19 Besetzer von Polizei abgeführt

Bern

Hausbesetzer und Polizei lieferten sich am Mittwoch an der Berner Effingerstrasse eine Schlacht mit Feuerwerk und Gummischrot. Eine Person wurde verletzt, zwei Polizisten erlitten ein Hörtrauma.

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Gegenüber dem Kocherpark, an der Effingerstrasse 29, wurde im Dezember ein Wohnblock von der Gruppe «Oh du Fröhliche» besetzt. Wie einem Youtube-Video vom Dezember zu entnehmen ist, stehen bis zu 50 Personen hinter der Gruppierung.

Am Mittwochmorgen gegen 8 Uhr begann vor dem besagten Gebäude ein Polizeieinsatz, wie Corinne Müller, Mediensprecherin der Kantonspolizei, auf Anfrage bestätigte. Ob es bei dem Polizeieinsatz Verletzte gab, ist zur Stunde noch unklar.

Hier befindet sich das besetzte Haus, das die Polizei zu räumen versucht. Die Strassensperre betrifft die Effinger- und die Belpstrasse.

Wie unser Reporter vor Ort berichtete, seien die Besetzer nicht gewillt gewesen, zu gehen. Sie schossen mit Feuerwerk aus den Fenstern, die Kantonspolizei ihrerseits antwortete mit Gummischrot.

Kurz vor 9 Uhr habe sich die Polizei Zutritt zum Haus verschafft. Einsatzkräfte in Vollmontur kämpften sich in das 1. Stockwerk. Der Reporter berichtete von Zuständen, die einer Strassenschlacht ähneln:

Video: Rebecca Gangl/Leserreporterin

Während sich die Auseinandersetzung zwischen Polizei und Besetzern auf die Hinterseite des Hauses verlagert hatte, skandierte hinter den Absperrbändern eine Menschenansammlung polizeifeindliche Äusserungen. Ihre Solidarität mit den Besetzern zeigte sich auch auf Transparenten mit Sprüchen wie «Gegen Leerstand und Wohnungsnot helfen Tränengas und Gummischrot».

Video: Martin Bürki

Kurz nach 10 Uhr wurde der Umkreis der Sperrung von der Polizei vergrössert und Schaulustige bis zum City West zurückgedrängt. Auch im Treppenhaus der besetzten Liegenschaft wurden Feuerwerkskörper gezündet und auf dem Dach brannten Transparente. Aus den Fenstern flogen noch immer Sachen. Abfalleimer, Teller, ein Globus und weiteres Mobiliar lagen auf der Strasse. Während die Strasse von der Feuerwehr aufgeräumt wurde, kämpfte sich die Polizei bis zum 5. Stock hoch.

Gegen 11 Uhr durchbrachen die Demonstranten das Absperrband bei der Haslerstrasse, die Kundgebung wurde zu einem stillen Protest. Die Polizei ihrerseits habe mehrere Personen im Gebäude angehalten. «Die Lage hat sich beruhigt, doch der Einsatz läuft noch», sagt Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kapo. Er bestätigt auch, dass bei den Demonstrierenden Personenkontrollen durchgeführt worden seien.

Kurz nach 12 Uhr ist unser Reporter immer noch vor Ort, aber viel passiert gerade nicht:

Gegen 13.30 Uhr erklärt Polizei-Sprecher Gnägi: «Die Lage ist unter Kontrolle». Wie unser Reporter vor Ort berichtet, werden auf der Effingerstrasse zahlreiche Kastenwagen aufgefahren. Polizisten seien dabei, die Strasse aufzuräumen.

Vor 15 Uhr hatte die Polizei alle Besetzer aus dem Haus an der Berner Effingerstrasse abgeführt und zur Einvernahme mitgenommen. Der Polizeieinsatz ist allerdings noch nicht beendet, wie die Nachrichtenagentur sda schreibt. In der Nähe des Gebäudes hielten sich nach wie vor etwa 20 bis 30 Sympathisanten der Besetzer auf, die sich nun aber auch das Feld geräumt haben. Die von den Besetzern an der Liegenschaft angebrachten Fahnen und Transparente hat die Polizei unterdessen abgeräumt. Das Gebäude sieht von aussen wieder weitgehend normal aus.

