Bern

Asyl in der WG

BernEine Bernerin und ein Berner leisten ihren ganz persönlichen Beitrag zur Bekämpfung der Wohnungsnot im Asylwesen. Mit ihrem schweizweit einzigartigen Projekt möchten sie junge Flüchtlinge in WGs unterbringen.

Private Initiative: Gian Färber und Méline Ulrich glauben an das Integrationspotenzial der Wohngemeinschaft.

Private Initiative: Gian Färber und Méline Ulrich glauben an das Integrationspotenzial der Wohngemeinschaft. Bild: Susanne Keller

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Noah* sitzt in einem Wohnzimmer im Länggassequartier und lächelt. «So stelle ich mir das WG-Leben vor», sagt er und zeigt auf das geschäftige Treiben um ihn herum – auf den jungen Mann, der gerade nach Hause gekommen ist, auf den, der in der Küche kocht und den dritten, der am Tisch sitzt und zuhört.

Noah also möchte in eine Wohngemeinschaft ziehen. Das ist ungewöhnlicher als es tönt, denn der junge Mann ist aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet – aus einem Land, in dem die Wohnform der WG quasi nicht existiert. Dass sich Noah dennoch für das Zusammenleben mit gleichaltrigen Schweizern interessiert, das ist Gian Färber und Méline Ulrich zu verdanken.

Die beiden Berner haben «Wegeleben» gegründet, ein schweizweit einmaliges Projekt, in dessen Rahmen junge, geflüchtete Menschen an Wohngemeinschaften vermittelt werden sollen.

Der Jurist und die Politologin wollen damit drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: «Das Zusammenleben soll die sprachliche und soziale Integration der Geflüchteten fördern», sagt Gian Färber. Zugleich soll es die hiesige WG-Kultur bereichern und einen Beitrag gegen die Wohnungsknappheit im Asylwesen leisten.

Junge werden isoliert

«Wir möchten Denkstrukturen durchbrechen, die Menschen voneinander trennen», sagt Méline Ulrich. Als Praktikantin bei der Fachstelle Wohnen der Caritas hat sie selbst hautnah miterlebt, wie schwer die Wohnungssuche für Flüchtlinge oft ist. «Insbesondere die jungen Erwachsenen fallen zwischen Stuhl und Bank: Sie sind zu alt für den obligatorischen Schulunterricht, können aber auch nicht direkt in die Berufswelt einsteigen.» Würden sie doch mal eine Einzimmerwohnung finden, sei diese meist schlecht gelegen, die jungen Erwachsenen würden oft ein isoliertes Dasein mit wenigen Anknüpfungspunkten zur Schweizer Gesellschaft führen.

Mehr als vierzig Flüchtlinge zwischen 18 und 25 Jahren sind laut Caritas im Kanton Bern auf der Suche nach einer Wohnung. Fünfzehn von ihnen, alles junge Eritreer, luden Gian und Méline Ende April zu einer ersten Infoveranstaltung. «Wir wollten sie möglichst früh miteinbeziehen», sagt Gian Färber. Ihm sei wichtig, dass man die Menschen nicht ständig in ein «wir» und ein «sie» einteile. «Das Projekt kann nur funktionieren, wenn alle an einem Strang ziehen.»

So kam es bei der ersten Infoveranstaltung zu einigen Überraschungen. «Wir mussten den Anwesenden erst erklären, was eine WG ist», sagt Méline und lächelt. Es seien Fragen aufgekommen wie «Darf ich in der WG ein- und ausgehen, wann ich will?» oder «Habe ich da mein eigenes Zimmer?» Erst mithilfe eines schweizerisch-eritreischen Bekannten und durch einen Anschauungsbesuch in Gians eigener WG hätten sie den jungen Leuten das Konzept vermitteln können. Endgültig gebrochen sei das Eis aber erst, als Noah vor allen anderen erklärte, dass er gerne mit Schweizern zusammenwohnen würde, aber Angst habe, den ersten Schritt zu machen – er wisse nicht, wie das genau funktioniere. «Da zeigte sich, dass es den anderen ganz ähnlich geht», sagt Gian. «Und wir konnten erklären, dass wir genau dafür da sind: Als Vermittler zwischen ihnen und den Wohngemeinschaften.»

Alles Freiwillige

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe hält das Projekt für eine «ausgezeichnete Idee». Das Hilfswerk Caritas zeigt sich froh, dass neue Mittel gegen die Wohnungsknappheit entwickelt werden. Man unterstütze das Projekt als Partnerorganisation – finanziell jedoch ist «Wegeleben» noch auf sich alleine gestellt. So haben Gian, Méline und ihre Helfer – vom Grafiker über den Texter bis hin zum Übersetzer – bislang unzählige Stunden unbezahlter Arbeit in das Projekt investiert. Seit Anfang Woche ist Wegeleben.ch online, interessierte WGs können sich ganz einfach bei den Projektverantwortlichen melden.

