«Grün sein ist Vernunftsache»

Für den 37-jährigen Juristen Claude Grosjean (GLP) ist Grünsein eine Vernunftangelegenheit. So lässt er seinen Oldtimer im Alltag in der Garage und fährt mit dem Velo zur Arbeit. Mitten in der Stadt fühlt er sich wohl.

«Ich mache einen Balanceakt»: Claude Grosjean (GLP) will Konflikte von Fall zu Fall mit Augenmass lösen.

«Ich mache einen Balanceakt»: Claude Grosjean (GLP) will Konflikte von Fall zu Fall mit Augenmass lösen. Bild: Andreas Blatter

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Ein paar Leute sollten unbedingt mit auf dem Bild sein, betont Claude Grosjean (GLP). Er hat sich für den Fototermin das obere Ende der Rathausgasse ausgesucht. Hier fahren Velos und Autos vorbei, Fussgänger flanieren, Beizen laden zum Verweilen unter den Lauben ein. Ein paar Meter weiter links, an der Brunngasse, wohnt Claude Grosjean. Gleich daneben, im Cesary, befindet sich «sein zweites Wohnzimmer», wie der 37-Jährige sagt.

Eine urbane Ecke hat Grosjean für sein Bild ausgesucht. Zuerst hätte es das Bollwerk sein sollen – er mag diesen Ort «gerade wegen der Kontroversen, die sich dort entzünden». Doch das Bollwerk war Grosjean zu vorbelastet mit anderen Themen. Reitschule, Tram, Bahnhofausbau, Nachtleben, Nadelöhr für den Verkehr. Also wählte er die Rathausgasse. «Hier läuft etwas. Es ist ein Ort ohne Fussgängerzonen-Ästhetik, dafür mit bunt gemischtem Publikum – darunter auch ein wenig halbseidige Personen», sagt Grosjean.

Den Sockel kippt er als Erstes um und benutzt ihn als Bänkli. Später dreht er ihn auf die Kante, setzt sich darauf und meint: «Ich mache einen Balanceakt.» Denn die Kontroversen, die er so mag, würde er mit Augenmass zu lösen versuchen. Von Fall zu Fall würde Gemeinderat Grosjean entscheiden, was richtig wäre. Ganz bestimmt aber nicht mit neuen Reglementierungen, von denen es eh schon zu viele gebe.

Mit Velo und Oldtimer unterwegs

Vor vier Jahren wurde Grosjean auf der Liste «Die Mitte» in den Stadtrat gewählt. Diverse Parteien buhlten daraufhin darum, ihn für ihre Fraktion zu gewinnen. Darunter auch die BDP/CVP. Das passte für Grosjean aber nicht. «Von meiner ideologisch-politischen Vergangenheit her bin ich ein Linker», sagt er. «Es war für mich unvorstellbar, einer Partei mit dem Label ‹Bürgerlich› beizutreten.» Die GFL war eine Option. «Aber ich wollte nicht Teil eines Bündnisses sein, das seit zwanzig Jahren an der Macht ist.» Bei den Grünliberalen indes gefiel es ihm. «Das Grüne ist für mich Vernunft- und nicht Herzenssache.»

Grosjean ist im Alltag mit dem Velo unterwegs. Zweimal im Monat indes fährt er mit seinem Oldtimer aus. Einem Mercedes-Coupé, Baujahr 1969. «Ich bin ein Ästhet, ich liebe schöne Sachen», schwärmt er. Autofahren sei etwas sehr Lustvolles – aber es wäre für ihn unvernünftig, ein Auto als tägliches Verkehrsmittel zu gebrauchen. Die Stadt Bern sei eh zu sehr auf Autos ausgerichtet.

Eine Vernunftsache ist für Grosjean auch, verdichtet zu bauen. So siebzig Meter hoch dürften die Häuser auf dem Viererfeld oder am Warmbächliweg durchaus sein, findet er. Auf ein «Mini-Manhattan» auf der Schützenmatte würde er aber verzichten.

Nachtschwärmer und Jurist

Claude Grosjean ist Jurist und Abteilungsleiter in der Eidgenössischen Steuerverwaltung – und ein Nachtschwärmer. Er ist lieber bis in die frühen Morgenstunden unterwegs, als am Sonntag in den Berge wandern zu gehen. «Erst recht, seit ich wieder Single bin.» Früher war er regelmässig in der Reitschule, heute noch ab und zu, an einem Black-Metal-Konzert zum Beispiel. Man trifft ihn häufig im Volver, im Lehrerzimmer, im Kapitel – und im Cesary natürlich.

«Das Ausgangsangebot in Bern ist an der unteren Grenze», findet er. Berlin wäre da schon besser – aber Grosjean hängt zu sehr an Bern, als dass er in die deutsche Hauptstadt ziehen würde. Auch, wenn die Berner sich zu schnell hinter den Ofen verziehen. «Wenn ich pensioniert bin», sinniert Grosjean, «ziehe ich vielleicht nach Italien. Auf einem Stühlchen in der Gasse zu sitzen, mit Leuten zu schwatzen und das Geschehen zu beobachten, liegt mir mehr, als durch eine Fensterscheibe im Altersheim zu gucken.»

Auf dem Sockel... Unter diesem Motto stellt die BZ die Gemeinderatskandidaten vor. Der Sockel kann beliebig eingesetzt werden. Der Ort ist frei gewählt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.10.2012, 13:28 Uhr

Infobox

1. Mit welchem Kandidaten, welcher Kandidatin einer anderen Liste würden Sie am liebsten im Gemeinderat sitzen
Mit Tania Espinoza (GFL). Sie wäre fähig, frischen Wind in die Direktion für Bildung, Soziales und Sport zu bringen.

2. Wie wird das Kräfteverhältnis der Blöcke sein? Wie gross sind Ihre Wahlchancen?
2 RGM, 2 Mitte, 1 Bürgerlich. Meine Wahlchance beträgt 50 Prozent: Den zweiten Mittesitz holen Vania Kohli oder ich.

3. Als Gemeinderat stehen Ihnen 10 Millionen Franken zur Verfügung. Wo setzen Sie das Geld ein?
Bei der Stadtplanung. Die Koordination von Wohn- und Arbeitszonen soll Chefsache werden, und mit zusätzlichen Stellen könnte der Wohnbau gefördert werden.

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