Zollikofen

Auch Blinden hilft ein Tablet

ZollikofenDie Blindenschule Zollikofen arbeitet seit kurzem im Unterricht mit einigen Tablets anstelle von Com­putern. Ein solches Gerät, ohne Tastatur und sonstige Ein­gabehilfen – wie kann das den Alltag der Blinden erleichtern?

Filipe übt mit seinem Lehrer Alexander Wyssmann auf dem Tablet, das er sowohl mit wie auch ohne Tastatur bedienen kann.
Video: Christian Häderli

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Filipe sitzt in einem Klassen­zimmer und bedient ein iPad. Die Aufgabe des 11-jährigen Schülers besteht darin, auf der App der SBB verschiedene Verbindungen herauszusuchen und sie sich per Mail zu verschicken. Eine In­formatiklektion in einem x-be­liebigen Schulhaus? Bei weitem nicht. Filipe kann nämlich nicht sehen, was auf seinem Tablet passiert, der Junge ist blind. Genauso wenig kann sich auch der Lehrer, Alexander Wyssmann, auf seine Augen verlassen.

«Ich arbeite gern mit dem Ta­blet, es hilft mir sehr», sagt der Junge begeistert. Und das sieht man durchaus. Filipe, der mit dieser Technik aufwächst, kann den Touchscreen problemlos bedienen und den Befehlen schnell folgen – auch wenn der Bildschirm ganz ausgeschaltet ist. Denn der Junge arbeitet ausschliesslich über das Gehör mit dem Gerät, das ihm jeden Buchstaben vorliest, wenn er etwas eintippt und sucht.

Grosse Möglichkeiten

Das Tablet-Projekt ins Leben gerufen hat Direktor Christian ­Niederhauser mit seinem Team. «Wir haben die Swisscom als Partner engagieren können, und der Lions Club hat uns sehr in unserem Vorhaben unterstützt», erklärt er. Die Digitalisierung betreffe alle Schulen, und die Blindenschule Zollikofen habe sich überlegen müssen, wie man all diese Anwendungen hindernisfrei zugänglich machen könne. Deshalb sollen auf die zehn ak­tuellen Tablets, die die Schule nutzt, bald weitere zehn folgen. «Schon mit dem Internet sind die Möglichkeiten für unsere Schülergruppe gewachsen», weiss Christian Niederhauser.

Früher seien für sehbehinderte oder blinde Schüler fast nur handwerkliche Berufe wie Korbflechter infrage gekommen. «Heute können unsere Schüler problemlos eine KV-Ausbildung absolvieren.» Die Schule will mit den Tablets vor allem die Mobilität und die Kommunikation ihrer Lernenden fördern.

Ein Quantensprung

«Sehr wichtig für das Projekt ist es, dass die Lehrpersonen fit werden im Umgang mit den neuen Geräten», erzählt Lehrer und Mitinitiator Jean-Luc Gassmann. Für die Blinden sei der Schritt vom PC mit einer eigenen Tastatur zum Tablet mit der glatten Fläche ein Quantensprung. Das Gerät werde vor allem als Hilfsmittel oder als Lehrmittel gebraucht. Sehbehinderten Menschen dient es als Lupe dafür, Dokumente oder Bilder zu vergrössern. Als didaktisches Mittel ist es in den Sprachen geeignet. «Zum Wörtchenlernen ist das iPad ideal, es fragt ab und liest vor.»

Jean-Luc Gassmann (l.) und Christian Niederhauser erklären das Projekt der zehn neuen Tablets, die die Blindenschule angeschafft hat. Bild: Christian Pfander

Jean-Luc Gassmann weiss aber, dass mit den Geräten noch viel mehr möglich wäre. «Die Entwickler schmunzeln darüber, wie begrenzt unser Gebrauch ist.» Warum die Schule gerade auf den Apfelgiganten setzt, hat einen simplen Hintergrund. «Apple Voice-over funktioniert zuverlässiger als bei anderen Anbietern, was den Blinden den Alltag enorm erleichtert», erklärt er. Gleichzeitig betont Gassmann aber: «Auch wenn die Schüler fit sind im Umgang mit den neuen Technologien, brauchen sie viel mehr Unterstützung, um gleich schnell zu sein wie Sehende.»

Alltagstauglich

Filipe versucht unterdessen, die Verbindung von Zollikofen nach Genf zu finden. Das Tablet liest ihm vor, wo er sich auf der App befindet und was er in ein Textfeld eingibt. «Z», «o», «l», «l», schreibt der Junge auf die Tastatur und erhält gleich das mündliche Feedback seines Geräts, dass er die Buchstaben getroffen hat. Dann erscheint aber eine Fehlermeldung, die Schüler und Lehrer durcheinanderbringt. «Wenn etwas nicht funktioniert, ist es manchmal schwierig, herauszufinden, wo das Problem liegt», sagt Alexander Wyssmann. Genau mit solchen Situationen seien seine Schüler auch im Alltag konfrontiert. «Deshalb trainieren wir im Unterricht auch mit Seiten, die sie häufig benutzen.»

Wyssmann ist überzeugt von der Arbeit mit dem iPad, er kann auch mit seinem Handy auf alle Funktionen zurückgreifen. «Ich gelange mit Google Maps von einem Ort zum nächsten, das Gerät steuert mich», erklärt er. Erst vor kurzem sei er nicht sicher gewesen, ob er bei der richtigen Hausnummer gestanden habe. «Also habe ich das Klingelschild fotografiert. Mein Handy hat mir anschliessend die Namen vorgelesen und mir bestätigt, dass ich am Ziel bin.»

Mehr Infos: www.blindenschule.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.11.2017, 10:51 Uhr

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