Auf dem schlechten Weg

Das Theater an der Effingerstrasse bringt mit «Via Mala» ein eindringliches Familiendrama um Schuld und Sühne auf die Bühne.

Abwesend und anwesend zugleich: Ein Toter unter der Erde.

Abwesend und anwesend zugleich: Ein Toter unter der Erde. Bild: Severin Nowacki / zvg

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Der Tod ist anwesend, von Anfang an. Das Bühnenbild (Peter Aeschbacher) besteht aus einer Reproduktion von Giovanni Segantinis «Tod» von 1899. Der Künstler selbst starb bei der Arbeit an seinem Triptychon, von dem «Tod» der letzte Teil ist. Vor dieser melancholischen Schneelandschaft, unter der Leichen einfach so verschwinden können, spielt sich im Theater an der Effingerstrasse ein Familiendrama ab.

«Via Mala» verweist einerseits auf den geografischen Ort – wir sind in einem Bergdorf – und anderseits auf den lateinischen Begriff – die Figuren haben einen «schlechten Weg» eingeschlagen. John Knittels 1934 erschienener Roman war ein riesiger Publikumserfolg. Drei Verfilmungen, 1985 mit Mario Adorf in der Rolle des Tyrannen, haben den Stoff umgesetzt. Die ebenfalls von John Knittel stammende Theaterversion des Romans wurde 1937 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt.

Der eigentliche Protagonist, der Sägemüller Jonas Lauretz, ein Säufer und Hurenbock, ist in der Theaterversion von Anfang an schon unter der Erde. Von seiner Bösartigkeit und seinen Freveltaten erfährt man einzig durch die Erzählungen seiner Familienmitglieder, die ihn ermordet haben.

Wie ein Tier

Die Schuld lastet schwer auf Sohn Niklaus (Fabian Guggisberg), Tochter Hanna (Nicola Trub) und der zunehmend in den religiösen Wahn abdriftenden Mutter (Vera Lippisch). «Mein bisschen Seele, das ist schon lange kaputt», sagt Hanna. «Wie ein Tier müsste man sein, ohne Gedächtnis», sagt Niklaus. Beim Mord nicht dabei war die jüngere Schwester Sylvia (Sascia Ronzoni). Sie hat damals gekellnert in der Stadt. Doch frei von Schuld ist auch sie nicht. Der Streit, der zum Mord führte, galt ihr – der Alte wollte Geld entwenden, das Sylvia zustand. Ausserdem hat sie einen Eid geschworen, ihre Familie zu decken.

Was haben diese Menschen durchgemacht, um zu Mördern zu werden? Niklaus wurde vom Alten übel zugerichtet. Er hat ein steifes Bein und ein verstümmeltes Ohr. Hanna ist innerlich verhärtet, und die Mutter möchte «vor Kälte sterben».

Gedehntes Zeitgefühl

Gebannt folgt man dieser Geschichte, die das Ensemble unter Regie von Alexander Kratzer mit Zug erzählt. Ein paar Stühle genügen als Requisiten. An ihnen erkennt man, ob man sich in der einfachen Lauretz-Stube oder bei «besseren» Leuten befindet. Das Ticken einer Uhr und ein paar minimalistische Soundeffekte sorgen für ein gedehntes Zeitgefühl, wie man es oft in der Abgeschiedenheit empfindet.

Als Sylvia Andreas von Richenau (Fabian Schiffkorn), einen Untersuchungsrichter aus gutem Hause, heiratet, wird es brenzlig. Richenau kommen Akten über den angeblich verschollenen Familienvater in die Hände. Er brauchte bloss die Verschollenenanzeige zu unterschreiben, und die Familie seiner Frau könnte zur Ruhe kommen. Ob es ein guter oder ein schlechter Weg ist, den er mit seiner Entscheidung einschlägt, bleibt offen. Ein Happy End sieht anders aus.

Vorstellungen: bis zum 20. Oktober im Theater an der Effingerstrasse. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.09.2017, 13:16 Uhr

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