140 hörten klare Aussagen für Humanität

Bern

Rund 140 Menschen aus Hondrich und Umgebung kamen, um bei der Mahn­wache Solida­rität für eine syrische Klein­familie zu zeigen.

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Svend Peternell

Eigentlich war am Dienstagabend just um 18.30 Uhr ein starkes Gewitter über dem Berner Bundes- und Waisenhausplatz angesagt. Aber es kam anders. Ganz anders. Petrus muss sich als 141. Gast unter die Menschen aus der Spiezer Bäuert Hondrich gemischt haben, die eine halbe Stunde lang an einer Mahnwache für Solidarität und Menschlichkeit einstanden. Er riss alles auf, was Hoffnung gibt. Der Himmel dürfte in diesem Frühling noch nie so hell und klar gestrahlt haben, die Sonne kaum je so gewärmt haben. «Wir stehen da, um ein Zeichen zu setzen», richtete sich der Hondricher Schulleiter Kurt Mühlethaler an die beachtlich grosse Menschenmenge.

Mirjam Niederhauser: «Für 70 Personen eingegeben...»

Der Spiezer Gemeinderat war zu dritt vertreten mit Grossrätin Ursula Zybach (SP), Anna Fink (EVP) und Christoph Hürlimann (FS). Markus Wenger (EVP) zeigte sich als Grossrat und GGR-Mitglied. Musiker und GGR-Politiker Ruedi Bernet (SP) war vor Ort. Aber auch die Pfarrerin Marianne Zbinden und der Ethiker Helmut Kaiser bekundeten Solidarität, um nur einige zu nennen. Dazu die engagierten Frauen der Bäuert Hondrich, welche die Unterschriftensammlung für die syrische Frau und ihre beiden Kinder in Gang gebracht und die Mahnwache organisiert hatten.

Elternvertreterin Mirjam Niederhauser zeigte sich erfreut über den grossen Zuspruch: «Ich hatte die Bewilligung für 70 Personen ein­gegeben...» Nicht zu vergessen die vielen Kinder und das Trio Kapduhad mit Carlo Nieder­hauser (Cello), Gilbert Paeffgen (Hackbrett) und Tom Freiburghaus (irischer Dudelsack, Flöte), die sich spontan mit der Stassenmusikerin Nicolette Firchal aus Köln (Didgeridoo) verbanden und bewegende Solidarität ohne Worte lebten, besinnlich-hoffnungsvolle Musik spielten.

«Wir sind tief betroffen über das Schicksal einer Frau und ihrer beiden Kinder», sagte Kurt Mühlethaler weiter. Er und Anna Fink appellierten, den rechtskräftigen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Fe­bruar so nicht hinzunehmen. Dieses hatte den Entscheid des Staatssekretariats für Migration (SEM) vom 20. September 2017 gestützt, wonach auf die Asyl­gesuche der aus Syrien und einem nordeuropäischen Land geflüchteten Mutter R. O. und der beiden Kinder B. und N. * nicht ein­zutreten und sie wegzuweisen seien.

Die Rückschaffung in das nördlich gelegene EU-Land – rechtlich gesehen ein sicherer Drittstaat – bedeutet gleichzeitig die Auslieferung der drei Menschen an den mutmasslich gewalttätigen Ex-Mann von R. O. Diese ist sich sicher, dass die Familie ihre Ex-Mannes ihr nach dem Leben trachtet, da diese keine Scheidung akzeptiert. Das haben Recherchen gezeigt.

Kurt Mühlethaler: «Von jetzt an braucht es Menschen»

Mit der Mahnwache wurden Bundesverwaltungsgericht und SEM dazu aufgefordert, den Wegweisungsentscheid neu zu überdenken und aufzuheben. «Viele hatten mit dem Fall zu tun. Wir nehmen an, sie haben ihre Arbeit gut gemacht», so Mühlethaler. Dennoch sind wir nicht bereit, diese Ausschaffung zu akzeptieren. Von jetzt an braucht es Menschen. Unsere Hoffnung ruht auf Bundesrätin Simonetta Sommaruga», dass sie Menschlichkeit stärker gewichten möge als «Gesetze und Paragrafen».

Anne Fink: «Rechtlichen Spielraum für Familie nutzen»

«Warum wird das Schengen-Abkommen höher gewichtet als häusliche Gewalt?», doppelte Anna Fink nach. «Es ist unver­ständlich, dass Mutter und Kinder, die sich so gut in Hondrich ­integriert haben, jetzt wieder ­dieser Angst ausgesetzt werden.» Der rechtliche Spielraum sei da. «Jetzt hoffen wir, dass er in unserem Land, das für humanitäre Tradition einsteht, für diese Familie genutzt wird.» Und statt des Gewitters meldete sich eben die Abendsonne.

* Namen der Redaktion bekannt.

Berner Oberländer

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