Barbara Eggers Abrechnung

Die 16-jährige Regierungsära von Barbara Egger (SP) deckt im Bau-, Verkehrs- und Energiewesen eine Periode des rasanten ­Wandels ab. Vor ihrem Abtritt zieht Egger mit einer launigen Statistik Bilanz.

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Wenn Barbara Egger-Jenzer Bilanz zieht, erinnert das an Sisyphus, den Helden der antiken Sage, der einen immer wieder herunterrollenden Stein den Berg hochwälzen muss. «Politik ist ein ständiges Bohren von dicken Brettern, ein ewiges Ausbalancieren», sagt Egger, «vorwärts kommt man nur langsam, im Alleingang erreicht man nichts.» Man fragt sich, wie sie die 16 Jahre Sisyphusarbeit als Bau-, Verkehrs- und Energiedirektorin des Kantons Bern bloss ausgehalten hat.

Aber diese Sicht täuscht. «Gerade die lange Zeitspanne verschafft mir im Rückblick die Einsicht, wie vieles sich beim Bau, dem Verkehr und der Energie zum Guten verändert hat», entgegnet Egger. Sie ist eine geduldige Optimistin. Sie glaubt an das Fernziel Nachhaltigkeit, auch wenn das – wie der Berg­gipfel für Sisyphus – kaum je erreichbar ist. Was der französische Schriftsteller Albert Camus über Sisyphus schrieb, könnte man auch über die Ende Monat abtretende Regierungsrätin von der SP sagen: Man muss sich Barbara Egger glücklich vorstellen.

Nach 16 Jahren rechnet Barbara Egger nun ab. Nein, nicht mit dem bürgerlichen Lager oder den unbelehrbaren Stimmbürgern. Vielmehr listet sie am Ende mit frappierenden Zahlen und überraschenden Fakten auf, was sich in den Bereichen Bau, Verkehr und Energie alles getan hat. Es ist eine Zeitrafferaufnahme des beschleunigten technischen Fortschritts.

«Die Berner Trams waren vor 16 Jahren grün, halb so lang, sehr laut und unklimatisiert.»Barbara Egger

Unter dem Strich ist die Welt für Barbara Egger besser geworden. Jedenfalls die Berner Welt. Sie sieht das nicht ganz wertfrei. Die schrittweise Wende zum Guten bedeutet für sie, dass die Luft in ihren 16 Regierungsjahren sauberer, der Verkehrslärm und der Heizölverbrauch kleiner, der Anteil der ÖV-Passagiere und der Velofahrer grösser geworden ist. Ihr Nachfolger Christoph Neuhaus von der SVP wird die Entwicklung vielleicht etwas anders werten, on verra.

Im Bausektor habe es bei ihrem Amtsantritt 2002 weder Recy-clingbeton noch den «Holzstandard» gegeben, beginnt Egger ihre Rückschau. Wenn der Kanton Bern heute baut, sind dem Beton ungiftige und einheimische Mineralien beigemischt. Im Schnitt werden heute in einem kantonalen Gebäude 1100 Kubikmeter einheimisches Holz verbaut. Es gibt offenbar ein Berner Flair für den Untergrund. In den letzten 16 Jahren hat der Kanton nämlich lieber in die Tiefe als in die Höhe gebaut. Für 3,3 Milliarden Franken errichtete er Hochbauten. Für 5 Milliarden aber Tiefbauten, von denen viele unsichtbar sind, weil sie unter dem Boden verlaufen: Hochwasserstollen, Strassen- und Bahntunnel, ein Kreisel im UG des Berner Wankdorfplatzes.

650 Millionen Franken gaben Bund, Kanton und Gemeinden im Bernbiet nur für den Hochwasserschutz aus. «Das ist viel Geld», räumt Egger ein, «aber jeder Rappen zahlt sich aus.» Allein das Hochwasser 2005 hat nämlich Schäden in Höhe von 800 Millionen Franken verursacht. In Lyss etwa liefen beim Unwetter 2007 Kosten von 100 Millionen Franken auf, der Hochwasserstollen aber, der Lyss künftig vor Unheil bewahrt, kostete weniger als die Hälfte. Eggers Erfolgsrechnung lautet deshalb: Teure Hochwasserbauten sind günstiger als viele Einzelreparaturen. Hinzu kommt: Der Hochwasserschutz schafft Spazierwege und Biotope. Jedenfalls mit den Jahren. Denn am Anfang sehen «revitalisierte» Zonen oft aus wie Steinwüsten und geflickte Natur.

«Die Berner Trams waren vor 16 Jahren grün, halb so lang, sehr laut und unklimatisiert», bringt Barbara Egger den Wandel im Ressort Verkehr auf den Punkt. Die Trams und S-Bahnen fahren mit immer mehr Takt. 2002 verkehrten viele Bahnen noch im Stundentakt, heute im Viertelstunden- oder sogar Siebeneinhalbminuten-Takt. Die S-Bahn hält überdies an neuen, stark frequentierten S-Bahn-Haltestellen wie Bern-Wankdorf, Biel-Bözingenfeld oder Lyss-Grien an.

«Vor 16 Jahren habe ich bei der Einweihung eines Gebäudes noch stolz auf den ­Minergiestandard verwiesen.»Barbara Egger

Überhaupt ist der Anteil des ÖV am Verkehr in den letzten 16 Jahren von 22 auf 27 Pro­zent angestiegen, in städtischen Gebieten besitzen heute 57 Prozent der Haushalte kein eigenes Auto mehr. Und während in der Schweiz nur 1 von 20 Wegen (von im Schnitt 1,2 Kilometern Länge) mit dem Velo zurückgelegt wird, sind es im braven Kanton Bern immerhin schon 2 von 20.

