«16-jährige Mädchen sprayten Anarchie-Zeichen an die Wand»

Bern

Bern hat eine Krawallnacht hinter sich. Nach einer unbewilligten Party zogen rund 1000 Leute durch die Stadt und richteten massive Sachschäden an. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Ein Augenzeuge berichtet.

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In der Nacht von Samstag auf Sonntag ereigneten sich in Bern einmal mehr Szenen, die an die berüchtigte Tanz-dich-frei-Demo vor drei Jahren erinnern, als eine Party zur Kampfzone ausartete. Ein Augenzeuge schildert chronologisch, wie er die jüngste Krawallnacht erlebte: «Angekündigt war eigentlich eine sogenannte «Sauvage».

Unter dem Begriff versteht man eine illegale Party auf einem leerstehenden Areal. Wo genau das Fest stattfinden wird, wurde erst gegen 22 Uhr bekanntgegeben - via Rund-SMS. «Jetzt gehts los: Die interplanetar-kosmosolidarische Sauvage beginnt!!!» war die Nachricht, die ab diesem Zeitpunkt die Runde machte.

«Etwa um Mitternacht ist es auf dem Gelände der ehemaligen Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Warmbächli richtig losgegangen», so der Zeuge, der an der Party sowie am darauffolgenden Umzug dabei war. Auf dem Hof des Areals habe ein grosses Feuer gebrannt, es habe Musik- und Verkaufswagen gehabt, an denen man Bier, Drinks und Schnaps habe kaufen können. Ausserdem seien verschiedene Rap-Crews aufgetreten. Die Party habe vor allem im Freien stattgefunden, in einem Innenraum der ehemaligen Kehrichtverwertungsanlage konnte auch noch getanzt werden. Die anwesenden Besucher seien jung gewesen, meist zwischen 15 und 30 Jahren. «Die Stimmung vor Ort war friedlich, es war sehr schönes Wetter, die Location ist sehr geeignet für einen solchen Anlass», beschreibt der Partygänger die Situation.

Die Party auf dem Warmbächliareal verlief friedlich. Video: Leserreporter

Der Anlass war unbewilligt, die Organisationen hatten sich Zutritt auf das Gelände und in das Gebäude verschafft, indem sie Tore aufgebrochen hatten. Die Polizei beschreibt die Szenerie folgendermassen: Die Eingänge zur KVA seien durch vermummte Personen kontrolliert worden, die mit Funkgeräten ausgerüstet waren. Mehrere hundert Leute hätten sich auf dem Gelände befunden. Die Polizei ortete eine erhöhte Gewaltbereitschaft, hielt sich darum zunächst im Hintergrund und bot Verstärkung auf.

Mädchen versprayen Wände

«Ab 1 Uhr morgens wurden keine Getränke mehr verkauft», sagt der Augenzeuge. «Jetzt gehts los!» sei gerufen worden, daraufhin hätten sich alle zum Umzug formiert. «Man konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr weiterfeiern, alle mobilen Musikanlagen und Bars nahmen an der Demo teil», berichtete er. Ausserdem seien Flugblätter verteilt worden, auf denen informiert wurde, wie man sich bei einer allfälligen Verhaftung verhalten solle.

Laut dem Zeugen sei ein Umzug von den Organisatoren der Party ursprünglich aber nicht geplant gewesen. «Um 1.30 Uhr setzte sich der Umzug Richtung Innenstadt in Bewegung. Geschätzt über 1000 Personen waren von Anfang an mit dabei. Es entstand eine Euphorie, vieles erinnerte an den «Tanz-dich-frei»-Umzug vor drei Jahren», so der Zeuge.

«Während des Umzugs wurde in einem Ausmass gesprayt, wie man es in Bern noch nie gesehen hat. Viele der Sprayer waren sehr jung, man sah 16-jährige Mädchen, die Anarchie-Zeichen an die Wände gemalt haben.»