Die Kantonspolizei fasst die Ereignisse nach 16 Uhr in einer Mitteilung zusammen: Den Einsatzkräften sei es noch während der Morgenstunden gelungen, in sämtliche teilweise «massiv verbarrikadierten» Räumlichkeiten einzutreten und insgesamt 19 anwesende Personen ohne weitere Zwischenfälle festzunehmen. Im Gebäude sei eine umfassende Spurensicherung aufgenommen worden, heisst es weiter. Gemäss aktuellen Erkenntnissen habe eine angehaltene Person im Zuge der Ereignisse sich an der Hand verletzt. Fünf Polizisten hätten sich ärztlich untersuchen lassen, wobei in zwei Fällen der Verdacht auf ein Hörtrauma bestehe.

«Wir haben schon im Vorfeld, gestützt auf unsere Erfahrungen bei an­deren Räumungen und die vor­liegenden Informationen, mit Gegenwehr gerechnet und waren entsprechend vorbereitet», sagt Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kantonspolizei. Damit, dass die Hausbesetzer so massiv mit Feuerwerkskörpern und Mobiliar nach den Polizisten geworfen haben und es in Kauf nahmen, auch Unbeteiligte zu verletzen, habe hingegen nicht gerechnet werden müssen.

Bernmobil-Betrieb für mehrere Stunden gestört

Der Polizeieinsatz tangierte den Betrieb von Bernmobil erheblich. Die Effingerstrasse, die Belpstrasse und die Haslerstrasse waren gesperrt, was zu Ausfällen und Umleitungen führte.

Seit kurz nach 8 Uhr morgens lief der Betrieb nicht mehr fahrplanmässig. Weil die Linien 7 und 8 komplett ausfielen, riet Bernmobil Fahrgästen Richtung Westen auf die S-Bahn umzusteigen. Ähnlich sah es bei der Linie 6 aus, hier riet Bernmobil den Fahrgästen Richtung Fischermätteli auf die Linie 17 auszuweichen. Die Linie 17 war allerdings zeitweise auch von den Störungen betroffen.

Ebenfalls betroffen war die Linie 3, die die gesperrten Strassen umfährt. Die Linie 11, die Richtung Inselspital fährt, litt unter der Verkehrsüberlastung.

Im Verlaufe des frühen Mittwochabends vermeldete Bernmobil eine Normalisierung des Betriebs. Seit 18.15 Uhr verkehren alle Linien wieder fahrplanmässig.

«Normalerweise werden wir von der Kantonspolizei über grössere Einsätze informiert und können so frühzeitig für Umleitungen sorgen», erklärt Bern­mobil-Mediensprecherin Tanja Flühmann.

Am Mittwoch sei dies jedoch nicht der Fall gewesen. Dass man Bernmobil nichts über den Einsatz gesagt habe, sei auf taktische Gründe zurückzuführen, erklärt Polizeisprecher Gnägi: «Hätten wir die Öffentlichkeit vorgängig über den Einsatz informiert, hätte man wohl mit noch härteren Angriffen rechnen müssen.»

Ausserdem betont er, dass die Effingerstrasse nicht von Beginn an gesperrt wurde, sondern erst, als die Gruppierung mit den Wurfgeschossen anfing: «Von da an waren auch Dritte gefährdet, weshalb die Strasse aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde.»

Strafanzeige bereits im Dezember eingereicht

Das wurde über die Räumung getwittert. Mobile User klicken hier.

Der Wohnblock im Monbijou-Quartier gehört dem Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL). Seit Mai steht das Gebäude mit neun Wohnungen an der Effingerstrasse leer. Vorher waren Privatpersonen eingemietet. Wie die BBL-Mediensprecherin Aline Clauss im Dezember sagte, wolle das Bundesamt das Gebäude selber nutzen.

Bereits im Dezember habe man Strafanzeige eingereicht, schreibt die BBL auf die heutige Anfrage. Der gerichtliche Erlass für die Räumung liege vor. «Es handelt sich um die illegale Besetzung, die für den Bund Schaden zur Folge hat», heisst es weiter. Wie Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kantonspolizei, bestätigt, liege der Räumungsantrag der BBL und ein Zivilgerichtsentscheid vor.

Die Junge SVP der Stadt Bern sprach am Mittwoch in einer Mitteilung von «Hausbesetzer-Terror». In einem Rechtsstaat hätten sich alle an dieselben Regeln zu halten. Die JUSO der Stadt Bern hingegen spricht von einem «brutalen und unverhältnismässigen Vorgehen der Polizei». Dem besetzten Gebäude sei «auf friedliche und fröhliche Art» Leben eingehaucht worden.

cla, flo, mb, sm/sda

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