«Ich möchte verhindern, dass die überlasteten Strukturen zu einer kulturellen Isolation der jungen Menschen führt», erklärt Méline ihre Motivation. «Ich hatte mich schon vorher mit ähnlichen Themen beschäftigt, wusste aber nicht, wie ich mich einbringen und etwas bewirken kann», sagt Gian. Mit Wegeleben habe sich dies geändert. Dass das Projekt auch andere Menschen zum Mitmachen animiert, hofft vor allem Noah. Seit achtzehn Monaten wohnt er nun in einer Wohnung der Heilsarmee, zusammen mit vier anderen Eritreern. «Jetzt würde ich gerne mein Deutsch verbessern, mit Schweizern wohnen und essen», sagt er. «Darum geht es doch in einer WG.»

*Name geändert (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.06.2015, 09:40 Uhr

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So funktioniert es

Grundsätzlich können alle WGs beim Projekt «Wegeleben» teilnehmen. Und so gehts:

1. Über die Website wegeleben.ch Kontakt aufnehmen und Interesse anmelden.

2. «Wegeleben» sucht einen passenden Mitbewohner oder
eine Mitbewohnerin und organisiert ein Treffen oder einen Besichtigungstermin.

3. Falls beide Parteien Interesse an einem Zusammenleben haben, wird ein Mietvertrag unterschrieben. Die Fachstelle Wohnen des Hilfswerks Caritas Bern überprüft die Rahmenbedingungen und steht mit einer Mietzinsgarantie dafür ein, dass die Miete rechtzeitig auf dem Konto landet.

4. Nachdem das Zusammenleben zustande gekommen ist, begleitet «Wegeleben» die WG weiterhin aktiv als Ansprechpartner für alle möglichen Anliegen. «Wegeleben» ist es ein Anliegen, zu betonen, dass es keinen Zwang gibt, jemanden aufzunehmen. Die Suche nach
einem sympathischen Mitbewohner soll möglichst so funktionieren wie bei Bewerbungen von nicht geflüchteten Menschen.cze

Erfahrungen der Flüchtlingshilfe

Anfang 2014 hat die Schweizerische Flüchtlingshilfe erste Flüchtlinge bei Privaten platziert. Im Kanton Bern haben sich fünfzig potenzielle Gastgeber gemeldet – noch hapert es bei der Umsetzung.

Dass sich junge Menschen in Bern für die Unterbringung von Flüchtlingen engagieren, freut Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH). «‹Wegeleben› ist eine ausgezeichnete Idee, die unsere eigenen Projekte ergänzt», sagt er. «Das Zusammenleben unter einem gemeinsamen Dach erleichtert den Alltag für Menschen aus fremden Kulturen.» Frey amtet bei der Flüchtlingshilfe als Mediensprecher, arbeitet aber auch an einem Projekt zur Unterbringung von Asylsuchenden bei Privaten mit, das die SFH im Herbst 2012 lanciert hat. Bis heute haben sich mehrere Hundert potenzielle Gastgeberinnen und Gastgeber gemeldet. Mittelfristig, so hiess es vonseiten der Flüchtlingshilfe, sollten 200 bis 300 private Unterbringungen gelingen.

Schwierige Verhandlungen

«Die Ziele sind noch die gleichen», sagt Stefan Frey jetzt. «Aber es wird länger dauern als erhofft.» Zentrales Problem sei, dass die Asylwesen der Kantone sehr unterschiedlich aufgebaut seien und daher mit jeder Behörde einzeln verhandelt werden müsse. «Beginnen wir Verhandlungen mit einem neuen Kanton, müssen wir quasi bei null anfangen», so Frey. Das koste viel Zeit – insbesondere, da es der Flüchtlingshilfe an zusätzlichen Ressourcen mangle, das Projekt voranzutreiben.

Zudem sind nicht alle Kantone gleich offen gegenüber der privaten Unterbringung. Solothurn und der Jura etwa möchten nicht mitmachen, in Luzern wird die Unterbringung im Asylwesen grundsätzlich neu organisiert, und Neuenburg will erstmal schauen, wie sich die Sache entwickelt. Am weitesten fortgeschritten ist das Projekt in der Waadt und im Aargau, wo bereits mehrere Unterbringungen realisiert werden konnten.

Bern ist bereit

Im Kanton Bern ist die Aufnahme von Flüchtlingen durch Private seit Anfang 2015 rechtlich geregelt. Bis Ende April hatten sich bereits rund 50 Interessierte bei der SFH gemeldet – dennoch konnte bis jetzt noch keine Unterbringung realisiert werden. «Im Vergleich zum Pilotprojekt in der Waadt stellen sich hier ganz andere Fragen bei der Umsetzung», sagt Stefan Frey. Werden in anderen Kantonen auch Asylsuchende platziert, beschränke sich das Angebot in Bern auf anerkannte Flüchtlinge mit B- und F-Ausweis. Trotz dieser Schwierigkeiten geht Frey davon aus, dass bis Ende Sommer die ersten Unterbringungen im Kanton Bern realisiert sind – schweizweit sollen es bis Ende Jahr dann einige Dutzend sein.

Um das Projekt einer grösseren Öffentlichkeit bekannt zu machen, wird die SFH in den nächsten Wochen eine entsprechende Website aufschalten. Bereits eingeplant ist da auch ein Hinweis auf das Angebot von
«Wegeleben» in Bern.cze

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