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Hier wird seit 600 Jahren politisiert

An diesem Ort gehen seit 600 Jahren städtische und kantonale Politiker ein und aus: Am Montagabend wird das Berner Rathaus mit einem Festakt offiziell gefeiert.

Am 14. Mai 1405 bricht an der Südseite der Brunngasse in der Berner Altstadt ein Grossbrand aus. Innert einer Viertelstunde stehen 600 Häuser in Flammen. Über hundert Menschen finden den Tod. Die bernische Obrigkeit entscheidet nach diesem Desaster, das bisherige (vom Brand verschonte) politische Versammlungslokal neben der Pfarrkirche aufzugeben. Ein repräsentativer Neubau an prominenter Lage muss her. Doch dort, wo das Rathaus heute steht, befindet sich 1405 ein anderes Gebäude. Schultheiss Ludwig von Seftigen macht kurzen Prozess: Er beschlagnahmt das Haus und lässt es abreissen.

Von 1406 bis 1417 wird am neuen Rathaus gebaut. Es ist der teuerste profane Bau im mittelalterlichen Bern und kostet 12'000 Goldgulden – was heute etwa 4 Millionen Franken entspricht. Für die einen ist das neue Rathaus eine reine Geldverschwendung, für andere symbolisiert es die dominierende Stellung Berns als Mittelpunkt eines sich ausdehnenden Territoriums. Ausser den Ratsstuben für Grossen und Kleinen Rat besticht das Haus mit einer grossen Säulenhalle sowie einem Korn- und Waffendepot.

Obschon mehrmals umgebaut, ist im Rathaus viel originale Bausubstanz erhalten geblieben.

In der Halle treffen sich Berner Bürger unter anderem auch zu öffentlichen Gerichtsverhandlungen und Waffeninspektionen. In einer kleineren Stube sitzt der Schultheiss mit 26 Ratsherren, im grossen Saal trifft sich der Grosse Burgerrat, der zwischen 200 und 450 Männer zählt. Berner, die gewählt werden wollen, müssen seit 5 Jahren in der Stadt ansässig sein. Um 1530 wird erlassen, dass jedes Mitglied des Grossen Rates innerhalb des Stadtbezirks ein eigenes Haus besitzen muss. Unehelich Geborene haben keine Wahlchancen.

Der regierende Kleine Rat wird vom städtischen Adel dominiert, im Grossen Rat sitzen gewerbetreibende Stadtbürger. Im Vordergrund der Ratspolitik stehen Ausdehnung und Intensivierung der Gebotsgewalt über das wachsende städtische Territorium. In der Stadt Bern leben zu dieser Zeit 5000 Menschen.

Napoleon und der Ratsweibel

1465 kommt es im Rathaus zu einem ersten Eklat: Der Rathausweibel Ludwig Krummenacher, der in seiner Stellung eigentlich für Ruhe und Ordnung sorgen muss, beunruhigt die Gemüter. Er beteiligt sich unerlaubterweise an einem Überfall auf die habsburgische Stadt Rheinfelden. Krummenacher wird für drei Jahre aus der Stadt verbannt.

Das einschneidendere Ereignis in der langen Geschichte des Berner Rathauses passiert 300 Jahre später: 1798 dringen napoleonische Truppen ins Haus und entführen die Staatskasse und viel Gold. Wie viel Wert der Raub aus heutiger Sicht hat, ist kaum zu beziffern. Das Geld ist weg, aber der Raum, in dem sich die Kasse befunden hat, existiert heute noch.

600-jährige Zeugen

Das Rathaus wird über die Jahrhunderte hinweg mehrmals saniert und umgebaut. Originale aus der Bauzeit sind aber heute noch überall im Haus anzutreffen. Das Gebälk im Dachstock etwa, wo ausserhalb der Sessionen die Berner Fahne zum Trocknen aufgehängt wird. Eine mittelalterliche Meisterarbeit ist das Schloss an der Türe zu den Kellergewölben. Auch die hölzerne Eingangspforte zum Regierungsratszimmer ist 600-jährig, ebenso die Decke in diesem Raum mit den 32 Wappen.

Eine einschneidende Umbauphase wird 1940 bis 1942 durchgeführt. Die Dachkonstruktionen im «Laubsägeli-Stil» beidseitig der Treppenaufgänge links und rechts des Haupteingangs werden abgerissen. Der Berner Bildhauer Gustave Piguet gestaltet den plastischen Schmuck an der Hauptfassade. Und der Bühnenbildner und Kunstmaler Karl Walser schafft das riesige Bild im Grossratssaal.

Churchills Nickerchen

Der grosse Umbau vor über 70 Jahren ist auf zahlreichen Fotografien festgehalten worden. Beim Durchstöbern im Rathaus tauchen andere Bilder aus den 1940er-Jahren auf. Sie zeigen den britischen Staatsmann Winston Churchill, der im September 1946 das Rathaus besucht. Offenbar muss die Schweiz-Reise für ihn ziemlich anstrengend gewesen sein.

Jedenfalls ist er auf einem Stuhl vor dem Rathaus sitzend eingenickt, und seine brennende Zigarre ist zu Boden gefallen. Allerdings hat sie keinen Grossbrand ausgelöst. Das Rathaus steht immer noch.

Eine Video zum offiziellen Festakt im Rathaus finden Sie am Montagabend auf bernerzeitung.ch.

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