An die Arbeit – Alexandre Schmidt rüttelt am 1. Mai

Bern

Der 1.Mai ist für städtische Angestellte arbeitsfrei. Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) stellt diese Tradition infrage. «In der Personalpolitik darfs keine Tabus geben», sagt er. Jeder freie Tag koste die Stadt eine Million.

Auch am 1. Mai im Büro anzutreffen: Alexandre Schmidt.

Auch am 1. Mai im Büro anzutreffen: Alexandre Schmidt.

(Bild: Stefan Anderegg)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Alexandre Schmidt, Sie arbeiten freiwillig am 1.Mai. Haben Sie Krach mit Ihrer Ehefrau? Alexandre Schmidt: (lacht) Nein, nein. Ich habe immer gearbeitet am 1.Mai. Und ich komme von dieser Tradition nicht ab, weil ich ein neues Amt habe.

Sind Sie erstaunt, dass Angestellte der Stadt Bern am 1.Mai freihaben? Ja, weil ich es mir nicht gewohnt war. Es ist der Tag, an dem man die Arbeit feiert. Wieso soll man das nicht am Arbeitsplatz machen, indem man bewusster arbeitet als sonst? Am Muttertag meidet man ja auch nicht die Mutter, sondern man lädt sie zum Essen ein.

Am 1.Mai gehen die Angestellten auf die Strasse und weisen auf ihre Rechte als Arbeitnehmer hin. Das begrüsse ich ausdrücklich als Teil unserer gelebten Sozialpartnerschaft. Ich finde diesbezüglich das Genfer Modell spannend. Dort arbeiten die Arbeitnehmer am 1.Mai, doch sie dürfen für den Umzug freinehmen. Ob von den 3750 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadt ein grosser Teil am 1.-Mai-Umzug teilnimmt oder statt dessen einen freien Tag geniesst, weiss ich nicht.

Sie hingegen können sich offenbar nicht zurücklehnen. Halten Sie es keinen Tag ohne Ihre Dossiers aus? Ich habe gerne frei. Mir ist es aber ebenso wohl in meinem Amt. Ich bin gewählt worden, damit ich Probleme anpacke und löse. Ich treffe mich heute zum Beispiel mit einem der grössten Bauherren der Region. Heute war der einzige Termin, den wir finden konnten. Dies hat für mich absolute Priorität.

Was machen Ihre Mitarbeiter am 1.Mai? Ich weiss es nicht, ausser von denjenigen in meinem direkten Umfeld.

Erwarten Sie, dass diese künftig Ihrem Beispiel folgen? Der 1.Mai ist für städtische Angestellte seit mindestens 40 Jahren arbeitsfrei. Die einen begehen diesen Tag am Umzug, die anderen können sich erholen.

Sollte man das ändern? Im Hinblick auf die anstehenden Sparprogramme ist jede Idee in jedem Bereich willkommen. Auch in der Personalpolitik darf es keine Tabus geben. Bei einer Auslegeordnung darf auch der 1.Mai ein Thema sein. Mit jedem freien Arbeitstag gibt die Stadt Bern eine Million Franken Lohnkosten aus, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten.

Bitte erläutern Sie diese Zahl. Die Lohnkosten in der Verwaltung betragen pro Jahr 230 Millionen. Bei 250 Arbeitstagen ergibt das pro Tag knapp eine Million Franken.

Sind die Probleme der Stadt Bern denn wirklich so gross, dass es einen zusätzlichen Arbeitstag braucht? Die Probleme sind grösser, als dass man sie an einem Arbeitstag lösen könnte. Wir haben ab 2015 jedes Jahr ungedeckte Ausgaben von über 20 Millionen Franken. Mehr Leute anstellen können wir nur in Ausnahmefällen. Aber wenn wir alle einen Tag mehr arbeiteten, kämen 20'000 Arbeitsstunden zusammen. Das wäre doch etwas, und es macht weniger weh als andere Massnahmen.

Wie werden Ihre Mitarbeiter am 2.Mai wohl auf Sie reagieren? Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter muss sich bewusst sein, dass ein Gemeinderat das ganze Aufgabenspektrum der Stadt hinterfragen und überprüfen muss. Jede und jeder muss sich selber fragen, wie wir die Effizienz steigern. Die Alternative ist simpel: noch mehr sparen, etwa bei den Investitionen.

Berner Zeitung

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