«Als wir die Bestände sahen, hat es uns den Atem verschlagen»

Nach dem Gurlitt-Entscheid steht das Kunstmuseum Bern vor grossen Herausforderungen. Direktor Matthias Frehner und Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin über den «Gurlitt-Hype».

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Stefanie Christ@steffiinthesky
Oliver Meier@mei_oliver

Die Gurlitt-Vereinbarung erscheint als perfekter Deal. Haben Sie so hart verhandelt, oder war es nicht vielmehr ein Geschenk auf dem Silbertablett? Christoph Schäublin: Weder noch. Am Ende der Verhandlungen waren die Beteiligten überzeugt, dass es weder Sieger noch Besiegte gibt, sondern dass wir eine Übereinkunft gefunden haben, die allen dient.

Deutschland hatte ein grosses Interesse daran, dass die Sammlung in die Schweiz kommt, und hat entsprechend grosse Zugeständnisse gemacht. Schäublin: Das ist so. Wir waren für die Bundesregierung und den Freistaat Bayern Garant dafür, dass Deutschland seine historische Verantwortung wahrnehmen kann. Wenn wir ausgeschlagen hätten, wäre nicht absehbar gewesen, was mit der Sammlung passieren würde. In der Folge hätte Deutschland einen erheblichen Reputationsschaden davongetragen.

Ist die Lösung wirklich im Sinne Gurlitts? Sein ehemaliger Anwalt Hannes Hartung sieht das anders. In der «Welt» hat er das Kunstmuseum scharf kritisiert. Schäublin: Ich gebe auf diese Meinung gar nichts.

Matthias Frehner: Es gab nur eine einzige Lösung dafür, den Opferansprüchen gerecht zu werden, und diese Lösung wurde gefunden.

Man konnte in den letzten Monaten den Eindruck erhalten, es handle sich um eine Raubkunstsammlung. War das Behördenpropaganda? Schäublin: Weil man Gurlitts Biografie kennt, steht grundsätzlich jedes Werk, dessen Herkunft nicht sogleich erkennbar ist, unter Verdacht. Es ist erwiesen, dass sich Raubkunst in der Sammlung befindet. Doch erst die künftige Untersuchung der Werke, deren Herkunft bisher noch nicht geklärt ist, wird zeigen, ob der Begriff «Raubkunstsammlung» dem Ganzen gerecht wird.

Frehner: Es ist nun die Aufgabe der Taskforce und unserer eigenen Forschungsstelle, die Provenienzforschung zu leisten. Sie haben nicht nur den Zweck, möglichst viele Bilder auf ihre «Sauberkeit» zu prüfen. Vielmehr wird sie grundlegende Erkenntnisse über den Kunsthandel während des Nationalsozialismus liefern und somit bei der Aufarbeitung anderer Fälle helfen.

Der Bund will mit dem ganzen Fall offenbar nichts zu tun haben. Was sagen Sie zu dieser Haltung? Schäublin: Die Aussage von Bundesrat Alain Berset, es sei keine Bundesangelegenheit, stimmt insofern, als ein deutscher Privatmann einer privaten Schweizer Stiftung eine Sammlung vermacht hat. Wir haben zwar die Behörden von Anfang an orientiert, aber auch gesagt, dass wir uns kompetent genug fühlen, diesen Weg selbst abzuschreiten.

Wäre das nicht ein Paradefall, in dem der Bund sein Engagement unter Beweis stellen könnte? Schäublin: Für die zweite Phase, nach der Annahme, darf man mit Fug und Recht die Frage stellen. Wir haben das auch getan. Die Antwort klang eher negativ.

Wann wird die Berner Forschungsstelle ihre Arbeit aufnehmen? Frehner: Sicher nicht schon Anfang 2015, aber innerhalb des ersten Quartals. Alles braucht eine gewisse Zeit. Es ist schwierig, innerhalb so kurzer Zeit qualifizierte Leute zu finden. Für die Finanzierung haben wir bereits die festen Zusagen einer Privatperson und einer Stiftung. Zudem haben wir sehr zuversichtlich stimmende Signale, dass es nicht bei diesen Zusagen bleiben wird.

Handelt es sich bei der Privatperson um die Berner Kunstförderin Marlies Kornfeld-Koerfer? Schäublin: Nein.

