Arme Berner reisen im Car ins reiche Zug

Bern

Der traditionelle Stadtratsausflug führte die Stadtberner Parlamentarier am Donnerstag per Autocar in die Zentralschweiz. In Zug bummelten sie durch die Stadt, degustierten Zuger Kirschtorte, besuchten das Zuger Stadtparlament und genossen ein Abendessen.

Bern zu Gast in Zug: Die Politiker widmeten sich kantonalen Leckereien und diskutierten über den Lastenausgleich zwischen den Kantonen.

Bern zu Gast in Zug: Die Politiker widmeten sich kantonalen Leckereien und diskutierten über den Lastenausgleich zwischen den Kantonen.

(Bild: Wolf Röcken, Markus Ehinger)

Markus Ehinger@ehiBE
Wolf Röcken

Es sollte einige Male um Geld gehen auf diesem Ausflug. Das wurde schon beim Zwischenstopp auf der Autobahnraststätte Neuenkirch klar. «Bitte Münze einwerfen», schepperte eine metallene Stimme des Kinderrössli im 2-Sekunden-Takt. Das fanden einige Stadträte etwas gar aufdringlich und suchten bereits nach Möglichkeiten, dem Gaul den Stecker zu ziehen – dazu fehlte aber der Mut. Entnervt zückte Simon Glauser das Portemonnaie und suchte den Münzschlitz. «Was? Zwei Franken soll das kosten?», rief der SVP-Stadtrat. Das war ihm zu teuer.

Mit dem Car gings weiter nach Zug – was im linksgrünen Lager zu Lobesreden für die Bundesbahnen führte, mit denen man ja ebenfalls bequem und allenfalls sogar schneller und überhaupt nach Zug hätte gelangen können.

Kopfschütteln wegen Bauboom

Bei der Einfahrt in den Kantonshauptort staunten die Politiker einerseits über den schönen See. «Die Aare ist auch schön, aber ein See in Bern wäre auch nicht schlecht», sagte Nicola von Greyerz (SP). Anderseits schüttelten die Stadträte den Kopf über den Bauboom in Zug. An allen Ecken entstehen Häuser und Wolkenkratzer. Nicht viel mitbekommen von der Umgebung hat wohl Luzius Theiler (Grüne). Er studierte während der ganzen Fahrt Unterlagen zur nächste Woche im Rat zu behandelnden Finanzierung der Sanierung des Stadttheaters – dort gehts dann auch um viel Geld.

Die Stadt Zug hatte Ratspräsident Rudolf Friedli (SVP) unter anderem als Ziel für den diesjährigen Ausflug ausgesucht, weil es ja ganz interessant sei, zu sehen, woher das Geld für den Kanton Bern komme, wie er mit einem Lachen erklärte. Zudem habe er Verwandte und Bekannte in Zug. Und die Innerschweiz sei eine Gegend, die man zu wenig kenne.

Kirschtorten zur Wirtschaftsförderung

In Zug angekommen, teilten sich die rund 40 Stadträte in zwei Gruppen auf. Während sich die einen auf einen Stadtrundgang begaben, erfuhren die anderen in der Konditorei Speck (!), wie die berühmte Zuger Kirschtorte entsteht. Zahlreiche Berner nutzten die Gelegenheit und kauften Kirschtorten als Mitbringsel. Man könnte das auch als Berner Wirtschaftsförderung für Zug bezeichnen.

Als die Stadträte wieder zusammenkamen, fand Mario Imhof (FDP): «Du warst in der Tortengruppe? Sei froh. Die Stadtführung über Stock und Stein war bei dieser Hitze anstrengend.» Es folgte der Besuch des Zuger Parlaments. Gleich beim Eingang zum Ratsgebäude, direkt am See gelegen, fiel den Berner Gästen die Gedenktafel für die Opfer des Attentats auf den Kantonsrat vor zwölf Jahren auf. Damals starben 14 Politiker.

70 Millionen, «einfach so, ohne Gegenleistung»

Stefan Moos (FDP), Präsident des Grossen Zuger Gemeinderats (Parlament), fand es grundsätzlich mutig, dass die Berner «hierherkämen». Immerhin sei es der Kanton Zug, der mit dem Nationalen Finanzausgleich den Kanton Bern stark mitfinanziere. Er berichtete aber auch vom innerkantonalen Finanzausgleich. Die Stadt Zug zahle 70 Millionen, «einfach so, ohne Gegenleistung» an den Kanton. Die Berner Gäste erfuhren auch, dass die Stadt Zug günstigen Wohnraum fördern wolle. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in Zug eine Wohnung gut und gern auch mal «günstige» 5000 Franken kostet.

Im Ratssaal beantwortete Stefan Moos die Fragen der Berner Stadträte. Die Gäste vernahmen unter anderem, dass das grosse Kreuz über dem Präsidentenstuhl noch nie zu Diskussionen geführt habe. Etwas ausweichend fiel die Antwort auf die Frage aus, wie Zug mit dem Thema Briefkastenfirmen und Steuerhinterziehung umgehe. Firmen kämen eben gerne nach Zug mit seinen günstigen Steuerkonditionen, hielt er fest – und man schicke sie nicht zurück. Moos liess dann doch noch etwas tiefer in die Zuger Steuerpolitik blicken. Er erzählte, dass die Steuerverwaltung oft Briefe an ihre «Kunden» (ja, so heissen die Steuerpflichtigen in Zug!) verschicke – um sie darauf hinzuweisen, dass sie vergessen hätten, alle Abzüge vorzunehmen. Das sei ihm persönlich auch schon passiert.

Die Berner bedankten sich bei den Zuger Politikern mit Mandelbärli für die Gastfreundschaft. Die Zuger offerierten auf der Terrasse des Parlamentsgebäudes einen Apéro, bevor es zum Znacht ging, an dem auch Zuger Parlamentarier teilnahmen – eingeladen von Bern übrigens. Für Ratspräsident Moos kein Problem: «Wir habens ja vorfinanziert.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt