«50 Jahre Proben im ersten UG sind genug»

Bern

Nach fünf Jahrzehnten im Showbusiness hört Polo Hofer auf. Ein Gespräch mit dem Schweizer Mundart-Pionier über junge Berner Bands, seine Zukunft als Maler und warum er Mick Jagger nicht nacheifern will.

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Sibylle Hartmann@sibelhartmann

Am Samstag startet in Oberhofen Ihre «Ändspurt»-Tour. Warum wird Ihre Abschluss-Tournée ein Endspurt und nicht ein langsamens Ausklingen Ihrer Karriere?Polo Hofer: Ich finde den Ausdruck «Ändspurt» sportlich. Das habe ich mir jedoch gar nie überlegt. Ausklingen lassen kommt mir seltsam vor. Ich habe mir einfach gesagt, jetzt mache ich nochmals eine Tour und dann ist endgültig Schluss.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass es kein PR-Gag sei. Die Ankündigung einer Abschluss-Tournée ist jedoch auch schon eine Form von PR. Warum muss man das als Musiker überhaupt ansagen? Im Februar erscheint meine neue CD, die man natürlich bewerben muss. In der heutigen Zeit erst recht. Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich aufhöre: Musik machen rentiert nicht mehr.

Auch nicht für Polo Hofer? Nein. Ich verkaufe kaum noch CD's.

Warum erfolgen die Abschluss-Tour und die CD nicht wie üblich gleichzeitig? Das Album erscheint sozusagen mitten in der Tour, und dann «plampe» ich noch aus bis Ende April aus. Und die Ankündigung des Albums hat tatsächlich den Effekt, dass die Leute an die Konzerte kommen. Das sehen wir an den Vorverkäufen. Ich könnte etwa zehn Mal in der Mühle Hunziken spielen.

A propos Mühle Hunziken: Gibt es irgendein Lokal, auf das Sie sich am meisten freuen, dort noch ein letztes Mal auf der Bühne zu stehen? Einen Lieblingsort habe ich eigentlich nicht. Wegen der Akkustik bevorzuge ich jedoch Lokale aus Holz. Auf meiner letzten Tour gibt es sogar ein paar Lokale, in den ich noch nie gespielt habe, wie im Kultur- und Kongresszentrum Thun (KKT) oder im Kofmehl in Solothurn. Und es melden sich immer neue Clubs, die wieder auf Live-Musik setzten. Das ist der einzige Ort, wo man als Musiker noch etwas Geld verdienen kann.

Wenn Sie nochmals 20 wären und ihre Karriere jetzt starten würden, was wäre anders als vor 50 Jahren? Wenn die Freude an der Musik gross genug ist, dann muss man als Amateurmusiker beginnen. Aber das war ich mit 20 auch. Damals gab es jedoch noch keine DJ's und Live-Bands waren noch gefragt. Wir hatten oft Monats- oder Wochenengagements in einem Lokal. Das waren ganz andere Voraussetzungen damals. Es gibt zwar heute viel mehr Bands, aber die haben kaum noch Auftrittsmöglichkeiten.

Wenn Sie sich die Berner Mundart-Szene heute anschauen... ... dann frage ich mich, was ich da angerichtet habe. Ich kenne mich jedoch zu wenig aus. Ich kriege zwar sehr viele CD's zugeschickt, höre mir aber nicht alles an. Es gibt kaum noch gesellschaftsrelevante Songs. Vieles ist schlagerhaft und regelrechte Kinderliederlyrik. An den Namen vieler jungen Berner Bands habe ich noch Freude, zum Beispiel« Death by Chocolate». Und «Trummer» habe ich schon live gehört, da sehe ich sehr viel Potenzial.

Wenn Sie die Wahl hätten, mit welchem Musiker würden Sie sich auf Ihrer Abschluss-Tour ein Duett wünschen? Mit MusicStar-Gewinnerin Fabienne Louves komme ich ganz gut klar. Und Gigi Moto wird wahrscheinlich auch dem neuen Album zu hören sein. Oder mit Kuno Lauener würde ich endlich gerne mal auf der Bühne stehen.

Und gibt es noch irgend ein Thema, dass Sie in Ihrer 50-jährigen Karriere noch nicht besungen haben und auf ihre Liste ganz oben steht? Alle Themen der Songs auf der neuen CD, etwa Religion, sexuelle Belästigung oder Nachbarschaft. Ich sitze oft beim Volk und höre, wie sie sich über ihre Nachbaren auslassen. Und ein paar Coversongs haben wir bereits eingespielt, zum Beispiel ein uraltes Volkslied aus Louisiana, wie damals «Travailler c'est trop dur».

Können Sie als Musiker einfach so von heute auf morgen aufhören? Ja, das kann ich. Und zwischendurch ein munteres Liedchen trällern liegt immer noch drin, aber ich will keine Band mehr, sondern mich voll auf die Malerei konzentrieren. Ich habe sehr gute Angebote. Die Gestaltung der Sonderbriefmarke für die Post letztes Jahr hat mich in den Fokus gerückt. Ich werde 70. Gottfried Stutz, ich will doch nicht mehr «umeseckle».

Sie haben mal gesagt, dass Sie es den Leuten nicht antun wollen, mit 70 noch auf der Bühne zu stehen. Die Popmusik ist ein Jugendsegment und da passe ich nicht mehr so gut rein. Und irgendwann lassen auch die Kräfte nach. Ich frage mich immer wieder, was die «Rolling Stones» noch wollen. Eine halbe Milliarde auf dem Konto und immer noch «umeseckle». Das tue ich mir nicht an.

Sie haben eine halbe Milliarde auf der Seite? Nein, natürlich nicht.

Werden Sie sich nach Ihrem Karriereende in Oberhofen zurückziehen? Nein, ich bin immer noch ein gesellschaftlicher Mensch und komme mindestens einmal die Woche nach Bern zum Jassen ins Café Pyrénées. Und in den Medien werde ich sicher weiterhin präsent sein. Nun ist gerade das Buch «Ross'n'Roll» von Orlando Geremia über mich erschienen. Vielleicht schreibe ich irgendwann mal selber eins. Das würde mich reizen.

Das klingt nach vielen neuen Ideen und weniger nach kürzer treten? Nein, an Ideen fehlt es gar nicht. Aber ich will einfach kein Band mehr. 50 Jahre Proben im ersten Untergeschoss sind genug. Es hat uns leider nie gereicht für ein sonniges «Heimetli» als Übungsraum.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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