Bern ist auf einem See erbaut

Bern

Geologieprofessor Fritz Schlunegger erforscht das Gestein unter der Stadt Bern. Dafür interessieren sich auch die Gebäudeversicherung und das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat.

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Er gräbt in der Erde, doch er sucht nicht nach Öl, Metall oder Edelsteinen. Ihn interessieren Lehm, Sand und Kies. Fritz Schlunegger von der Universität Bern will wissen, wie der Grund, auf dem die Stadt Bern steht, zusammengesetzt ist. Zusammen mit drei Doktoranden führt der Geologieprofessor deshalb auf dem Gelände des Rehhag-Areals bei Bümpliz eine Bohrung durch.

Die Ausgangslage: Wo heute die Stadt Bern erbaut ist, befand sich vor 200 000 Jahren ein bis zu 300 Meter tiefer Seegraben. Schlunegger spricht von einer fjordähnlichen Landschaft, «etwa so, wie heute der Vierwaldstättersee aussieht». Warum sich dieser See – oder im Geologenjargon das Tunneltal – in den Fels gegraben hat und wie er wieder verschwand, darauf hofft er nach der Bohrung Antworten geben zu können.

Geröll erzählt Geschichte

Fritz Schlunegger trifft seine Doktoranden auf dem Areal der ehemaligen Tongrube und Ziegelei Rehhag. Wer einen Bohrturm erwartet, wird enttäuscht. Die Bohranlage unterscheidet sich optisch nicht von den im Gewerbepark abgestellten Kranen und Baumaschinen. Dass hier geforscht wird, ist nur an dem weissen VW-Bus mit Aufschrift der Uni Bern zu erkennen, der neben dem Tiefenbohrer steht.

Die Stimmung ist bedrückt. «Der Bohrer steckt in 35 Metern Tiefe fest», rapportiert Michael Schwenk, einer der drei Doktoranden. Die Ausbeute des Vormittags ist mager, ein Bohrkern von rund 10 Zentimetern Dicke und einem Meter Länge liegt in einem Rohr verpackt im Bus. Dort wartet er auf den Transport ins geologische Institut, wo er aufgefräst und analysiert werden soll. Meter für Meter werden dort Art und Alter des Gesteins bestimmt und mit Proben aus anderen Regionen abgeglichen. Die Zusammensetzung sagt etwas über die Seetiefe aus, die Herkunft lässt Rückschlüsse zu, welcher Fluss das Geröll in die ­Region gebracht und den See so wieder zugeschüttet hat.

Gestein lässt Prognosen zu

Die Ergebnisse dienen nicht nur einer Rekonstruktion der Landschaft vergangener Tage, sondern liefern auch Erkenntnisse für die Zukunft. «Die unterschiedliche Beschaffenheit des Untergrundes hat Auswirkungen auf das Erdbebenverhalten», erklärt Fritz Schlunegger. «Wenn der Untergrund aus weichem Gestein besteht, wabbelt er bei einem Erdbeben, wir nennen das Pudding-Effekt.» Falls auch noch Grundwasser eingeschlossen ist, verflüssigt sich das Gestein bei einem Erdbeben, was Gebäude zum Einsturz bringen könnte. Bümpliz und der Europaplatz sind laut Schlunegger auf weichem Gestein erbaut: «Bern-West steht geologisch auf unsicherem Terrain.» Die Gebäudeversicherung sei an den Ergebnissen interessiert, da sie darauf basierend Empfehlungen für erdbebensicheres Bauen herausgeben oder Prämien anpassen könne.

Die Versicherung ist deshalb neben dem Schweizerischen Nationalfonds, dem Bundesamt für Landestopografie und der Stiftung Landschaft und Kies Geldgeberin für das Forschungsprojekt. Doch nicht nur die Gebäudeversicherung ist an Fritz Schluneggers Forschungsergebnissen interessiert. Er ist Mitglied der Expertengruppe Geologische Tiefenlagerung undberät das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat.

Wenn es um die Entsorgung nuklearer Abfälle gehe, sei es wichtig, zu wissen, wie tief Tunneltäler sind und wie sie entstehen. «Wenn die Entstehung mit einer Vergletscherung ­zusammenhängt, und davon gehen wir im Moment aus, stellt sich die Frage, wann eine ähnliche Vergletscherung kommen und damit weitere solche Täler entstehen könnten», erklärt Schlun­egger.

Kein Endlager in Bern

Bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle rechne man in zwei Zeiträumen, einerseits über 100000 Jahre für die Lagerung schwach radioaktiver Abfälle, andererseits über eine Million Jahre für die stark radioaktiven Abfälle. «Bei der Planung von Endlagern muss man ausschliessen können, dass in dieser Region in diesen Zeiträumen ein neues solches Tunneltal entsteht, denn das könnte nukleare Abfälle wieder an die Oberfläche befördern.»

Bern sei als Standort aber schon länger ausgeschlossen, fügt Schlun­egger rasch an. Man könne jedoch aus den Erkenntnissen, die man in Bern gewinnt, auch auf die Nordostschweiz schliessen, wo ein solches Lager ein Thema ist. Ziel sei es deshalb, den Entstehungs- und Auffüllungszyklus eines solchen Tunneltals zu verstehen.

Doch erst einmal muss die Bohrfirma den stecken gebliebenen Bohrer wieder in Gang bringen. Ohne Bohrkern keine Ergebnisse. Und wenn der Graben wirklich so tief war, wie Fritz Schlunegger annimmt, müssen er und seine Doktoranden noch einige Meter Gestein analysieren.

Berner Zeitung

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