Auch Jane Birkin winkt dem TGV

Ferenbalm

Jane Birkin spielt Sonja Schmid: Die legendäre Schauspielerin verkörpert im Film die Frau, die jahrelang dem TGV zugewinkt hat. Und plötzlich auf das Ritual verzichten muss, weil der Zug von der Linie verbannt wird.

Winken mit dem Schweizer Fähnchen: Jane Birkin (links) grüsst im Film den TGV, so, wie dies einst Sonja Schmid in Ferenbalm getan hat<p class='credit'>(Bild: zvg/Stefan Anderegg)</p>

Winken mit dem Schweizer Fähnchen: Jane Birkin (links) grüsst im Film den TGV, so, wie dies einst Sonja Schmid in Ferenbalm getan hat

(Bild: zvg/Stefan Anderegg)

Eine Frau steht am Fenster und winkt mit dem Schweizer Fähnchen. Tag für Tag begrüsst sie den TGV, der, so erzählt es der Film, an ihrem Haus irgendwo auf dem Land vorbeirast. Plötzlich findet sie einen Brief im Garten, bald folgen Käsepakete. Sie nimmt ihrerseits über das Bahnunternehmen Kontakt zum Lokführer auf, es entwickelt sich eine Freundschaft auf Distanz.

Bis die Direktion beschliesst, den französischen Superzug von der Linie zu nehmen, weil er so nicht mehr rentiert. Die Frau merkt es reichlich spät, und nur weil ihr ein junger Mann aus dem Dorf mit seinem Sportwagen zu Hilfe eilt, schafft sie es gerade noch zum Rendezvous mit dem Lokführer. Dieser verlässt Zürich, seine Stadt, und folgt dem TGV in Richtung Paris.

Ein anderer Schluss

Die Geschichte von Sonja Schmid aus Ferenbalm zieht weite Kreise. Auch sie stand jahrelang am Gleis und winkte dem TGV zu. Auch sie fand regelmässig Botschaften und Geschenke in ihrem Garten. Und auch sie musste sich eines Tages damit abfinden, dass der Zug nicht mehr an ihrem Haus vorbeifuhr – Grund genug für den Zürcher Jungregisseur Timo von Gunten, daraus einen Stoff für die Leinwand zu entwickeln. Zurzeit laufen die letzten kleinen Drehs zum achtzehnminütigen Kurzfilm, der zur Hauptsache im Juni eingespielt worden ist. Für die Hauptrolle liess sich die 68-jährige Jane Birkin gewinnen, eine britisch-französische Schauspiellegende.

Im richtigen Leben endete die Geschichte übrigens anders. Sonja Schmid lernte die Lokführer lange vor dem Ende der TGV-Zeit kennen. Als es so weit war, lud sie die Männer zu ihrem ganz persönlichen Abschiedsfest ein, mit einem Feuerwerk für den letzten regulären Zug.

Die Krise als Wende

Wie ein Zürcher dazu kommt, ein Thema aus dem Bernbiet zu verfilmen? Timo von Gunten blendet anderthalb Jahre zurück in den Dezember 2013, als ein erster BZ-Artikel über Sonja Schmid landesweit Widerhall fand. Er interpretierte den speziellen Lokführergruss auf seine Art: Im Film ist das tägliche Winken der einzige Bezug, den die Frau am Fenster zur Welt von heute noch hat. Zu schnelllebig ist ihr der Alltag geworden und zu fremd die moderne Art der Kommunikation über Internet und soziale Medien. «Gerade bei den älteren Leuten beobachte ich, dass es nicht selbstverständlich ist, mit der Zeit Schritt zu halten», stellt Timo von Gunten fest.

Im Film wird die Krise, der Augenblick, in dem der Zug plötzlich ausbleibt, zum Wendepunkt. Die Frau am Fenster ist gezwungen, über den jungen Mann mit dem Sportwagen in Kontakt zur heutigen Welt zu treten – und findet sich so unvermittelt mitten im Leben wieder.

Das Echo auf «La femme et le TGV», wie der Film offiziell heisst, sei durchgehend positiv, fährt Timo von Gunten fort. Er denkt nicht nur an Jane Birkin, die er über persönliche Kontakte kennen lernen und schliesslich für sein Projekt begeistern konnte. Sondern auch an die öffentliche Hand, die das für einen tiefen sechsstelligen Betrag produzierte Werk finanziell unterstützt.

Ein Haus mit freiem Blick

Gedreht wurde zum einen in Zürich, wo die Frau am Ende den Lokführer trifft, zum andern in Seyssel, einem 1000-Seelen-Flecken im französischen Rhonetal südlich von Genf. Hierzulande ein Haus mit freiem Blick auf ein vom TGV benutztes Gleis zu finden, sei unmöglich gewesen, sagt Timo von Gunten. In den nächsten Wochen folgt nun der Schnitt. Der Jungregisseur rechnet damit, dass der Film im Frühling 2016 fertig ist.

Berner Zeitung

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