Tausende marschierten gegen Mühleberg an

Bern

Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima demonstrierten rund 8000 Menschen vor dem AKW in Mühleberg. Sie fordern die sofortige Stilllegung der älteren Kernkraftwerke Mühleberg und Beznau.

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Christian Zeier@ch_zeier

Wie viele werden kommen, um für die Abschaltung des AKW Mühleberg einzustehen? Das war die grosse Frage, die sich im Vorfeld der sonntäglichen Anti-Atom-Demonstration stellte.

«Ich hoffe schon, dass es noch mehr Leute gibt», sagt Yanik Fuchs und blickt auf die überschaubare Menge am Fusse der Bahnstation. In der Menge stechen er und seine Freunde mit ihrem Tatendrang heraus. Die jungen Worber haben eine leistungsstarke Musikanlage aufgestellt und beschallen die Wartenden mit Elektrobeats. Das Besondere: Die Anlage wird mit Solarenergie betrieben. «Wir wollen uns innerhalb unserer Möglichkeiten für die Energiewende einsetzen», sagt Yanik Fuchs. Als sich der erste Teil des Menschenstroms Richtung Mühleberg aufmacht, bleiben die Worber mit der Musikanlage zurück.

Baldige Beerdigung?

Etwas mehr als sechs Kilometer Fussmarsch haben die Demonstranten vor sich. Bei Gümmenen über die Saane, die Murtenstrasse entlang, führt die Route durch das Dorf Mühleberg hin zum AKW. Moralische Unterstützung erhalten die Marschierenden kurz nach dem Start: In der ersten Kurve spielen die Musikanten des Sicherheitsorchesters auf – einer Band rund um den Basler Alt-Nationalrat Rudolf Rechsteiner (SP). «Man könnte uns auch als Beerdigungsband bezeichnen», sagt Stefan Schuppli, der seit der Gründung vor dreissig Jahren dabei ist. «Damals spielten wir in Kaiseraugst, heute in Mühleberg und hoffentlich bald auch in Beznau.»

In gemächlichem Tempo und mit zahlreichen Fahnen und Bannern ausgerüstet, marschiert der bunte Zug auf der Murtenstrasse Richtung Mühleberg. Am Strassenrand stehen die Anwohner mit gezücktem Fotoapparat – die Demonstranten winken lachend in die Kamera. Unruhe entsteht erst, als der Demonstrationszug im Dorf Mühleberg auf Widerspruch stösst. «Dumm, dümmer, Grüne» steht auf einem Transparent am Strassenrand, daneben sechs Einheimische mit trotziger Miene. «Ich finde das AKW auch nicht besonders toll», sagt Alessandro Dragonetti. «Aber solange wir keinen konkreten Plan haben, wie wir die Atomenergie ersetzen wollen, bin ich gegen eine Abschaltung.»

Ein älterer Herr aus dem Demonstrationszug gesellt sich dazu und widerspricht dem Jüngeren: «Den grossen Fehler haben wir vor vierzig Jahren beim Bau der AKW gemacht. Ihr müsst uns jetzt helfen, das wiedergutzumachen.» Dragonettis Mitstreiter liefern sich inzwischen ein unschönes Wortgefecht mit den Atomgegnern.

Rund 8000 Demonstranten

Nach knapp zwei Stunden Marsch trifft der erste Menschenstrom beim AKW Mühleberg ein. Unweit des Kernkraftwerks haben die Veranstalter zahlreiche Stände und eine Bühne aufgebaut. In unregelmässigen Abständen erreichen immer mehr Menschen die Demonstrationsstätte – Kolonnen aus Gümmenen, Velofahrer aus Bern oder Grüppchen, die den Shuttlebus genommen haben. Nach Schätzungen der Organisatoren finden sich rund 8000 Leute auf der Wiese ein – viele davon von ausserhalb des Kantons Bern. So etwa Tanja Walder aus Zürich: «Auch nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts glaube ich nicht an eine baldige Abschaltung des AKW», sagt die 17-Jährige. Daher sei sie mit ihren Freunden angereist, um nochmals ein starkes Zeichen zu setzen.

Lichterlöschen im AKW

Das glaubt auch Christa Ammann, Mitorganisatorin des Menschenstroms gegen Atom: «Das Gerichtsurteil war erst der Anfang vom Ende», sagt sie, nachdem die Anwesenden die Schweigeminute für die Opfer von Fukushima beendet haben. «Daher fordern wir die sofortige Stilllegung der gefährlichen Anlagen in Mühleberg und Beznau.» Ihr Applaus wird nur von jenem der auftretenden Künstler übertroffen. Vom Berner Schriftsteller und Wortartisten Pedro Lenz etwa, der in seiner eigenen, ganz nüchternen Art feststellt: «Bald werden die das AKW runterfahren, und dann soll doch bitte der Letzte, der geht, das Licht löschen.»

Berner Zeitung

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