Auch ohne Operation ist Claudia Meier vor dem Recht eine Frau

Um das Geschlecht rechtlich von Mann auf Frau zu wechseln, braucht es nicht zwingend eine geschlechtsangleichende Operation. Diesen wegweisenden Entscheid hat das Regionalgericht im Fall der transsexuellen Claudia Meier gefällt.

Angekommen in ihrem Wunschgeschlecht: Claudia Meier.

Angekommen in ihrem Wunschgeschlecht: Claudia Meier. Bild: Stefan Anderegg

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«Das Gericht ist überzeugt, dass die Antragstellerin in ihrem Wunschgeschlecht angekommen ist.» Und: «Es ist festzustellen, dass die Antragstellerin nunmehr weiblichen Geschlechts ist.»

Die Passagen im Urteil des Regionalgerichts Bern-Mittelland lesen sich nüchtern. Für Claudia Meier aber sind sie «erfreulich und für andere in meiner Situation hoffentlich zukunftsweisend». Die Direktorin des Viersternhotels Schwefelbergbad gelangte in diesem Juni an das Gericht, weil sie erreichen wollte, dass sie auch rechtlich als Frau gilt – und in ihren Papieren «F» für Frau statt wie bisher «M» für Mann stehen darf (siehe Infobox «Gutachten»). Das Gericht entschied damals, dass dies rechtens sei. Seit Ende letzter Woche liegt nun die Begründung für diesen Entscheid vor.

Operation nicht zwingend

Der Kern dieser Begründung: Für den amtlichen Geschlechtswechsel braucht es nicht zwingend eine geschlechtsangleichende Operation. Eine solche Operation als Vorbedingung zum rechtlichen Nachvollzug einer Geschlechtsänderung könne nicht verlangt werden. In genau dieser Frage gab es bisher rechtlich keine Klarheit (siehe Infobox «Recht»).

Das Gericht schreibt nun: Ein Geschlechtswechsel sei gelungen, wenn die Person die «konstante Erfahrung» mache, in ihrem Wunschgeschlecht angekommen zu sein. Und dies, so das Gericht weiter, sei bei Claudia Meier «ohne Zweifel» der Fall. Sie trete auf «äusserst überzeugende Art und Weise» als Frau auf, schreiben die Richter.

«Das Urteil und die Begründung freuen mich sehr», sagt Meier. Sie hatte stets dafür gekämpft, dass es nicht zwingend eine Operation brauche, um rechtlich als Frau zu gelten. Dieser Kampf habe sich gelohnt, obwohl es für sie ein langer und auch teurer Weg gewesen sei. Vor allem die schriftliche Begründung des Gerichts habe lange auf sich warten lassen.

Der «letzte Schnitt»

Seit einiger Zeit steht in ihren Papieren bereits Claudia und nicht mehr Andreas Heribert Meier. Doch das «M» für Mann blieb bisher stehen. Nun will sie eine neue Identitätskarte und einen Pass mit dem Vermerk «F» bestellen.

Noch in diesem Jahr steht ihr der «letzte Schnitt» bevor, wie sie es selber ausdrückt. In Deutschland wird sie die geschlechtsangleichende Operation vornehmen. Diesen Schritt hatte sie stets geplant, wollte damit aber warten, bis sie mehr Infos hatte. «Und vor allem wollte ich nicht, dass eine Operation Voraussetzung für die rechtliche Änderung sein sollte.»

Nun könne sie den Operationstermin mit ruhigem Gewissen wahrnehmen. Im Frühjahr verkaufte sie das Hotel Schwefelbergbad auf Oktober hin. «Mit dem Hotel hätte ich niemals die Zeit für die Operation und eine darauffolgende Ruhepause gehabt. Erst der Verkauf hat mir die nötige Luft dazu gegeben.» Nun plant sie die Auszeit nach der Operation und will in Spanien ihre Spanischkenntnisse verbessern. Um dann nach Bern zurückzukehren und ihren Traum zu verwirklichen, eine kleine Bar zu eröffnen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.09.2012, 10:30 Uhr

Gutachten

Schon in ihrer Kindheit fühlte sich Claudia Meier in ihrer Rolle als Knabe oft verunsichert. Dies hält ein Gutachten eines Fachpsychotherapeuten vom Juli 2012 fest.

In der Zeit vom 12.Lebensjahr bis zu ihrem Coming-out als Transsexuelle im Jahr 2010 lebte Meier ein Doppelleben. Seither tritt die Direktorin des Viersternhotels Schwefelbergbad im Gantrischgebiet auch äusserlich als Frau auf. Seit Anfang 2011 unterzieht sich Claudia Meier einer Hormontherapie.

Das Gutachten bescheinigt Meier heute ein «dezidiertes, charmantes und gewinnendes Auftreten, das bisweilen an die Grenze des Forschen geht». Die soziale Integration sei ausgezeichnet. Claudia Meier ist laut dem Psychotherapeuten eine «echt Transsexuelle mit besten Voraussetzungen».

Recht

Eine gesetzliche Grundlage, damit eine Person ihre ursprüngliche Geschlechtsidentität rechtlich ändern lassen kann, fehlt in der Schweiz. 1993 führte das Bundesgericht aus, dass die Änderung des Personenstands infolge Geschlechtsumwandlung nicht dem persönlichen Empfinden des Transsexuellen überlassen werden könne. Für klare Verhältnisse brauche es einen «irreversiblen Geschlechtswechsel». Was das genau heisst, blieb offen.

2011 hielt das Zürcher Obergericht fest, dass für den rechtlichen Nachvollzug einer Geschlechtsumwandlung die «äussere, wahrnehmbare Erscheinungsweise dem Wunschgeschlecht entsprechen» solle und die Fortpflanzungsunfähigkeit gewährleistet sein müsse. Kurz: Ein Geschlechtswechsel sei auch ohne operative Entfernung der Geschlechtsmerkmale anzuerkennen, soweit die Angleichung an das Wunschgeschlecht auf andere Weise erfolgt sei. Darauf berief sich nun auch das Berner Gericht. Das Gericht zitiert in der Begründung auch die Fachwelt, die sich mit Transsexualität befasse. Diese sei sich einig, dass der operative Eingriff keine notwendige Voraussetzung einer dauerhaften und erkennbaren Änderung der Geschlechtszugehörigkeit sein könne.

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