Am Schluss gabs bei den Fahrenden ein Selfie

Der eine strahlte, der andere gab sich unverdrossen kämpferisch: Befürworter wie Gegner eines Transitplatzes in Wileroltigen verfolgten die grossrätliche Debatte von der Zuschauertribüne aus.

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Am Schluss setzte Andreas Geringer ein breites Lachen auf und schoss mit dem Handy ein Selfie. Acht Stunden lang hatte der Präsident des Verbands Sinti und ­Roma Schweiz am Mittwoch mit seinen Getreuen auf der Zuschauer­tribüne im Berner Rathaus ausgeharrt, doch nun waren die Würfel gefallen: Der Grosse Rat will den kantonalen Transitplatz für ausländische Fahrende nicht auf Eis legen und lehnt zwei Vor­stösse ab, die genau dies verlangt hatten. Die Arbeiten am Projekt in Wileroltigen können weiter­gehen.

Ein gutes Zeichen aus der Po­litik sei dies, gab Geringer erleichtert zu Protokoll. Und: «Ein Ja zum geforderten Marschhalt wäre ein echter Dämpfer gewesen.» Der Druck auf die bestehenden Plätze hätte sich weiter verstärkt. Und im Kampf gegen den akuten Mangel an Haltemöglichkeiten wäre an weitere Plätze zumindest mittelfristig nicht mehr zu denken gewesen.

Einige Bänke entfernt war derweil einer anderen Gruppe überhaupt nicht zum Feiern zumute. Das Bürgerkomitee, das den Platz bei Wileroltigen mit allen Mitteln verhindern will, war ebenfalls angereist. Und es hatte ebenfalls stundenlang zugehört, bis der Grosse Rat mit arger Verspätung auf seinen Zeitplan endlich zu den Vorstössen kam – umso enttäuschter stellte Präsident Armin Mürner nun fest: «Auch wenn wir jetzt verloren haben, wir kämpfen weiter.»

Dann zeigte er auf das rote T-Shirt, mit dem sich seine Leute als Gegner des kantonalen Projekts für jeden sichtbar zu erkennen gaben. «Transitplatz nein, Demokratie ja» war da zu lesen, und Mürner fügte an: «Als gute Demokraten werden wir uns dem Entscheid fügen.» Zugleich hoffe er aber darauf, dass die Kosten für den Platz dereinst die 2-Millionen-Grenze überschreiten würden. Dann sei das Referendum möglich – und mit ihm eine kantonale Volksabstimmung.

Kopfschütteln

Aufmerksam hatten beide Seiten zuvor die Debatte verfolgt. Als die Kritiker unten im Saal davon redeten, wie sehr die Fahrenden im Sommer die Leute von Wileroltigen «in Angst und Schrecken versetzt» hätten, entgegnete Geringer: Er streite gar nicht ab, dass es mit einer Gruppe Schwierigkeiten gegeben habe. Man dürfe aber nicht verallgemeinern. Wenn ein Einheimischer Pro­bleme mache, werfe man ja auch nicht gleich alle Sesshaften in ein und denselben Topf.

Umgekehrt schüttelte Mürner nur den Kopf, wenn die andere Seite mahnte, mit dem geforderten Marschhalt verschiebe man die Sache nur auf später. Auch mit einem Platz in Wileroltigen löse man das Problem nicht, hielt er fest. «Es komme so viele, dass sie gar nicht alle einen Platz finden werden.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.11.2017, 08:48 Uhr

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