Bern soll über die Autobahn wachsen

Bern

Architekt Hansruedi Bolliger will das Berner Wohnungsproblem lösen. Sein Vorschlag: Statt Land umzuzonen oder Wald zu roden, baut man besser über der Autobahn. Absolut machbar, belegt eine Bundesstudie.

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Benjamin Bitoun

«Man ist nicht realistisch, indem man keine Ideen hat.» Der Satz von Max Frisch könnte genauso gut von Hansruedi Bolliger stammen. Der Thuner Architekt ist entschlossen, das Berner Stadterweiterungsproblem zu lösen. Dazu will er vom Herkömmlichen abweichen. Seine Vision: eine Siedlung über der Autobahn nördlich vom Viererfeld – eine «Nordwand» für Bern.

«An bester Süd-Südost-Lage könnten hier in einer ersten Etappe 1650 Wohnungen entstehen», sagt Hansruedi Bolliger. Die offensichtlichsten Vorteile seines Projekts: keine Waldrodungen, keine Einzonung und keine hohen Baulandkosten – genau die Probleme also, mit denen die Projekte Waldstadt und Viererfeld kämpfen.

Überbaut werden könnte laut Bolliger ein Strassenabschnitt von bis zu drei Kilometern. «Die kleinste Einheit besteht aus 4 Wohnungen neben- und 17 übereinander.» Wohnungsgrössen von 30 bis 240 Quadratmetern seien denkbar.

Wohnen an der Sonne

Der Autolärm würde durch den darüberliegenden Deckel und die Tiefgaragen geschluckt. Die Abgase könnten mittels Filter sogar als Wärmequelle genutzt werden. Weiter sieht das Projekt eine Ladenstrasse mit Geschäften, Cafés und Kita sowie einen durchgängig begehbaren Panoramaweg auf dem Dach vor.

Entscheidend für die Wahl des Standorts beim Bremgartenwald sei dessen Südausrichtung. «Alle Wohnungen sind ganztags besonnt, und 80 Prozent haben eine uneingeschränkte Sicht auf das Alpenpanorama», sagt Bolliger. Bauen will er mit Solarpanels bestückte «Sonnenlichtwohnungen»: Konstruktion und Neigungswinkel würden bei tiefer Sonneneinstrahlung im Winter und Schatten im Sommer eine optimale Energieausbeute garantieren.

Die Idee ist nicht neu: Bolliger selbst hat in Wolfhausen bei Rapperswil eine Überbauung nach demselben Prinzip gebaut. Die alten, nach Süden ausgerichteten Emmentaler Bauernhäuser mit den langen Vordächern dienten ihm dabei als Vorlage.

Studie bestätigt Potenzial

Über der Autobahn einkaufen ist in Bern bereits Tatsache – aber Wohnen? Durchaus realistisch, kommt eine Bundesstudie zur Mehrfachnutzung der Nationalstrassen zum Schluss. Sie bestätigt, dass die Überbauung von Autobahnabschnitten möglich ist und je nach Standort auch ökonomisch sinnvoll sein kann.

Letzteres hängt primär davon ab, wie gebaut wird – und vor allem wie hoch. Denn bei gleich bleibendem Landpreis gilt: je höher, desto wirtschaftlicher. Aus diesem Grund sei der Standort nördlich des Viererfeldes besser für eine Autobahnüberbauung geeignet als der ebenfalls diskutierte im Osten der Stadt (siehe Kasten). «Wir könnten bis zu 17 Stockwerke hoch bauen. Wegen der Beschattung der Nachbarhäuser ist das beim Ostring unmöglich», sagt Hansruedi Bolliger.

Selbsttragende Konstruktion

Ein weiterer Faktor, der gemäss Studie die Kosten einer Autobahnüberbauung in die Höhe treibt, ist die benötigte Dicke der Brückenkonstruktion. Doch Architekt Bolliger glaubt, auch dafür eine Lösung gefunden zu haben: «Die durchgehenden Wände bilden mit dem Garagengeschoss und der Rückwand ein stabiles Dreieck. Dadurch ist die Konstruktion selbsttragend.»

«Eine interessante Idee und technisch sehr gut machbar», bestätigt Conrad Jauslin, Ingenieur und Mitverfasser der Bundesstudie. Der entscheidende Punkt sei jedoch, ob das Projekt städtebaulich Sinn mache und der politische Wille dafür da sei. Daher habe er Bolliger geraten, sich mit der Idee an Berner Architekten und ans Berner Stadtplanungsamt zu wenden.

Stadt: Eher skeptisch

Dort reagiert man vorsichtig. «Die Ideen und Konzepte sind grundsätzlich interessant, jedoch viel zu wenig konkret», sagt Stadtplaner Mark Werren. So seien wichtige Fragen zur Machbarkeit, zur Verantwortlichkeit bezüglich der darunterliegenden Autobahn, der Erdbebensicherheit und der Finanzierung nicht ausgewiesen worden. Daher stünde die Stadt zum jetzigen Zeitpunkt solchen Überbauungsprojekten eher skeptisch gegenüber.

Davon lässt sich Hansruedi Bolliger nicht einschüchtern. Erste Gespräche mit dem Bundesamt für Strassen Astra seien sehr positiv verlaufen. Als Nächstes stünden nun Gespräche mit potenziellen Investoren sowie die Gründung des Vereins Sonnenstadt Bern an.

Berner Zeitung

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