13-Jährige «wie eine Sache behandelt»

Justiz

Drei junge Männer ­erhalten bedingte Gefängnisstrafen zwischen 18 und 24 Monaten. Das Regionalgericht beurteilte den Sex mit einer knapp 13-Jährigen als Ver­gewaltigung.

Die drei Angeklagten wurden im Berner Amtshaus der Vergewaltigung schuldig gesprochen.

Die drei Angeklagten wurden im Berner Amtshaus der Vergewaltigung schuldig gesprochen.

(Bild: Walter Pfäffli)

Hans Ulrich Schaad

Die drei Beschuldigten konnten auf viel Support zählen. Rund 20 Kollegen wohnten der Urteilseröffnung vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland bei. Und die drei jungen Männer konnten die Unterstützung gut gebrauchen. Denn was sie von Gerichtspräsidentin Christine Schär zu hören bekamen, gefiel ihnen gar nicht: schuldig in den Hauptanklagepunkten Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Handlungen mit Kindern sowie bedingte Gefängnisstrafen von 24, 20 respektive 18 Monaten. Dazu müssen sie dem Opfer eine Genugtuung von 35 000 Franken bezahlen. Den Kopf gesenkt und teilweise schluchzend hörten die Beschuldigten zu.

Insgesamt vier Männer hatten im ­April 2017 in der Agglomeration Bern Sex mit einer knapp 13-Jährigen. Sie hatten die Jugendliche, die aus einem Heim ausgebüxt war, nachts um 3 Uhr aufgegriffen. Sie betonten bei den Befragungen stets, dass der Sex im Keller einvernehmlich gewesen sei. Die Jugendliche, die sich als 15-Jährige ausgab, habe sogar eine aktive Rolle gespielt (wir berichteten). Der vierte Beteiligte musste sich vor dem Jugendgericht verantworten. Er wurde in erster Instanz freigesprochen. Die Begründung steht noch aus, eine Berufung ist angemeldet.

Ausweglose Situation

Das Gericht nahm die Version vom einvernehmlichen Sex nicht ab. Es sei unwahrscheinlich, ja realitätsfremd, dass eine 13-Jährige Spass am Sex mit vier unbekannten Männer habe. Das habe das Opfer bei der Befragung vor Gericht sehr authentisch und glaubhaft geschildert, sagte Christine Schär. Das Mädchen habe sich zwar nur zu Beginn etwas gewehrt und habe danach das getan, was ihm gesagt wurde. «Die Jugendliche hat sich im Keller eingeschlossen gefühlt und hat Angst gehabt», ergänzte Schär. Die 13-Jährige habe sich in einer «ausweglosen Zwangssituation» befunden. Es sei verständlich, dass sie sich gegen die vier körperlich überlegenen Männer nicht stärker gewehrt habe.

«Hirn ausgeschaltet»

Die Männer hätten das Geschehen hinterfragen müssen, sagte die Gerichtspräsidentin. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass eine junge Frau so etwas wolle, das sei «völlig abwegig». Sie hätten nur die eigene Befriedigung im Kopf gehabt und nicht an das Gegenüber gedacht. Die Jugendliche sei wie eine «Sache behandelt» worden. Der Alkohol habe enthemmt, es habe einen Gruppendruck gegeben. «Schwanzgesteuert und Hirn ausgeschaltet», fasste die Richterin zusammen. Der Sex sei nicht geplant gewesen, das Ganze aber aus dem Ruder gelaufen. Sie hätten die Situation falsch eingeschätzt und falsch gehandelt. Damit sei der Tatbestand der eventualvorsätzlichen Vergewaltigung erfüllt, sie hätten es billigend in Kauf genommen.

Schär bezeichnete das Verhalten der Beschuldigten an der Gerichtsverhandlung – sie hatten teilweise gelacht – als «deplatziert». Das zeuge von Scham und Unsicherheit. Die drei seien jedoch keine notorischen Lügner, würden sich selber aber in einem zu günstigen Licht darstellen. Es wäre gut, so die Richterin, wenn die jungen Männer im Umgang mit Frauen lernen würden, dass diese keine Ware sind. Sie müssten ihre stets ich­bezogene Wahrnehmung hinterfragen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann ans Obergericht weitergezogen werden.

Berner Zeitung

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