Antifa-Demo: Polizei führte 29 Personen ab

Bern

Zehn Jahre nach der «Schande von Bern» verhinderte die Kantonspolizei am Freitagabend eine unbewilligte Kundgebung bis auf einen Minidemozug rigoros. Die Polizei führte insgesamt 29 Demonstranten ab.

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Am Samstagmorgen veröffentlichte die Kantonspolizei Bern die Bilanz des Grosseinsatzes, der am Freitagabend in Berns Innenstadt durchgeführt wurde. Im Rahmen des Einsatzes wurden insgesamt 29 Personen «für weitere Abklärungen» abgeführt und in Polizeiräumlichkeiten gebracht.

Dabei habe die Polizei «Vermummungs- und Demonstrationsmaterial» sowie insgesamt über ein Dutzend Pfeffersprays sichergestellt, heisst es im Communiqué. Bis auf eine Person, welche zur Verhaftung ausgeschrieben war, wurden sämtliche Personen im Verlaufe der Nacht wieder entlassen.

In der Medienmitteilung schreibt die Polizei, dass auch zahlreiche Personen aus anderen Kantonen angereist seien, um an der unbewilligten Kundgebung teilzunehmen. Es kam am Freitagabend zu keinen Sachbeschädigungen.

Ein ganz normaler Samstagmorgen

Bern am Morgen nach der verhinderten Antifa-Demo: Am Bollwerk erinnert kurz vor 7 Uhr nichts an die Geschehnisse der vergangenen Nacht. Der Vorplatz der Reitschule ist nahezu leer, vor dem Club Kapitel stehen übernächtigte Feiernde und rauchen, aus dem Lokal dröhnt nach wie vor Musik. Ein VW-Bus der Kantonspolizei fährt über die Schützenmatte, ansonsten wurde das massive Polizeiaufgebot vom Vorabend aufgelöst.

Viele Einsatzkräfte wurden bereits ungefähr um Mitternacht abgezogen, auch der Wasserwerfer wurde etwa um diese Zeit vom Waisenhausplatz weggefahren. Bis tief in die Nacht hinein waren jedoch in Berns Innenstadt noch Polizeipatrouillen anzutreffen, Securitas-Kräfte bewachten nach wie vor das Bundeshaus.

Filmreife Kulisse in Berns Innenstadt

Ein bisschen fühlte man sich am Freitagabend ab 19.30 Uhr am Zytglogge wie in einem Suspense-Film, in dem Heerscharen von ­Sicherheitskräften ein Gebiet ­minutiös, aber erfolglos durchkämmen, und als Zuschauer weiss man, dass der Gesuchte trotzdem dort ist.

Dutzende Berner Polizistinnen und Polizisten – verstärkt durch Korpsangehörige anderer Kantone – belagerten in Vollmontur den Kornhausplatz, aber von Linksaktivisten, die den Start ihrer nicht bewilligten Demonstration beim Zytglogge ange­kündigt hatten, keine Spur. Fast keine Spur.

Per Megafon erklärte die Polizei kurz vor 20 Uhr, dass die Stadtregierung jegliche Kund­gebung verboten habe, wer zu diesem Zweck hier sei, müsse damit rechnen, festgenommen zu werden. Tatsächlich hielt die Polizei ihr verdächtig erscheinende, meist jugendliche Per­sonen in der ganzen oberen Altstadt an, kontrollierte und untersuchte sie.

Man sah mehrere ­Personen, die teilweise in Handschellen abgeführt wurden, angeblich sollen bei einzelnen an­gehaltenen Personen mit Benzin gefüllte Flaschen gefunden worden sein. Gehässige Szenen waren indessen nur sehr vereinzelt zu beobachten. Es gab auch Leute, die im Abenteuermodus in der Stadt unterwegs waren.

Auszüge aus dem Polizeieinsatz am Freitagabend. Video: SDA

Nervosität per Smartphone

Ein wichtiger Teil der 6.-Oktober-Demonstration 2017 spielte sich in den sozialen Medien auf dem Smartphone ab. Während die Polizei im 20-Minuten-Rhythmus die Lage schilderte, verbreiteten die Demoorganisatoren über Facebook und Twitter plötzlich alternative Besammlungsorte.

Der Facebook-Post der anonymen Organisatoren.

Auch der städtische ­Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP), der in Dächlikappe und Turnschuhen und in Begleitung von Alexander Ott, stellvertretender Leiter des Polizeiinspektorats, unterwegs war, starrte gebannt auf sein Smartphone.

Tatsächlich formierte sich um 21 Uhr unter dem Baldachin auf dem Bahnhofplatz plötzlich ein kleiner Demonstrationszug, dessen Initianten es gelungen war, ein Transparent gegen Rassismus (um den es bei der ganzen Sache hätte gehen sollen) durch die Kontrollen zu schmuggeln. Überraschend viele Leute, die am Bahnhof herumstanden, schlossen sich an, man zog Richtung Schützenmatte, zündete Pyros und verzog sich in die Reitschule. Was man festhalten kann: Die wohl rund tausend Polizisten ­waren den Demonstrierenden quantitativ massiv überlegen.

Bewusst ohne Bewilligung

So gesehen war der Freitagabend die Antithese zum SVP-Umzug vom 6. Oktober 2007, der auch darum aus dem Ruder gelaufen war, weil die Polizei das Eskalationsrisiko unterschätzt hatte. Diesmal hatten eher die Linksaktivisten die Lage schlecht eingeschätzt. Ihr Vorhaben, aus Protest gegen die ihrer Ansicht nach «demonstrationsunfreundlich» gewordenen rot-grün regierte Stadt Bern ohne Bewilligung eine friedliche, grosse Kundgebung gegen Rassismus, Sexismus und Faschismus durchzuführen, klappte nicht.

Auf Twitter orientierte die Kantonspolizei Bern vor der Demo über die erhöhte Präsenz in der Innenstadt.

jsz/jsp/pkb

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