«Strassenverkehr ist nichts Schönes», bekennt Barbara Egger Farbe. Zwar werden immer noch 60 Prozent aller Distanzen im Auto zurückgelegt, aber man kann den unschönen Autoverkehr immerhin kanalisieren, um wohnende Menschen herumleiten und in Tunneln verstecken. Damit der motorisierte Verkehr weniger stört, hat ihm der Kanton Bern in Barbara Eggers Ära wie beim Hochwasserschutz neue Abflussrinnen gebaut: Um­fahrungen wie die superteure in Emdtal eingangs Kandertal, den Neufeldtunnel unter dem Stadtberner Viererfeld, den Bypass Thun. Und es geht weiter mit den geplanten Umfahrungen von Aarwangen und Burgdorf.

Erntet man nicht zusätzlichen Verkehr, wenn man neue Strassen baut? Und entfernt sich so von der Nachhaltigkeit? Barba­ra Egger führt jetzt die drei grossen V der Gesamtmobilitätsstrategie 2008 ins Feld, mit denen sich der Verkehr zumindest eindämmen lässt.

  • V Nummer 1 steht für Verkehr vermeiden, indem man Siedlungsbau und Verkehrsführung besser aufeinander abstimmt.
  • V Nummer 2 heisst: Verkehr verlagern, indem man die Menschen mit zentralen ­Haltestellen, Viertelstundentakt und Velowegen zum Umsteigen auf ÖV und Fahrrad animiert.
  • V Nummer 3 meint: Verkehr verträglich gestalten, indem man etwa wie in Köniz die Ortsdurchfahrt entschleunigt und die Koexistenz aller Verkehrsteilnehmer fördert. Und noch etwas: Von den 2564 kantonalen Fussgängerstreifen sind schon 1263 sicherer gestaltet. Nimmt man als Durchschnittsstreifenlänge 10 Meter an, ergäbe das ein gelbes Band von 12,6 Kilometern Länge, auf dem die Unfälle seit 2013 um 19 Prozent zurückgegangen sind.

«2002 habe ich bei der Einweihung eines Gebäudes noch stolz auf den Minergiestandard verwiesen, heute mache ich höchstens noch um ein ganzes Plusenergiequartier viel Aufheben», sagt Barbara Egger. Die Energiebilanz des kantonalen Gebäudeparks kann sich sehen lassen. 2002 gab es gerade mal 90 Quadratmeter Minergiefläche, heute sind es 2389-mal mehr – oder 215 000 Quadratmeter. Die 33 Solaranlagen auf kantonalen Gebäuden bilden eine Fläche von drei Fussballfeldern. Der Wärmeverbrauch der kantonalen Gebäude ist um 27, ihr C02-Ausstoss durch Ölheizungen um 58 Prozent gesunken.

Und die restlichen Gebäude im Kanton? Im Schnitt wird pro Woche ein Plusenergiegebäude ins kantonale Förderprogramm aufgenommen. Und von 2006 bis 2014 hat sich die Energieeffizienz beheizter Wohngebäude immerhin um 5 Prozent verbessert.

Bernerinnen und Berner zahlen im Jahr über eine halbe Milliarde Franken für Heizöl. «Dieses Geld fliesst in die Kassen von Diktaturen statt in die Kassen von Ber­ner KMU der zukunftsträchtigen Cleantechbranche», schimpft Barbara Egger. Aber auch hier wird es besser. Es gibt neue Berufe wie den «Solarteur». Im Berner Telefonbuch findet man unter dem Stichwort «Solar» 400 Firmen. 15 000 Arbeitsplätze zählte die Berner Energie- und Umwelttechnik im Jahr 2012. Barbara Eggers Schluss: «Die Cleantechbranche ist heute im Kanton der Uhrenindustrie ebenbürtig.»

«Die Cleantechbranche ist heute im Kanton Bern der Uhrenindustrie ebenbürtig.»Barbara Egger

Muss man überhaupt noch erwähnen, dass der Kanton Bern 2019 in Mühleberg das erste AKW der Schweiz abstellt? Dessen jährliche 3100 Gigawattstunden Strom durch Wasserkraft zu ersetzen, ist allerdings nicht ganz leicht. Weil der Strompreis taumelt, wird nicht so recht in den urbernischen Rohstoff aus dem Gebirge investiert. Immerhin will der Kanton bis 2035 die Wasserkraft um 300 Gigawattstunden steigern – das ist ein Zehntel der Mühleberg-Leistung. Seit 2015 kamen mit Neubauten und Sanierungen 142 Gigawattstunden hinzu. Weitere 145 Gigawattstunden wird das geplante Wasserkraftwerk am Triftgletscher liefern. Damit liessen sich die Städte Burgdorf und Langenthal mit Strom versorgen.

«Kleine Schritte sind auch Schritte», sagt Barbara Egger mit ihrer guten Sisyphus-Lau­ne. Hauptsache, die Richtung stimmt. Es gibt noch eine Überzeugung, die sie antreibt: «Vielleicht haben wir einmal autonome Fahrzeuge, die Verkehrspolitik aber wird nie selbst- fahrend sein.» Im Jargon der ­Verkehrsdirektorin fügt sie an: «Energie- und baupolitisch muss man steuern.» Um die Zukunft lebenswert zu gestalten, müsse man wollen, dass weniger Bodenfläche zerstört werde, die Luft sauber bleibe und der Lärm nicht überhandnehme. Barbara Egger wollte. Es ist wie eine kleine Botschaft an ihren Nachfolger. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 07:01 Uhr

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