Airbnb-Wohnungen.

  • In Adelboden besteht ebenfalls eine Meldepflicht. Die Leute der Tourismusorganisation behalten die Airbnb-Website im Auge und kontaktieren jene Anbieter, die keine Kur­taxe abrechnen.

  • In Langnau gibt es laut Gemeindewebsite fünf Hotels und Gasthöfe mit Zimmern, einen Campingplatz, ein Hostel sowie zehn Ferienwohnungen und -zimmer. Eine vollständige Liste mit den Airbnb-Angeboten dagegen existiert noch nicht, entsprechend kann auch die Kurtaxe nicht flächen­deckend abgerechnet werden. Die Suche nach Lösungen läuft.

  • In Schangnau führt der Verkehrsverein eine Liste, auf der im Moment drei Airbnb-Anbieter stehen. Einmal pro Jahr geben sie die Zahl der Übernachtungen bekannt und überweisen die Kurtaxe – pro Jahr zusammengezählt gut 300 Franken.

  • Lyss gilt zwar nicht als Tourismushochburg; bei den Behörden ist ein einziger Airbnb-Betrieb registriert. Punkto ­Kurtaxen sind Lyss und andere Seeländer Gemeinden aber fortschrittlich: Sie haben ihre Reglemente bereits so angepasst, dass die Kurtaxe direkt über die Airbnb-Website ab­gerechnet werden kann – falls eine Vereinbarung mit Airbnb zustande kommt.

maz

Artikel zum Thema

Wie viele Airbnb-Vermieter sind angemeldet?

Die Tourismusorganisation Interlaken (TOI) ist in ihrer Region für das Inkasso der Kurtaxe zuständig. Nicht alle Airbnbs würden korrekt abrechnen, ist TOI-Presse­sprecher Christoph Leibundgut überzeugt. Mehr...

Stadt setzt Airbnb-Vermietern Grenzen

Bern Die Stadt­regierung will die regel­mässige Vermietung von Altstadtwohnungen über Airbnb ­verbieten. Mehr...

Voreiliger Abwehrreflex gegen Airbnb

Stefan Schnyder, Leiter Ressort Stadt Bern, zu den neuen Vorgaben der Stadt an Airbnb-Vermieter. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...