Babylon im «Bären»

Bern

Regelmässig treffen sich im Berner Hotel Bären und in der Café-Bar Wartsaal Hobbylinguisten, um Fremdsprachen zu üben. In ungezwungener Atmosphäre plaudern sie über Ferien oder das Kochen – Fehler werden nicht korrigiert.

Union Jack und Sternenbanner stehen für Englisch: Je nach Flagge wird an den Tischen in einer anderen Sprache geplaudert.

Union Jack und Sternenbanner stehen für Englisch: Je nach Flagge wird an den Tischen in einer anderen Sprache geplaudert.

(Bild: Susanne Keller)

Vier Tische, vier Moderatoren, vier Sprachen: In der Bar des Hotels Bären erklingt ein babylonisches Sprachenwirrwarr. Die weichen Klänge des Französischen wechseln sich ab mit der Aufgeregtheit des Italienischen, das melodiöse Spanisch vermischt sich mit den gelispelten «th»-Lauten des Englischen. Die Gründerin der Sprachenbar, Verena Schoch, winkt und schreitet energisch durch die Lobby. Sie ist die Moderatorin am italienischen Tisch, könnte aber wohl in allen Gruppen sitzen und mitplaudern: Die ehemalige Exportsekretärin spricht fünf Sprachen, inklusive Hebräisch. «Leider hat sich der hebräische Tisch nicht etabliert», sagt sie lachend.

Das Konzept der Sprachenbar ist bestechend einfach. Zwischen 19.30 und 21 Uhr setzen sich die Besucher an einen der verschiedenen Tische und unterhalten sich unter der Leitung eines Moderators in der jeweiligen Fremdsprache. Die Aussprache wird nicht korrigiert, Grammatikfehler werden ignoriert. «Wichtig ist die Kommunikation, die Freude an den Fremdsprachen», erklärt Verena Schoch. «Wenn man korrigiert, stört man den Gesprächsfluss.»

Die Liebe zum Akkusativ

Viele Fehler werden ohnehin nicht gemacht. Das Sprachniveau an den Tischen ist oft sehr gut, auch wenn alle Besucher als Muttersprache Deutsch haben. Wie auch die Moderatorin am englischen Tisch, die aber zehn Jahre lang in England gelebt hat. «And I really loved it», seufzt sie. Die Damen plaudern über ihre Hobbys, über das Kochen, über das Essen. «As you see, I like eating», lacht eine Frau. Am französischen Tisch fachsimpeln drei ältere Damen derweil über die Grammatik. Sie liebe das COD, das Akkusativobjekt, schwärmt eine Frau in fast akzentfreiem Französisch. «C’est trop charmant.» Die anderen zwei nicken unsicher, führen das Gespräch langsam zurück in Richtung Ferien. Das Niveau der Gespräche bleibe eher auf der Small-Talk-Ebene, sagt Schoch. Ab und zu gehe es jedoch auch in die Tiefe – je nach Vokabular der Teilnehmer.

Die Sprachenbar hat Schoch im April 2011 ins Leben gerufen, zuerst ausschliesslich in Burgdorf, mittlerweile in zehn Lokalen an neun Orten in der ganzen Schweiz verteilt. In Bern findet die Sprachenbar doppelt statt: sowohl an jedem vierten Dienstag im Hotel Bären als auch bis im April an jedem zweiten Mittwoch im «Wartsaal».

Den Erfolg ihres Konzeptes führt Verena Schoch darauf zurück, dass sie den Nerv der Zeit getroffen hat. «Sprachen werden wichtiger, die direkte Kommunikation nimmt zugunsten der digitalen Welt aber immer mehr ab», sagt sie. In der Sprachenbar könne man Sprachkenntnisse auffrischen und gleichzeitig neue Bekanntschaften schliessen. Eine Dame am englischen Tisch nickt. «It’s all very international», meint sie dann.

Alle Daten: www.sprachenbar.ch, Eintritt 10 Franken.

Berner Zeitung

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