Welche Spitzenwerke kommen nun nach Bern? Frehner: Als wir die Salzburger Bestände zum ersten Mal gesichtet haben, hat es uns den Atem verschlagen. Darin enthalten sind Bilder von Monet, Manet, Signac, Renoir, Gaugin und mehrere von Courbet, alles Werke, die für jedes Museum neue Glanzlichter setzen würden. Wir stiessen auf wunderbare Blätter des deutschen Expressionismus. Davon werden aber nur die Werke mit sicherer Provenienz nach Bern kommen. Das sind vorerst die Arbeiten aus der Kategorie «Entartete Kunst» und der Familienkünstler Louis und Cornelia Gurlitt. Wir sind sehr stolz, dass sich in der ersten Gruppe zwei grossartige Arbeiten von Klee aus seiner Bauhaus-Zeit befinden.

Sie planen schon für 2015 eine erste Ausstellung mit Werken aus der Gurlitt-Sammlung. Was ist zu erwarten? Frehner: Es wird bestimmt eine Ausstellung zum deutschen Expressionismus sowie eine Präsentation von Louis und Cornelia Gurlitts Werken geben.

Stichwort «entartete Kunst»: Sie haben sich in der Vereinbarung für die Minimalvariante entschieden. Nicht einmal Dauerleihgaben soll es geben. Wieso? Schäublin: Wir haben die Staatsministerin Monika Grütters gefragt: «Wünschen Sie eine Grundsatzdiskussion über ‹entartete Kunst›?» Sie sagte: «Nein, das will ich nicht.» Wir waren der gleichen Meinung.

Das heisst? Schäublin: Die «entartete Kunst» fällt nicht unter das Washingtoner Raubkunstabkommen. Und es ist nicht Sache des Kunstmuseums Bern, am Spezialfall Gurlitt jetzt eine Rechtsgrundlagendiskussion zu entfachten. Eine Grundsatzdiskussion hätte unter Umständen unabsehbare Folgen, welche die internationale Museumslandschaft erschüttern würden.

Sie warnen vor den Folgen. So hat man vor dreissig Jahren auch bei der Raubkunst argumentiert, als es darum ging, ob man da was machen muss... Schäublin (heftig): Ich halte es wirklich für fahrlässig, Raubkunst und «entartete Kunst» in einen Topf zu werfen. Bei Raubkunst ging es um gnadenloses Unrecht. Im Fall der «entarteten Kunst» hat der damalige deutsche Staat per Gesetz sich selbst und seine eigenen Museen bestohlen. «Entartete Kunst» muss einerseits rechtlich, andererseits pragmatisch angegangen werden. Raubkunst hingegen ist eine Frage der Ethik und Moral.

Sie werden die Gurlitt-Sammlung in die bestehende Sammlung des Kunstmuseums integrieren. Warum wird es keinen Gurlitt-Raum geben? Frehner: Es gehört zu einer langfristigen Strategie musealer Sammlungen, dass man alle Schenkungen gleich behandelt. Wir haben nie eine Schenkung angenommen, wenn der Donator einen eigenen Flügel verlangt hatte. In der Regel zeigen wir eine solche Sammlung einmal als geschlossenen Block in einer Wechselausstellung und publizieren einen Katalog, danach werden die Werke in die Sammlung integriert. Insofern ist es gut, dass Gurlitt keine Auflagen gemacht hat.

Stadtpräsident Tschäppät hat angeregt, den Themen Raubkunst und «entartete Kunst», aber auch der Familiengeschichte Gurlitts Raum zu geben, zum Beispiel in der dritten Welle des Klee-Zentrums. Was halten Sie davon? Frehner: Das ist keine Option, die wir verfolgen. Denn die vielen Papierarbeiten könnten ja nicht permanent gezeigt werden. Da wir keine Raubkunst nach Bern holen, wird es auch kein Raubkunstmuseum geben. Aber wir werden die Sammlung natürlich als Ganzes für unsere Besucher dokumentarisch aufarbeiten.

Immerhin werden nun viele wegen der Gurlitt-Sammlung nach Bern kommen... Schäublin: Das ist unbezahlte Werbung. Und unbezahlbare! Wir haben schon ausserordentlich gute Besucherzahlen dieses Jahr. Ein Gurlitt-Hype, wie wir ihn jetzt erleben, ist natürlich schön. Aber ich fände es keine gute Sache, wenn für die nächsten fünfzig Jahre das Kunstmuseum Bern Gurlitt-Museum genannt würde.

Berner Zeitung

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