«Auch eine stationäre Massnahme ist kein Spaziergang»

Der pädophile Sozialtherapeut wurde am Freitag zu 13 Jahren Haft verurteilt, aufgeschoben zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme. Von einer Verwahrung sah das Gericht ab.

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Anna Tschannen

Obwohl die Anklageschrift in der Strafsache H.S. 60 Seiten umfasst, obwohl er die riesige Zahl von 124 Opfern sexuell missbraucht hat – trotzdem wird der Sozialtherapeut nicht verwahrt. Das Regionalgericht Bern-Mittelland verurteilte H.S. Am Freitag zu 13 Jahren Haft, aufgeschoben zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme. Zudem muss er die gesamten Verfahrens- und Anwaltskosten bezahlen. Die Schuldsprüche erfolgten wegen Schändung, sexueller Handlungen mit Kindern und Anstaltspfleglingen, Pornografie und Verletzung des Privatbereichs durch Aufnahmegeräte.

Das Gericht liess die Strafe für H.S. milder ausfallen, als dies Staatsanwältin Erika Marti gefordert hatte. Sie verlangte die Maximalstrafe für Schändung von 15 Jahren Haft sowie eine Verwahrung.

«Ein Ausnahmefall»

Auch das fünfköpfige Richtergremium unter dem Vorsitz von Urs Herren ging von einer Ausgangsstrafe von 15 Jahren aus. «Der Fall H.S. ist in mehrfacher Hinsicht die absolute Ausnahme», so der Gerichtspräsident. «Eine derart hohe Anzahl Delikte gibt es sonst fast nur bei Einbruchserien oder Betrugsfällen.» Auch der Zeitraum sei enorm. «Man fragt sich schon, wie H.S. so lange unbemerkt sein Unwesen treiben konnte», so Herren. Ein Grund dafür sei sicher, dass fast alle seiner Opfer wegen ihrer Behinderung nicht in der Lage waren, sich verbal auszudrücken.

Dass das Gericht trotzdem nur eine Haftstrafe von 13 Jahren aussprach, hat seinen Grund in der leicht verminderten Schuldfähigkeit, welche das psychiatrische Gutachten H.S. für die letzten Jahre seines Treibens attestiert. Dazu komme das ausserordentliche Aussageverhalten, so Gerichtspräsident Herren: «Als H.S. festgenommen wurde, dachte er erst, er komme einmal mehr davon. Als er realisierte, dass das nicht geht, packte er aus und machte reinen Tisch.»

Der Mann habe eine bemerkenswerte Gedächtnisleistung an den Tag gelegt und den Polizisten detailliert unzählige Übergriffe während fast 40 Jahren ins Protokoll diktiert. Zudem habe er sich bereits in der ersten Einvernahme selbst als pädophil bezeichnet – auch dies laut Herren ein Ausnahmefall.

Therapie beginnt erst

Mit Spannung erwartet worden war indes weniger die Haftstrafe, sondern die Art der Massnahme, welche das Gericht zusätzlich aussprach. Es sei klar, dass eine Haftstrafe allein nicht ausreiche, sagte Herren. Das Gericht folgte aber in diesem Punkt dem Antrag von H.S.’ Verteidiger John Wyss und verurteilte den Angeklagten zu einer stationären therapeutischen Massnahme. Erfolgt diese im geschlossenen Strafvollzug wie im Fall H.S., wird die Massnahme auch «kleine Verwahrung» genannt. «So widerlich, abscheulich und gemein seine Taten auch sind – auch H.S. hat Anrecht auf ein faires Verfahren», sagte Gerichtspräsident Herren dazu. Dazu gehöre auch die Chance, an sich zu arbeiten – mit einer Massnahme nach Artikel 59 des Strafgesetzbuchs. «Es wurde noch nie versucht, H.S. zu therapieren, also kann man den Erfolg einer Therapie nicht messen.» Damit eine Verwahrung ausgesprochen werden kann, müsse klar erwiesen sein, dass der Täter nicht therapierbar sei.

Urs Herren rief in Erinnerung, dass auch eine stationäre therapeutische Massnahme kein Spaziergang sei. «Sie dauert zwar nur 5 Jahre, kann jedoch beliebig verlängert werden. Wenn es keine Verbesserung gibt, dann droht die richtige Verwahrung.» H.S. befindet sich seit 2011 im vorzeitigen Massnahmenvollzug in der Strafanstalt Lenzburg. Die effektive Therapie beginnt jedoch erst mit dem vorliegenden Urteil. Zum Schluss kam Urs Herren noch auf ein allfälliges Berufsverbot zu sprechen: Im Zug der Diskussion rund um die Pädophileninitiative habe das Gericht ein solches Verbot für H.S. erwogen. Dass letztlich darauf verzichtet wurde, hängt mit dem Alter des Angeklagten zusammen: Haftstrafe und Massnahme dauern in jedem Fall länger, als der heute 57-jährige H.S. im Berufsleben bleiben würde.

Berner Zeitung

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