1 «Heiler», 16 HIV-Infizierte und Kritiken

Bern

Nächste Woche beginnt in Bern der Prozess gegen den Musiklehrer, der 16 Personen mit dem HI-Virus angesteckt haben soll. Er bestreitet alle Vorwürfe. Sein Anwalt kritisiert zwei Gutachten. Diese werden für den Prozessverlauf entscheidend sein.

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Wolf Röcken

Auf der einen Seite sind diese unfassbaren Vorwürfe: Zwischen 2001 und 2005 soll der Berner Musiklehrer G.* 16 seiner Schüler vorsätzlich mit dem HI-Virus angesteckt haben – entweder im Rahmen einer Akupunkturbehandlung oder als die Personen bewusstlos waren, nachdem ihnen G. ein Getränk verabreicht hatte. Kristalle und Energieflüsse hätten dabei eine Rolle gespielt. Unvermittelt hätte G. sie mit einem Gegenstand gestochen, sagten jene aus, die bei Bewusstsein waren.

Auf der anderen Seite fehlt vor allem eines: ein Geständnis. G. bestreitet alles. Er bestreitet, jemals einen seiner Musikschüler gestochen zu haben. Sein Anwalt Ernst Reber macht zudem geltend: Nie seien bei seinem Mandanten Utensilien zur Blutabnahme oder Blut gefunden worden. Niemand habe jemals gesehen, wie eine solche Übertragung erfolgt sein soll.

G. ist selber HIV-negativ. Wie für jeden Angeschuldigten gilt auch für G. die Unschuldsvermutung. Im Berner Amthaus kommt es ab nächster Woche deshalb zum Indizienprozess. «Entscheidend wird sein, welcher Stapel am Ende höher ist: Jener mit den belastenden oder jener mit den entlastenden Fakten», sagt Anwalt Reber.

Kritik an zwei Gutachten

Entlasten soll seinen Mandanten die Kritik an zwei Gutachten, auf der Reber die Verteidigung unter anderem aufbauen will. Es gibt von G. ein psychiatrisch-forensisches Gutachten. Hier sei der Fakt vorausgesetzt worden, dass es sich bei seinem Mandanten um den Täter handle. «Und mit dieser Annahme wurde abgeklärt, was er für ein Mensch ist. Es wurde also die Frage gestellt, was ihn zu Taten bewegte, von denen gar nicht feststeht, dass er sie begangen hat.» Üblicherweise liege ein Geständnis vor, dann erst werde die Person psychiatrisch begutachtet, kritisiert Reber.

Beim zweiten Gutachten, einem sogenannt phylogenetischen, geht es um die Frage, ob und allenfalls wie die HI-Viren der angesteckten Personen miteinander verwandt sind. Dies kann Rückschlüsse auf die Quelle des verseuchten Bluts bringen.

Reber kritisiert: «Es fehlt eindeutig die B-Probe.» In solch einem krassen Fall brauche es zwingend einen Abgleich der Ergebnisse, sagt er. Vergeblich versuchte Reber, dieses Zweitgutachten einzuholen. Nun kündet er an, diese Forderung im Verlauf des Prozesses eventuell zu wiederholen.

Vom Mittäter zum Zeugen

Woher das verseuchte Blut stammt, ist unklar. Aus der Anklageschrift geht hervor, dass G. einem Schüler mehrmals Blut abgezapft haben soll — nachdem ihm dieser Schüler erzählt hatte, dass er HIV-positiv sei. G. soll dem Schüler gesagt haben, er könne helfen und das Blut in einem Labor untersuchen lassen (wir berichteten). Laut Anwalt Reber widerspricht G. auch dieser Darstellung. Er habe diesem Musikschüler nie Blut abgezapft.

Tatsache ist aber, dass dieser Musikschüler lange Zeit als möglicher Mittäter von G. verdächtigt wurde. Als er belastende Aussagen gegen G. machte, wurde dieser in Untersuchungshaft gesteckt. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den Schüler in der Zwischenzeit eingestellt. Beim Prozess ist er nun als Zeuge vorgeladen.

Dass G. einen Hang zur Esoterik habe, bestreite dieser nicht, sagt Reber. «Als fürsorglicher Lehrer hörte er zudem immer wieder Leuten mit Problemen zu und bot ihnen Hilfe zur Entspannung an.» Etwa, wenn sie Atemprobleme und damit Probleme beim Spielen eines Instruments gehabt hätten. G. habe aber nie behauptet, ein «Heiler» zu sein. Akupunktur habe er ein einziges Mal in seinem Leben ausgeübt. Als ihm seine damalige Frau von Rückenproblemen klagte, habe er sie nach deren Anleitung behandelt. Bei einer Hausdurchsuchung bei G. im Jahr 2005 wurden acht Akupunkturnadeln gefunden.

«Alle Opfer kennen sich»

Es bleibt die Frage, wie sich G. und sein Anwalt erklären, wie sich 16 seiner Musikschüler mit HIV angesteckt haben, wenn nicht über einen Bluttransfer von ihm. «Er suchte immer wieder nach möglichen Erklärungen», sagt Anwalt Reber. Es sei ein Fakt, dass sich die Infizierten alle untereinander kennen würden und deshalb auch Absprachen vorstellbar seien. Bei den allerersten Befragungen bei den Ärzten seien Suggestionen nicht auszuschliessen, sagt der Anwalt. Es könne einem Menschen entgegenkommen, in seinem Umfeld einen Grund für eine HIV-Ansteckung schildern zu können, wenn man es sich selber nicht erklären kann, woher die Ansteckung stammt.

Sein Mandant sei zwar «kein Wrack», sagt Reber, aber es gehe ihm schlecht. «Diese Vorwürfe seit Jahren, das nagt sehr stark an ihm.» Und natürlich hätten die Vorwürfe auch Einfluss auf den Erfolg der Musikschule (siehe auch Text unten). So oder so findet Reber: «Der Indizienprozess wird alle Beteiligten stark herausfordern.»

* Name der Redaktion bekannt

Berner Zeitung

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