Bern/Köniz

Beim Bauen ist die Gemeindegrenze spürbar

Bern/KönizDass eine Siedlung über die Gemeindegrenze hinweg gebaut wird, ist eher selten. Die Hardegg in Weissenstein-Neumatt ist eine dieser wenigen Ausnahmen. Das Bauprojekt forderte von Bern und Köniz Kompromisse.

Eine Siedlung, zwei Gemeinden: Vielen Bewohnern der Siedlung Hardegg in Weissenstein-Neumatt sei nicht klar, dass sie in ??zwei verschiedenen Gemeinden lebten, sagt Verkehrsplaner Rolf Steiner.

Eine Siedlung, zwei Gemeinden: Vielen Bewohnern der Siedlung Hardegg in Weissenstein-Neumatt sei nicht klar, dass sie in ??zwei verschiedenen Gemeinden lebten, sagt Verkehrsplaner Rolf Steiner. Bild: Nadia Schweizer

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Im Agglomerationsbereich kann kaum mehr eine Gemeinde planen, ohne den Nachbarn miteinzubeziehen. Das gilt zumindest beim Thema Verkehr. So ist zum Beispiel das Tram Region Bern ein Projekt, das von der Stadt Bern und den Gemeinden Ostermundigen und Köniz gemeinsam angegangen wird – unter Federführung des Kantons. Und auch eine Durchgangsstrasse kann nicht einfach an der Gemeindegrenze aufhören. Speziell ist es im Kanton Bern hingegen, wenn zwei Gemeinden eine Wohnsiedlung über die Gemeindegrenze hinweg planen. So geschehen in den letzten fünfzehn Jahren im Gebiet Weissenstein-Neumatt.

Die Siedlung auf dem früheren Hunziker-Areal ist in der Agglomeration die grosse Ausnahme. Heute plätschert der Sulgenbach mitten durch das moderne Quartier und bildet die Grenze zwischen Bern und Köniz (siehe Box). In den 515 Miet- und Eigentumswohnungen leben Menschen, die im Durchschnitt jünger sind als in den übrigen Quartieren. Zwei Drittel von ihnen sind Berner, ein Drittel wohnt in Köniz. Markantester Bau ist das längste Haus der Stadt Bern, das mit seinen 225 Metern entlang der Hardeggerstrasse verläuft.

«Behörden erkannten das Potenzial der Kiesgrube»

Dass ausgerechnet an diesem Ort eine gemeindeübergreifende Siedlung zustande kam, liegt an der vorhergehenden Nutzung des Gebiets: Die ehemalige Kiesgrube lag sowohl in der Stadt Bern als auch in der Gemeinde Köniz. «Die damaligen Besitzer und Behörden der beiden Gemeinden erkannten das grenzübergreifende, städtebauliche Potenzial dieses grossen, zusammenhängenden Gebiets», erzählt Mark Werren. Er ist heute Stadtplaner in Bern und war damals als Partner der GWJ-Architekten am Entwurf der Wohnsiedlung zwischen Hardeggerstrasse und Grenzweg beteiligt. Stadtberner und Könizer Behörden starteten daraufhin die gemeinsame mehrjährige Gebietsentwicklung – ohne wie sonst üblich eine übergeordnete Stelle wie etwa den Kanton als federführendes Organ zu benötigen.

Bei der Planung liegt der Teufel im Detail

Beim Organisieren und Planen werden die Gemeindegrenzen vor allem im doppelten Aufwand und im Detail spürbar, hat Werren erfahren. Die Baubewilligungspraxis unterscheidet sich zum Beispiel leicht. Der Gebäudeabstand von der Grenze – heute erkennbar als Blickachse quer durch die Anlage – oder die Bauregeln für die Attika sind verschieden. Ein Architekt kann die Häuser also nicht genau gleich planen. «In der Bau- und Planungskultur ist die Gemeindeautonomie spürbar», sagt Werren. Anstatt einer sind zwei Überbauungsordnungen mit je einer Volksabstimmung und danach zwei getrennte Baubewilligungsverfahren nötig. Es braucht Erschliessungs- und Freiraumkonzepte, die miteinander koordiniert werden. «Das geht bis hin zur Frage, ob man einer durchlaufenden Strasse den gleichen Namen gibt oder nicht», sagt Werren. «Bemerkenswert ist hier, dass jede Gemeinde ihre eigene Strassenbezeichnung und -nummerierung hat.» Dieses Problem ist sauber gelöst: Die Berner wohnen an der Hardeggerstrasse, die Könizer an der Wilkerstrasse.

«Anwohner merken nicht, in welcher Gemeinde sie leben»

Kompromissbereitschaft, Flexibilität und der Wille, ein solches Projekt gemeinsam durchzuziehen, ist bei solchen Vorhaben wichtig. Nicht nur auf der Planungs- und Realisierungsebene, sondern auch bei den politischen Gremien, die solche Projekte schliesslich genehmigen.

