Als noch niemand wusste, was Pizza ist

Der 80-jährige Edoardo Abbiasini versorgt die Bewohner der Berner Lorraine mit Pizza und geflickten Schuhen. Der Trailer zur nächsten Folge der Serie BEsonders.

Der 80-jährige Edoardo Abbiasini über sein Geschäft.

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Wer morgens um sechs Uhr mit dem Velo durch die Lorraine fährt, kann Edoardo Abbiasini hören. Zu dieser Zeit steht der 80-Jährige im Badezimmer und singt mit Inbrunst beim Rasieren italienische Lieder. Dann geht er in seine Pizzeria Tricolore, die sich im gleichen Haus an der ­Lorrainestrasse 32 befindet. In der kleinen Küche, in die man aus der weiss gefliesten Pizzeria blickt, macht er Frühstück. Im Schaufenster hängt eine Schweizer Flagge, und gerahmte Fotos an der Wand zeigen vergangene ­Tage.

Edoardo Abbiasini im Ruhestand? Ma no! Allein den Gedanken daran findet der gebürtige Italiener absurd. Nicht nur ist er Pizzaiolo, sondern er geht sogar einer zweiten Arbeit nach, der­jenigen des Schuhmachers. Die Werkstatt befindet sich auch hier, zwischen der Pizzeria und der ­bescheidenen Wohnung. Schon als 10-Jähriger schaute er einem Schuhmacher zu, damals im ­Heimatdorf Caserta bei Napoli. «Meine Mutter wollte nicht, dass ich ‹umevagante›», erzählt Abbiasini. Er spricht schnell, in einfachem Hochdeutsch, gespickt mit berndeutschen Ausdrücken.

Aller Anfang ist schwer

Abbiasini wuchs mit vier Geschwistern auf, die alle bereits ­gestorben sind. Der Vater war Müller, die Familie wohnte in einem einzigen Raum. Im Untergeschoss befand sich der Stall mit Tieren, die der Familie das Überleben sicherten. Mit 17 Jahren verkrachte sich Abbiasini mit den Eltern. Zwei Tage und zwei Nächte verbrachte er im Zug, bis er in Bern ankam. «Überall gab es ­Geranien, es war ein Paradies.» ­Ohne Sprachkenntnisse, bereits mit einem Vertrag als Knecht, fand der Neuankömmling zu seinem Arbeitgeber in Mattstetten und fuhr am gleichen Abend in die Käserei. «Nach vier Monaten zog ich nach Worb, wo ich 47 Jahre blieb.» Bald war klar, dass diese «Burerei» nichts für ihn war. Er heuerte im Restaurant Löwen an.

1976 zog es Abbiasini nach Bern, in die Lorraine, und er fand Arbeit bei Gfellers am Bärenplatz. Nachdem er sich in der ersten Pizzeria von Bern – La Pizzeria, die just 2018 das 50. Jubiläum feiert – als Kellner die Sporen abverdient hatte, war es Zeit für ein eigenes Geschäft. So entstand das Tricolore. Daneben eröffnete er das Kings Kebap. Ein Türke habe ihm alles beigebracht. «Tag und Nacht habe ich Fleisch geschnitten», lacht Abbiasini. Dazu hat er auch mal Spaghetti oder Reis ­serviert, aber die Türken hätten ihn zusammengestaucht, das gehe nicht. Irgendwann war genug, er verkaufte den Imbiss und ­fokussierte aufs Tricolore.

Niemand kannte Pizza

Als Erster in Bern habe er Pizza zum Mitnehmen angeboten. Doch mit dem Teig hatte er zu ­Beginn seine Mühe. Aber die Schwestern halfen ihm mit telefonischen Ratschlägen. «Zum Glück wusste damals niemand, was Pizza ist, daher war das kein Problem», sagt er verschmitzt. Auch heute bereitet er den Teig selber zu.

Dass Abbiasini auch zum ­ursprünglichen Beruf Schuhmacher zurückfand, verdankt er dem Reparaturdienst Mister ­Minit. «Ich konnte nicht glauben, wie die dort Schuhe reparierten», sagt er entgeistert. So fing er an, den Serviertöchtern in der Freizeit Schuhe zu flicken. Bald reparierte er Armeeschuhe für 5 Franken pro Paar. «Als die Mehrwertsteuerbehörde Wind davon bekam, musste ich antraben. Der Chef meinte wohl, ich sei ein ­Bandit», sagt Abbiasini und grinst. 18 000 Franken musste er nachzahlen, nicht gerade einfach für den dreifachen Familienvater.

