Bern

Begrapscht, verprügelt und rausgeschmissen

BernLaura P. wurde in der Cuba-Bar nicht nur sexuell belästigt, sondern auch verprügelt und zuletzt aus dem Club ­geworfen. Dass ihr Fall von Security und Betreiber nicht ernst genommen wird, ärgert die 28-Jährige besonders.

Der Ort des Geschehens: Laura P. vor der Cuba-Bar.

Der Ort des Geschehens: Laura P. vor der Cuba-Bar. Bild: Raphael Moser

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Laura P. * ist es sich gewöhnt, im Ausgang blöd angemacht oder ungefragt angefasst zu werden. «Das kommt leider viel zu häufig vor», sagt die 28-Jährige. Auch wenn es eigentlich nicht so sein sollte, könne sie doch meist damit umgehen. Was vor einer Woche geschah, habe den Rahmen des Ertragbaren jedoch gesprengt.

Es war Samstagabend, der 18. November. Zusammen mit ihren Freunden feierte Laura P. in ihrer Wohnung. Zu später Stunde entschied sich die Gruppe, noch einen Abstecher in die Stadt zu machen. Und landete am Kornhausplatz, in der Cuba-Bar. «Ich weiss zwar, dass der Ort einen schlechten Ruf hat», gesteht P., «vor dieser Nacht ist mir dort aber noch nie etwas wirklich Schlimmes passiert.»

Laura P. hielt sich im Korridor vor den Toiletten auf, als ihr ein Unbekannter von hinten zwischen die Beine griff. Reflexartig drehte sie sich daraufhin um und verpasste dem Mann eine Ohrfeige – eine Gegenwehr, auf die sie in solchen Fällen bereits öfters zurückgegriffen hat. Anders als die meisten beeindruckte dies den Mann nicht, sondern er antwortete direkt mit einem Faustschlag in P.s Gesicht.

Das gängige Prozedere

Laura P. ist keine schüchterne Person. Wenn sie etwas stört, macht sie dies deutlich. Auch sonst wirkt sie seriös, spricht überlegt und gesteht sich auch eigene Fehler ein: «Ich war wütend, entsprechend laut und habe den Typen verbal auf sein Vergehen aufmerksam gemacht.» Dafür habe sie einen weiteren Schlag kassiert.

Mit blutender Nase machte sich P. auf den Weg nach oben, um den Vorfall dem Sicherheitsdienst zu melden. «Der Mitarbeiter machte aber keinerlei Anstalten, nach dem Mann zu suchen – man hat mir gar nicht richtig zugehört.» Also habe Laura P. eine Szene gemacht, sich laut aufgeregt und damit gedroht, selbst zum DJ-Pult zu gehen und einen Aufruf via Mikrofon zu starten. Zu viel Aufsehen für die Security-Mitarbeiter: Sie warfen Laura P. aus der Bar.

Dieses Vorgehen entspreche dem gängigen Prozedere bei Unruhen in der Cuba-Bar, erklärt Geschäftsführer Samuel Güven auf Anfrage: «Wenns bei uns zum Streit kommt, werden die Beteiligten vom Sicherheitspersonal aus der Bar geholt.» Er selbst habe erst durch den Anruf dieser Zeitung von dem Vorfall erfahren. Zwar veröffentlichte Laura P.s Kollegin den Fall am nächsten Tag auf Facebook, markierte die Cuba-Bar, verlangte eine Stellungnahme. Die Antwort liess lange auf sich warten. «Wir haben unsere Facebook-Seite nicht dauernd im Blick», erklärt Güven.

Widersprüchliche Aussagen

Ein weiteres Problem sei es, dass keine Anzeige zum Vorfall vorliegt, meint Güven: «Dann wäre ich nämlich auch auf offiziellem Weg darüber informiert worden.» Tatsächlich hat Laura P. bisher keine Anzeige erstattet. Die Polizei bestätigt zwar, dass sie zur Cuba-Bar gerufen wurde, will sich aber nicht genauer äussern. Laura P. habe sich von den Beamten eher verunsichert gefühlt: «Man erklärte mir, dass ich zwar eine Anzeige machen könne. Weil ich dem Mann aber auch eine Ohrfeige verpasst habe, könne er mich ebenfalls anzeigen.»

Hinzu kommt, dass der Täter danach nicht mehr ausfindig gemacht werden konnte. «Das ärgert mich besonders», so P., «niemand – weder Polizei noch Sicherheitsdienst – hat nach ihm gesucht.»

