André Urwyler ist jetzt ein Wanderprediger

Köniz

Er vermisst die Gemeinde, in der er etwas aufbauen kann, geniesst dafür die vielen neuen Kontakte: Nach seiner zuletzt turbulenten Zeit in Köniz ist André Urwyler als Pfarrer im Seeland und rund um Bern unterwegs.

Stephan Künzi

Rund zwanzig Leute sind im Gemeindehaus von Hermrigen zusammengekommen, in einem Raum, dem noch heute der Charme des Schulzimmers von einst anhaftet. Die Holzsäule in der Mitte prägt die Stube genauso wie die dunkle Decke, in einer Ecke steht ein Klavier. Seinen Part übernimmt an diesem Morgen aber ein Elektropiano. Es stimmt die kleine Schar auf die besinnliche Stunde ein, begleitet später auch den Gesang. Neben einer brennenden Kerze steht André Urwyler, der Pfarrer. Zwei Wochen vor Ostern ist der Jünger Judas das grosse Thema in seiner Predigt. Gemäss biblischer Tradition hat dieser Jesus verraten und so dem Kreuzestod und der österlichen Auferstehung überhaupt den Weg geebnet. Urwyler fragt: Ob Judas als Inbegriff des Bösen in der Überlieferung nicht zu schlecht wegkommt? Ob nicht in jedem ein Stück Judas steckt, das sich umso leichter verdrängen lässt, sobald ein eindeutiger Sündenbock gefunden ist?

«Schätze Kraftorte»

Gottesdienst in einem Seeländer Dorf mit gerade mal 250 Einwohnern – das ist Alltag für André Urwyler nach seiner Zeit im 40'000-Seelen-Vorort Köniz. Wobei die ländliche Welt ja nur einen Teil seiner aktuellen Tätigkeit ausmacht, wie der 64-Jährige gleich betont. Nach wie vor komme er auch rund um Bern zum Einsatz, könne nach wie vor auch in alten Kirchen predigen. Sie liegen ihm besonders am Herzen, «ich schätze diese Kraftorte».

Über zwei Jahre lang ist André Urwyler schon so unterwegs. Mit seiner Bereitschaft, in einen vom Kanton vermittelten Vergleich einzuwilligen und ins Regionalpfarramt Biel-Seeland/Mittelland-Nord zu wechseln, machte er 2011 den Weg frei für eine Lösung am alten Ort. Jahrelang hatten dort Querelen das Verhältnis zwischen ihm, einigen Kollegen und den Kirchenbehörden geprägt, am Ende schien ein Wegzug der beste Weg zu sein, nach über zwanzig Jahren in Köniz.

Heute wird André Urwyler immer dann gerufen, wenn Regionalpfarrer Martin Koelbing andernorts engagiert ist. Und das nicht zu knapp: Statt 18 Gottesdienste wie früher gestalte er nun im Jahr sicher mehr als 30. Dazu kämen Hochzeiten, Beerdigungen und andere pfarramtliche Dienste, «allein vorletzte Woche hielt ich fünf Trauergottesdienste». Besonders gefragt ist er dann, wenn eine Pfarrstelle eine Zeit lang nicht besetzt ist. Wie aktuell in der Kirchgemeinde Täuffelen, zu der auch das ländliche Hermrigen gehört.

Seit seinem Abgang aus Köniz wohnt André Urwyler in einem eigenen Haus in der Berner Altstadt. Dass der Kauf so zustande gekommen sei, habe ihm den Abschied erleichtert, sagt der Pfarrer im Rückblick. Und beginnt aus der reichen Geschichte der Liegenschaft zu erzählen, davon auch, wie sehr es ihm hier gefalle. Auch seiner neuen Tätigkeit gewinnt er viel Positives ab, obwohl er offen eingesteht: Manchmal fehle ihm die Gemeinde, in der er wie früher etwas Langfristiges aufbauen könne. Umso mehr geniesse er die vielen, spannenden Begegnungen in seinem heutigen Job, «sie sind sehr viel wert».

«Ein Ausnahmeprediger»

Er werde überall gut aufgenommen, stellt André Urwyler zum Schluss fest. Man wisse zwar um die Schlagzeilen, die es um ihn gegeben habe. Dennoch spüre er überall, wo er arbeite, eine grosse Offenheit, und er habe auch gute Reaktionen auf seine Arbeit.

In Hermrigen ist das nicht anders. Unter die kleine Schar gemischt hat sich auch Kirchgemeindepräsident Ernest Schweizer, und er zeigt sich vom eben Gehörten sehr angetan. André Urwyler sei «ein Ausnahmeprediger», sagt er. «Wir würden ihn sofort anstellen.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt