Auf dem Thorberg hat der Ramadan seinen festen Platz

Krauchthal

Ramadan – der Monat der Selbstreinigung im Islam. Ihn im Gefängnis zu begehen, ist erlaubt. Die Anstalten Thorberg achten gar besonders auf die religiösen Feiertage. Sie erhoffen sich davon Ruhe.

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Dominik Galliker@DominikGalliker

Stahlgraue Augen. Sie stechen hervor, wenn Agon H* einen anschaut. Ein schmales Gesicht, überzogen mit einem Dreitagebart. «Es geht mir super», sagt er. Es ist Montag, 11.30 Uhr, H sitzt in einem Anwaltszimmer der Anstalten Thorberg. Die Zeit für einen Spaziergang im Hof ist gerade vorbei, das Mittagessen steht an. Doch Agon H isst nichts. Zwischen Sonnenaufgang, 5.30 Uhr, und Sonnenuntergang, 21.30 Uhr. «Ramadan ist der schönste Monat im Jahr», sagt er.

Am 18. Juni hat der «heisse Monat» begonnen, wie Ramadan aus dem Arabischen übersetzt heisst. Der Monat, in dem der Koran herabgesandt wurde, so steht es in Sure 2. Wer nicht unterwegs ist, der soll fasten. 40 Prozent der Thorberg-Insassen sind muslimischen Glaubens. 11 der total 180 Männer begehen den Ramadan.

Alle Gefängnisse lassen dies zu. Sie müssen. Denn die Religionsfreiheit gilt im Gefängnis genauso wie ausserhalb. Das hat das Bundesgericht 1987 entschieden, als der Kanton Zürich 19 Insassen der Strafanstalt Regensdorf verbieten wollte, ein Freitagsgebet abzuhalten.

Keine Arbeitspflicht

Der Umgang der Gefängnisse mit dem Ramadan ist unterschiedlich. In den offenen Anstalten Witzwil gilt weiter Arbeitspflicht. Genauso in Pöschwies, der schweizweit grössten geschlossenen Strafanstalt. 54 der gut 400 Insassen begehen dort den Ramadan. Sie können das Essen nach Sonnenuntergang in der Zelle einnehmen.

Der Thorberg kennt ein liberales Regime, wie Direktor Thomas Egger erklärt. Hier müssen die Fastenden nicht arbeiten. «Wer Ramadan macht, hat weniger Energie und ist vielleicht auch gereizter», sagt Egger. Er war für die UNO in Damaskus tätig. «Ich habe Situationen erlebt, da sind zu Beginn des Ramadans Männer mitten auf der Strasse aus dem Auto ausgestiegen, um sich zu prügeln.»

«Es gilt bei uns das Motto: ‹Entweder man ist schwanger, oder man ists nicht›» – man könne nicht später mit dem Ramadan anfangen, und wer abbreche, der habe definitiv abgebrochen, so Egger. Wer nicht arbeitet, erhält zudem auch keinen Lohn. 26 Franken sind es für gewöhnlich. Dafür gibt es am Kiosk Zigaretten, Telefonkarten, kann man private Kleider waschen lassen.

Im Anwaltszimmer sagt Agon H: «In den ersten Tagen ist es ungewohnt.» Die Verdauung. Und gegen Abend werde man etwas «weich», wie H es ausdrückt. Eigentlich hätte er auch während des Ramadans arbeiten wollen. Er setzt kleine Harassen zusammen, verklebt sie, meist hat er Musik in den Ohren.

«Die Zeit läuft schnell, wenn du arbeitest», sagt H. «Was soll ich jetzt den ganzen Tag in der Zelle machen?» Er will während des Ramadans den Koran lesen, ist aber schon in der Mitte. Tagsüber schlafe er oft. «Dafür bin ich nachts meist wach bis 5.30 Uhr. Dann mache ich das Morgengebet und gehe ins Bett.»

Personal ist sensibilisiert

Die Anschläge auf die «Charlie-Hebdo»-Redaktion rückte das Thema «Religion im Gefängnis» in den Fokus. Die Attentäter wurden im grössten Gefängnis Europas (2855 Haftplätze) nahe Paris radikalisiert. Experten sind sich aber einig, dass diese Gefahr in der Schweiz viel geringer ist – nicht nur wegen der Grösse der Gefängnisse. «Die Anstalten haben mehr Personal, die Ausbildung ist gut», sagt Thomas Noll, Direktor vom Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal. Zur Ausbildung gehört ein Kurs über den Islam.

Im Zentrum stehen andere Fragen. «Man muss auf die kulturellen Unterschiede achten», sagt Noll. In einigen Gefängnissen leben Menschen aus 40 Nationen. «Es kann zu Frustration führen, wenn man zu wenig darauf achtet. Religion kann für Gefangene aber auch ein willkommener Anlass dafür sein, generelle Vorwürfe zu platzieren.»

Auch Thorberg-Direktor Thomas Egger sagt, die Religion spiele eine wichtige Rolle. Nach der Einweisung sind die Insassen zunächst in Dreierzellen untergebracht. «Wir müssen extrem darauf achten, wer mit wem in der Zelle ist.» Der Thorberg hat eine Kapelle, die allen Religionen offensteht. Am Wochenende findet ein Gottesdienst statt, zudem sind Seelsorger für Einzelgespräche da. Letzte Weihnachten sang ein Gospelchor – «das hat viele angesprochen», sagt Egger.

Der Direktor zeigt auch den Essensplan. Vier Menüs gibt es: ein reguläres, eines für Diabetiker, eines für Vegetarier und eines für Muslime. «Mit solchen Angeboten kann man als Anstalt dazu beitragen, dass es ruhig bleibt», erklärt Egger. Und fügt an: «Was bringt es, wenn man nicht Rücksicht nimmt? Nichts als Ärger.»

Agon H ist in Kosovo aufgewachsen. «Ich komme aus einer gläubigen Familie», sagt er. Als Kind habe er immer gefastet, später einige Jahre nicht, weil er auf dem Bau arbeitete. «Im Gefängnis hat man gute Voraussetzungen», sagt er. «Wenn man Schuld hat, dann kommt irgendwann die Zeit, in der man sie zurückzahlen muss.» Ramadan sei der Monat der Selbstreinigung. Reinigung von der Schuld seiner Tat? Nein, sagt H. Er sitzt wegen einer «Familienangelegenheit» – mehr sagt er dazu nicht.

Fünfeinhalb Jahre Haft, es war ein Indizienprozess. H sagt, er sei unschuldig. Das Urteil ist noch in Revision. «Gott kennt mich besser als die Justiz», sagt H. «Am Ende geht jeder alleine ins Grab. Das ist das richtige Gericht.»

*Name geändert

Berner Zeitung

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