«Als Schiedsrichterin bin ich unparteiisch»

Bern

Der Berner Stadtrat hat Tania Espinoza (GFL) zur Stadtratspräsidentin gewählt. Im Interview verrät die 43-Jährige, welche Spielregeln in ihrem Amtsjahr gelten.

Die 43-jährige Tania Espinoza wurde zur höchsten Stadtbernerin gewählt. Im Bild spricht sie im Stadrat im Jahr 2010.

Die 43-jährige Tania Espinoza wurde zur höchsten Stadtbernerin gewählt. Im Bild spricht sie im Stadrat im Jahr 2010.

(Bild: Archiv BZ/Urs Baumann)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Tania Espinoza, wie fühlt es sich an, die höchste Stadtbernerin zu sein? Tania Espinoza: Ich fühle mich super. Es ist eine Ehre, dass ich ein Jahr lang die Parlamentssitzungen der Bundesstadt leiten darf. Ich halte grosse Stücke auf die Demokratie. Und ein Parlament ist das Symbol für ein demokratisches Land.

Vor dreissig Jahren haben Sie nach einem Militärputsch Ihr Heimatland Bolivien verlassen und sind mit Ihren Eltern nach Bern geflohen. Ich erinnere mich gut an diese Zeit. Wir haben nach unserer Ankunft eine Tour de Berne gemacht. Wir schauten uns den Bärengraben an und den Zytglogge-Turm. Und wir kamen beim Rathaus vorbei. Als ich davorstand, hat man mir erklärt, was in diesem Haus passiert. Ich hätte mir damals nie träumen lassen, selber einmal eine wichtige Rolle im Rathaus zu haben.

Die Stadt Bern hat Sie und Ihre Familie aufgenommen. Geben Sie mit ihrem Amt als Stadtratspräsidentin nun etwas zurück? Ich liebe die Stadt Bern. Das ist meine Heimat. Und ja, ich will meinen Beitrag an die Gesellschaft leisten. Das ist der Hauptgrund für meine politische Tätigkeit. Ich nehme die Mehrarbeit, die das Stadtratspräsidium mit sich bringt, gerne auf mich.

Welche Fähigkeiten braucht es dafür, dieses Amt zu erreichen? Ich musste glücklicherweise keinen Wahlkampf machen, sondern wurde von der GFL, meiner Partei, vorgeschlagen. Dafür braucht es Entscheidungsfreude und Fairness. Eine Stadtratspräsidentin muss strukturiert und unabhängig von der Parteipolitik arbeiten.

Sie hätten also auch keine Probleme damit, bei einem allfälligen Stichentscheid gegen den Willen Ihrer Fraktion zu entscheiden? Ich hoffe zwar nicht, dass es so weit kommt. Aber vorstellen kann ich mir das schon. Natürlich würde ich meine Partei bei den Fraktionssitzungen zuvor darauf vorbereiten.

Jede Stadtratspräsidentin und jeder Stadtratspräsident hat einen eigenen Stil. Welche Regeln sind Ihnen wichtig? Im Zentrum steht, dass die Parlamentssitzungen effizient ablaufen und die Mitglieder produktiv arbeiten. Eine gesunde Streitkultur ist mir ebenfalls wichtig. Gewisse Dauerthemen wie die Reitschule oder die bekannten Verteilkämpfe beim Budget werden auch im bevorstehenden Jahr auftauchen. Diese Themen werden immer sehr emotional debattiert. Umso wichtiger ist es, dass die Präsidentin ruhig bleibt und die Übersicht bewahrt – und bei Bedarf resolut eingreift.

Wie gross ist der Einfluss der Präsidentin aufs Parlament? Politisch ist der Einfluss klein. Als Präsidentin muss ich meine Meinung eher zurückhalten. Denn ich bin die Schiedsrichterin, also unparteiisch. Ich muss zwar entschieden auftreten, bin für das Spiel selber aber nicht entscheidend. Einfluss habe ich bei der Traktandenliste. Da schaue ich, dass wir Themen, die zusammengehören, in einem Block debattieren können.

Welche Überschrift soll Ihr Abschiedsporträt in einem Jahr haben? Espinoza hatte das Parlament im Griff.

Berner Zeitung

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