Treffpunkt bei der Reitschule

Scheiben wurden eingeschlagen, Container abgefackelt, Feuerwerk gezündet, wie sich am Tag darauf zeigte. Sogar gegen das Frauenspital wurden Böller geschossen, wie Zeugen berichten. Auch die Fassade des Hauptsitzes der Heilsarmee wurde versprayt.

«Der Umzug bewegte sich im Zick-Zack in Richtung Innenstadt. An der Bühlstrasse beim Inselspital kam es erstmals zur Konfrontation mit der Polizei. Diese setzte einen Wasserwerfer und Tränengas ein. Der Umzug, der seit dem Start auf dem Warmbächliareal noch beträchtlich angewachsen war, wurde gezwungen, umzudrehen», so der Zeuge.

In der Nähe des Hirschengrabens, dort wo bis vor kurzem die provisorische Schanzenpost war, sei die Situation eskaliert: «Die Polizei hat die Demo eingekesselt, der Wasserwerfer ist aufgefahren, Vermummte warfen Steine gegen Polizisten. Diese setzten daraufhin den Wasserwerfer ein.»

Die Polizei beschreibt die Ereignisse folgendermassen: «Einsatzkräfte, die sich dem Umzug näherten, wurden jeweils unvermittelt und mit hoher Gewaltbereitschaft angegriffen». Auch Feuerwehrleute seien unter anderem mit Steinen beworfen worden. «Ein aus grosser Nähe geworfener faustgrosser Stein durchschlug die Beifahrerscheibe und traf einen der Insassen».

Die Polizei stoppte den Umzug schliesslich, indem sie Absperrungen errichtete sowie den Wasserwerfer, Reizstoff und Gummischrot einsetzte. Mehrere Personen seien zur Kontrolle angehalten worden. Weitere Anhaltungen seien infolge der grossen Gruppe, der hohen Gewaltbereitschaft sowie der verschiedenen Brennpunkte nicht möglich gewesen, so die Polizei.

«Wer einen Weg aus der Polizeisperre fand, traf sich daraufhin auf dem Vorplatz der Reitschule», berichtet der Augenzeuge. Die Reitschule selber sei zu diesem Zeitpunkt aber bereits geschlossen gewesen. Getränke seien nur über die mobilen Wagen abgegeben worden, die schon Teil des Umzugs waren. Diskussionen über Sinn und Unsinn der Aktivitäten, die in der vergangenen Nacht in Bern über die Bühne gingen, hielten noch lange an.

Sechsstelliger Schaden

Für Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) besteht zwischen dem Saubannerzug und der Reitschule sehr wohl eine Verbindung. «Für die Veranstaltung wurde im Vorfeld auch in der Reitschule mobilisiert», sagt er. Und auf einschlägigen Internetseiten würden die Teilnehmer der Demo selber schreiben, dass sie sich gruppenweise zur Reitschule zurückgezogen hätten.

Die Vorfälle bezeichnet er als «schockierend». Der entstandene Sachschaden bewege sich im sechsstelligen Bereich. «Wieder wurden in Bern gezielt Einsatzkräfte angegriffen, darunter auch Feuerwehrleute. Nur dank viel Glück kam es nicht zu schwerwiegenden Verletzungen», sagt er.

Das grosse Gewaltpotenzial habe sich im Vorfeld aber nicht abgezeichnet. Als die Stimmung vor Ort erkannt wurde, habe man sofort Sicherheitskräfte zusammengezogen. «Den Leuten ging es beim Umzug nur um Sachbeschädigungen und um die Auseinandersetzung mit der Polizei», sagt er.

Die gewaltextremistischen Umtriebe in Bern und in anderen Städten wie Basel oder Zürich hätten einen Umfang angenommen, den auch die Staatsanwaltschaft und den Bundesnachrichtendienst alarmieren müsste, so Nause. Die juristischen Hürden für Telefonüberwachungen seien heute zu hoch.

Berner Zeitung

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