Bern

Bei der Leichtathletik-EM 54 war alles ein paar Nummern kleiner

BernWenn am 12. August im Zürcher Letzigrundstadion die Leichtathletik-EM stattfindet, denken einige Berner an 1954 zurück: Damals stellten 1200 ehrenamtliche Helfer den Grossanlass auf die Beine – im idyllischen Kleinstadion Neufeld.

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Eigentlich ist die Tribüne des Berner Neufeldstadions aus Holz gebaut. Doch schaut man genauer hin, sieht man links und rechts Betonstufen. Diese werden heuer 60 Jahre alt. Gebaut wurden sie, weil die Berner die Neufeldtribüne in Windeseile vergrössern mussten. Denn unverhofft erhielten sie 1953 den Auftrag, innert anderthalb Jahren die Leichtathletik-Europameisterschaften zu organisieren.

Auch ab nächster Woche gibt es wieder Europameisterschaften in der Schweiz. Dieses Mal aber in Zürich, im Letzigrundstadion. «Die Berner EM vor 60 Jahren war im Vergleich zum diesjährigen Grossanlass ‹handglismet›», erzählt Dario Kuster. Dario Kuster, 76-jährig, selber ein leidenschaftlicher, aber «leider wenig talentierter» Leichtathlet, wie er sagt, hatte sich als 16-jähriger Kirchenfeld-Gymeler damals eine Dauerkarte für die fünf Wettkampftage gekauft – für 15 Franken, den Schülerrabatt eingerechnet. «Unter der Woche begannen die Wettkämpfe erst am späten Nachmittag», erzählt er. «Wenn ich nach der Schule direkt ins Neufeld ging, verpasste ich kaum etwas.»

Vergrössertes Stadion

Sechs graue Aschenbahnen statt acht roter Kunststoffbahnen umrundeten damals den Rasenplatz im Neufeld. Während der EM musste der Platzwart jede Nacht die Bahnen walzen und mit einem Wägeli die Kalkkreidelinien nachziehen. Die Zuschauer sassen und standen dicht gedrängt auf der erweiterten Holztribüne und auf einer provisorischen Stahlrohrtribüne auf der Gegengeraden. Die Berner hatten es geschafft, für die EM das Fassungsvermögen des Neufeldstadions kurzerhand auf 25'000 Zuschauer zu erhöhen.

Überhaupt waren die Berner vor 60 Jahren unkompliziert und ganz schön mutig, als sie die allererste Leichtathletik-EM in der Schweiz organisierten. Ursprünglich hätten diese Europameisterschaften genau wie dieses Jahr in Zürich stattfinden sollen. Doch die Zürcher hatten anderthalb Jahre vor dem Anlass an einer Volksabstimmung den geplanten Bau eines neuen Grossstadions wuchtig abgelehnt.

Bern sprang kurzfristig in die Bresche: Die Gymnastische Gesellschaft Bern übernahm die Organisation. Nur gerade drei bezahlte Angestellte gab es im EM-Sekretariat. Den Rest erledigten 1200 ehrenamtliche Organisatoren und Helfer. Ihr Ziel war ein typisch schweizerisches Sportfest, bescheiden und ohne Pomp. «Das hiess auch, dass an den Siegerehrungen keine Nationalhymnen abgespielt und keine Staatsflaggen gehisst wurden», erzählt Dario Kuster. «Stattdessen bliesen an den Rangverkündigungen Herolde in ihre Trompeten. Anschliessend übergaben Trachtenmädchen die Medaillen und Blumen.» Dass die Schweizer keine Medaille gewannen, war für das Berner Publikum nicht tragisch. Denn in jenem August 1954 waren die grössten Leichtathleten Europas in Bern zu Gast. Zum Beispiel Emil Zatopek. Der tschechoslowakische Langstreckenläufer und mehrfache Olympiasieger ist noch heute bekannt wegen seiner Zitate, von denen eines lautet: «Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.»

Zatopek zeigte den Bernern, wie Mensch läuft: «Für uns Leichtathleten war es ein Ereignis, dass der berühmte Zatopek einfach wie alle anderen auf der Bahn im Schwellenmätteli trainierte», erinnert sich Dario Kuster.

Die falsche Kurve erwischt

Zwei spektakuläre Zwischenfälle gab es bei den Wettkämpfen im Neufeldstadion: Ein Sowjetrusse lief im Marathon mit 15 Meter Vorsprung ins Stadion ein, wo er bis zum Ziel noch eine Runde auf der Aschenbahn hinter sich hätte bringen sollen. Doch weil die Markierung nicht ganz klar war, rannte der Siegesgewisse in die verkehrte Richtung. Als er es merkte, war es zu spät: Ein Finne und ein anderer Sowjetrusse waren bereits auf dem richtigen Weg Richtung Ziel gelaufen. Dario Kuster erinnert sich noch gut: «Die Berner zogen sich mit einem Kompromiss aus der Affäre: Der unglückliche Dritte bekam zwar nicht den ersten Platz, dafür aber eine Gold- statt einer Bronzemedaille zugesprochen.»

Kein Wunder von Bern

Als «Fehlurteil von Bern» ging die Disqualifikation der deutschen Staffelmannschaft im Berner Neufeld in die Sportgeschichte Deutschlands ein. Ein Gymeler, der während der 4×00-Meter-Staffel als Übergaberichter fungierte, wagte es festzustellen, dass die Deutschen bei der Stabübergabe übertreten hatten. Die Deutschen wollten sich ihren Sieg nicht von irgendeinem jungen Berner nehmen lassen und protestierten. «Doch die Jury stellte fest, dass der Gymeler selber ein Sprinter und völlig sattelfest in der Kenntnis der Regeln war», erzählt Dario Kuster heute mit Genugtuung.

Unprofessionell war die EM im Berner Neufeld keineswegs. Mit einem Budget von 700'000 Franken lockte der sportliche Grossanlass 1954 rund 100'000 Zuschauer ins Neufeld. Im Letzigrund erwarten die Zürcher heuer 150'000 Besucher. Allerdings kostet sie der Anlass auch das 50-Fache, nämlich 35 Millionen Franken.

Die Berner empfingen rund 1000 Athleten aus 28 Nationen. In Zürich werden es 1400 aus 50 Nationen sein. Dario Kuster wird sich wieder alle Wettkämpfe ansehen. Allerdings zahlte er für die Dauerkarte auch nicht mehr nur 15, sondern 1300 Franken. Dieses Mal ohne Schülerrabatt und für einen Sitzplatz auf der Haupttribüne. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.08.2014, 08:25 Uhr

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