In der Werkstatt türmen sich Schuhpaare, die auf ihre Reparatur warten. Vor allem ältere Leute seien unter den Kunden, laut ­Abbiasini trägt keiner der «Giele» von der Gewerbeschule Schuhe, die man flicken könnte. Die Türklingel ertönt, und der ehemalige Römer-Wirt tritt ein. «Ich bringe alles Edoardo», sagt Sandro La Marra. Derzeit drücken ihn die neuen Turnschuhe. Abbiasini zieht sie auf einen Bock auf. Drei Tage wird es dauern, bis sie passen werden.

Zeitweise war Abbiasini dank der Pizzeria und der Werkstatt ein bekannter Mann. «Ich konnte nicht einmal in Ruhe an der Aare spazieren gehen. Das hat mich genervt, weshalb ich ein Auto kaufte und jeweils nach Rubigen fuhr.»

Veränderte Lorraine

Wen man seit 21 Jahren im Tricolore täglich antrifft, ist Custodia Da Silva Santos. Zwischen Abbiasini und ihr geht es zeitweise ruppig zu und her, doch ohne einander könnten sie nicht sein. «Edoardo ist ein Freund und ein Vater. Er bedeutet alles für mich», sagt die gebürtige Portugiesin. Während Custodia zu kochen anfängt, flickt Edoardo Abbiasini in der Werkstatt Schuhe.

Über den Mittag müssen die Schuhe warten. Abbiasini geht, so schnell er noch kann, rüber in die Restaurantküche. Er kocht, und Custodia nimmt die Bestellungen auf. Einige wenige Gewerbeschüler bestellen Pizza und Schnitzel. In der Luft hängt eine stickige Frittierfettwolke. «Seit die Migros nicht mehr an der Lorrainestrasse ist, habe ich viel weniger Schüler», bedauert Abbiasini.

Auch die Kundschaft am Abend sei schon zahlreicher gewesen. «Viele meiner Kunden sind ­altershalber gestorben», meint ­Abbiasini. Seit er im ehemaligen Arbeiterquartier lebe, habe es sich sehr verändert. «Früher war es hier lustiger, und in meiner Pizzeria wurde öfter getanzt.» Heute wohnten hier viele junge Leute, die eine andere Mentalität hätten. «Aber die Lorraine hat Platz für alle.»

Knapp am Tod vorbei

Nach dem Mittagsgeschäft darf sich das Abbiasini-Team auch endlich hinsetzen. Custodia isst eine kleine Pizza, Edoardo eine mit Zwiebeln. Dazu öffnet er einen Ripasso und beginnt zu ­erzählen. Von seiner Liebesgeschichte mit Albina, die er in der Sonne in Worb kennen lernte. Von ihren zwei Töchtern. Vom Sohn Franco, der in der Badi ertrank. Vom Schwiegersohn mit dem gleichen Namen, der «mich in Schwierigkeiten mit der Mafia brachte». Von der Scheidung mit Albina. Und von den Schuhen, die er in die Schweiz importierte und wegen denen er ein «Gstürm» mit der Zollbehörde bekam. Er redet und redet. Zwischendurch ermahnt Custodia, doch die Zwiebelpizza zu essen. Abbiasini schenkt Wein nach. «Er het ä sture Gring», meint Custodia und verdreht die Augen.

Dieser Kopf wäre ihm vor 15 Jahren fast zum Verhängnis geworden, als er einen Herzinfarkt hatte. «Der Arzt sagte, ich müsse in den Notfall. Geglaubt habe ich es nicht», sagt er. Niemand habe an diesem Tag gewusst, wo er sei. Alle machten sich Sorgen, besonders Custodia. Irgendwann kam der Anruf aus dem Spital: Edo­ardo sei nach einer fünffachen ­Bybassoperation wohlauf.

Im Spital habe man Tische ­aneinandergereiht, damit die Geschenke Platz gehabt hätten. Seine Stammgäste hätten alle etwas geschickt. Die Krankenschwestern hätten gefragt: «Wär syt dir de, öppe e Bundesrat?» Nein, aber er habe eben was gemacht im ­Leben. Bis zur OP arbeitete er sieben Tage die Woche, jetzt noch sechs. Letztes Jahr nahm er vier Tage Ferien. Bald gönnt er sich ­einige Tage in Italien, wohin er natürlich mit dem Auto fährt. «Fahren will ich selber», wie er leise verrät, als Custodia in der Küche hantiert.

Die Herzoperation liegt nun 15 Jahre zurück, und letzten Sommer feierte er in Nyon seinen 80. Geburtstag. «Ich habe keine Zeit zum Sterben», sagt Abbiasini. Mit 100 Jahren möchte er zurück nach Italien, zu seiner Tochter Marilena und ihrer Familie. Will sich Ziegen und Schafe kaufen. Aber vor allem möchte er das tun, was er hier macht: Pizza ­verkaufen. Den Geschäftsnamen weiss er bereits: Pizzeria del Vecchio Mulino.

Das multimediale Porträtaus der Serie BEsonders finden Sie hier. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 13:45 Uhr

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