Doch nicht nur während der Planung war von den Gemeinden und den Eigentümerschaften Kompromissbereitschaft nötig. Damit der Betrieb in der Siedlung funktionieren kann, mussten Fragen wie etwa die Abfallentsorgung oder der Strassenunterhalt geklärt werden. Bei der Entsorgung zum Beispiel ist das Gebiet Weissenstein-Neumatt das einzige, in dem gemeindeübergreifend gearbeitet wird. Dabei entsorgt die Stadt Bern auch den Abfall von der Könizer Seite der Überbauung. Die Stadt erhebt dort auch die Grund- und Verursachergebühren, und die Könizer Bewohner dürfen die Stadtberner Sammelstellen und die Entsorgungshöfe zum Einheimischentarif benutzen. Damit das möglich war, musste ein Vertrag zwischen Köniz und Bern abgeschlossen werden – und Köniz musste seine Reglemente anpassen.

Das Resultat kann sich offensichtlich sehen lassen: Vielen Anwohnern sei nicht bewusst, dass sie in unterschiedlichen Gemeinden lebten, ist Rolf Steiner überzeugt. Der Geograf und Verkehrsplaner wohnt selber an der Hardeggerstrasse und erzählte am Samstag am Frühlingsausflug des Historischen Vereins des Kantons Bern von Eigenheiten der Siedlung. «Viele neu zugezogene Berner merken erst, dass sie jetzt in Köniz wohnen, wenn sie einen Brief von der Gemeinde erhalten», sagt Steiner.

Die unsichtbare Mauer im Raum

Flexibilität, Kompromisse, Kooperation, Gesetzesänderungen: Bauen über Gemeindegrenzen hinweg ist definitiv komplizierter, als wenn jede Gemeinde für sich schaut. «Die Siedlung Weissenstein-Neumatt zeigt aber, dass es möglich ist und dafür ein räumlicher und gestalterischer Mehrwert entsteht», sagt Stadtplaner Werren. Selten sei es deshalb, weil bei Bauprojekten meistens die Eigentumsverhältnisse der Parzellen ausschlaggebend seien. Und diese Parzellen sind an der Gemeindegrenze immer aufgeteilt. Im Moment gebe es in der Stadt Bern keine ähnliche Situation, aus der in nächster Zeit eine grenzübergreifende Siedlung entstehen könnte.

Nicht nur in der Agglo Bern, auch im Rest des Kantons sind solche Projekte selten. Wenn überhaupt gemeindeübergreifend geplant werde, dann im Verkehrsbereich, erklärt Arthur Stierli vom kantonalen Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR). «Die Gemeindegrenze ist wie eine unsichtbare Mauer im Raum.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.04.2012, 06:48 Uhr

Der Bach, der nachts abgestellt wird

Der Sulgenbach, der durch die Siedlung Weissenstein-Neumatt fliesst, wird extra hochgepumpt. Eigentlich würde der Bach einige Meter unter der Erde fliessen.Hinter dem längsten Haus der Stadt Bern fliesst der Sulgenbach. Er plätschert mitten durch die Siedlung Weissenstein-Neumatt und bildet die Gemeindegrenze. Die weissen Häuser zu seiner Linken stehen in Köniz, die schwarzen Wohnblöcke zu seiner Rechten in der Stadt Bern. Ringsum ist es grosszügig grün. Kinder unterbrechen ihr Unihockeyspiel, um kurz ihre Füsse ins kühle Nass zu tauchen.

Idyllisch, so denkt man, dass der Verlauf dieses Baches so rücksichtsvoll in die Gestaltung dieser modernen Siedlung einbezogen wurde. Doch von wegen idyllisch: Eigentlich würde dieser Bach hier gar nicht fliessen, wie Sabine Tschäppeler von der Stadtgärtnerei Bern am Samstag am Frühlingsausflug des Historischen Vereins des Kantons Bern sagte. Ein Teil des Baches wird extra hochgepumpt, damit er sichtbar wird. Eigentlich würde er einige Meter unter dem Boden fliessen. Unter ihm ist betoniert, damit er nicht versickert. Seine Tiefe und seine Breite wurden so berechnet, dass sie den Sicherheitsvorschriften entsprechen. Und aus Energiespargründen werden die Pumpen nachts abgestellt, sodass er dann bloss noch aus einigen Tümpeln besteht. «Dieser Bach ist eigentlich naturfern», sagte Tschäppeler.

Es dauerte jedoch nicht lange, und nun leben im künstlichen Bach Forellen. Amphibien wohnen hier, und Brunnenkresse wächst im seichten Boden. Die Natur hat also ihren Weg in den künstlichen Bach gefunden. Was den Kindern zugutekommt: «Sie können eine Beziehung zu Boden und Natur aufbauen, weil der Aussenraum der Wohnsiedlung so grosszügig gestaltet wurde», erklärt Sabine Tschäppeler.

Die Kinder, die sich am Sulgenbach zum Spielen treffen, wohnen in unterschiedlichen Gemeinden. Doch sie können sich durchaus nach dem Wasserplausch bei den Schulaufgaben helfen. Wie der Könizer Gemeindeplaner Thomas Furrer sagt, hat seine Gemeinde mit der Stadt Bern eine Vereinbarung, dass die Könizer auch in Bern zur Schule gehen dürfen. Eine Lösung, die in anderen Gemeinden ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint.

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