Samuel Güven zweifelt jedoch an dieser Aussage. Nachdem er sich mit der Security-Firma in Verbindung gesetzt hat, sagt er: «Die Mitarbeiter berichten, dass man zweimal mit der jungen Dame durch den Club gegangen sei, sie den Mann aber nicht mehr identifizieren konnte.» Eine dreiste Behauptung, findet wiederum Laura P.: «Ich war ganz sicher nicht mehr in diesem Club – das können auch meine Freunde bezeugen.»

Kein geschultes Personal

Es sei diese Art des «Victim shaming» – die gängige Bezeichnung dafür, dass dem Opfer die Schuld zugeschoben wird – die Laura P. veranlasse, ihre Geschichte mit dieser Zeitung zu teilen. «Ich fühlte mich an diesem Abend von der Cuba-Bar im Stich gelassen», meint sie. «Es hätte bereits viel geändert, wenn sich jemand zu mir gesetzt, mir zugehört und mich ernst genommen hätte.»

«Es hätte bereits viel geändert, wenn sich jemand zu mir gesetzt, mir richtig zugehört und mich ernst genommen hätte.»

Laura P.

Samuel Güven erwidert, es wäre die Aufgabe der Security gewesen, Laura P. in dieser Situation zu betreuen: «Im Gegensatz zu unserem Personal sind sie für solche Fälle ausgebildet». In diesem Aspekt unterscheidet sich die Cuba-Bar von vielen anderen Lokalen in der Stadt Bern: Meistens ist auch das hauseigene Personal auf solche Fälle vorbereitet ist (siehe Box).

Laura P. wird wohl auch in Zukunft nicht vor negativen Erfahrung im Ausgang verschont bleiben. Aus jener Nacht ziehe sie aber zwei Lehren: Einerseits werde sie in Zukunft auf jeden Fall Anzeige bei der Polizei erstatten – «schon nur, damit sich der zuständige Betreiber auch offiziell verantworten muss». Und andererseits werde sie die Cuba-Bar in Zukunft sicher meiden.

* Name der Redaktion bekannt

Anmerkung der Redaktion: In diesem Beitrag war fälschlicherweise von «Securitas» die Rede. Beim Sicherheitspersonal in der Cuba Bar handelt es sich jedoch nicht um Mitarbeiter der Securitas AG, sondern um einen anderen Security-Dienst. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.11.2017, 21:14 Uhr

Die Politik wird aktiv

Mit drei Vorstössen wollen die Juso dafür sorgen, dass ­sexuelle Belästigung künftig konsequenter geahndet wird. Viele Lokale der Stadt haben dafür aber bereits ein System.


Von einer gemeinsamen Bekannten erfuhren die Jungsozialisten (Juso) der Stadt Bern von Laura P.s Fall. «Das Thema hat uns schon vorher beschäftigt», erklärt Benjamin Stückelberger, «nun wollen wir aber definitiv aktiv werden.» Insgesamt drei Vorstösse hat die Partei in Planung.

Zwei davon richten sich an den Berner Gemeinderat: Einerseits soll eine Sensibilisierungskampagne gestartet werden, damit die Gesellschaft bei solchen Tätlichkeiten nicht einfach wegsieht. Andererseits soll die Stadt eine Anlaufstelle einrichten, bei der Betroffene Hilfe finden. Die dritte Motion richtet sich an den Grossen Rat: Es wird verlangt, dass das Gastgewerbegesetz so überarbeitet wird, dass die Lokale künftig verpflichtet werden, ein Konzept für den Umgang mit sexuellen Übergriffen und Belästigungen zu erstellen. Bevor man die Vorstösse einreicht, sollen diese noch mit anderen Parteien und Organisationen besprochen werden.

Viele Bars und Clubs in der Stadt verfügen bereits heute über ein klares Prozedere, das festlegt, wie man mit solchen Fällen umgeht. Zentral ist dabei jeweils die Schulung der eigenen Mitarbeitenden, erklärt etwa Dave Naef vom Bierhübeli: «Das A und O ist bei uns der Dialog. Wir suchen das Gespräch mit den Betroffenen und holen gegebenenfalls die Polizei zu Hilfe.» Die Vermittlung sei kein einfacher Job: «Dafür ist viel psychologisches Feingefühl nötig – dieses versuchen wir unseren Mitarbeitern in Schulungen zu vermitteln.» Auch das Bonsoir investiert, trotz externen Sicherheitskräften, in das eigene Personal. «Wir veranstalten extra Kurse für die Mitarbeitenden, bei denen auch verschiedene Szenarien durchgegangen werden – nicht nur zum Thema sexuelle Belästigung, sondern allgemein zu Gewalt», erklärt Betreiber Christoph Haller.
Wichtig sei es jeweils – so sind sich beide Betreiber einig – dass Opfer von sexueller Belästigung auf sich aufmerksam machen und den Vorfall den ­Sicherheitsleuten melden.pd

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