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«Bern muss jetzt Gas geben»

HauptstadtregionRudolf Joder (60), Präsident der kantonalen SVP und Nationalrat, glaubt an Berns Zukunft als Politzentrum der Metro-Schweiz. Joder fordert aber eine Tempoverschärfung, damit der Rückstand auf Zürich, Basel, Genf nicht weiter wachse.

Herr Joder, Bern will sich als Hauptstadtregion Schweiz profilieren, um mit den Metropolitanräumen Zürich, Basel und Genf auf Augenhöhe zu bleiben. Braucht es das wirklich? Rudolf Joder: Tatsache ist, dass Bern in einem Wettbewerb steht mit den Räumen Zürich, Genf und Basel und Gefahr läuft, immer mehr ins Hintertreffen zu geraten. Dem müssen wir in die Augen schauen. Deshalb muss Bern als zweitgrösster Kanton und Hauptstadt zielgerichteter, couragierter und entschlossener auftreten als bisher. Die Hauptstadtregion erachte ich als geeignetes Instrument dafür. Dann glauben Sie daran, dass aus der Hauptstadtregion mehr wird als ein Papiertiger? Es geht hier nicht um Glauben. Das Raumkonzept Schweiz, in dem die Metropolitanräume und die Hauptstadtregion definiert werden, bestimmt, welche Regionen künftig von der Raumplanung und Infrastruktur her prioritär gefördert werden. Das ist alles andere als ein Papiertiger. Was denn? Eine strategische Ausrichtung, und zwar eine, die nicht irgendwo im luftleeren Raum des Bundesamts für Raumentwicklung hängen wird. Dieses Raumkonzept wird, wie ich mit Erfolg in einem Vorstoss im National-rat verlangt habe, im Raumplanungsgesetz verankert. Das gibt ihm Gewicht. Und das bedeutet: Bern steht auf gleicher Ebene mit den Metropolitanräumen. Wäre dies nicht der Fall, fliessen die Finanzströme an Bern vorbei. Eindeutig. Es geht hier um die Frage, ob sich Bern mit Erfolgsaussichten dem Wettbewerb stellt. Aber man kann sich ernsthaft fragen, wie Bern plötzlich wettbewerbstauglich werden soll. Mehr als eine vage Idee erkenne ich in der Hauptstadtregion bisher nicht. Es ist ein Erfolg meines Vorstosses, dass die Formel 3 plus 1 – drei Metropolitanräume plus eine Hauptstadtregion – nun breit anerkannt und auch so im Raumkonzept festgehalten wird. Aber klar, jetzt ist es wichtig, dass man die Hauptstadtregion zügig und gut umsetzt. Wie stellen Sie sich das vor? Man müsste jetzt rasch eine schlanke, effiziente Organisation mit einem schlagkräftigen Führungsgremium schaffen, ein Verein scheint mir ein gutes Instrument zu sein. Von mir aus gesehen gehört die Hauptstadtregion auf die kantonale Ebene, sie darf kein städtisches Projekt bleiben. Wieso nicht? Die Agglomeration Bern ist ökonomisch die treibende Kraft des Kantons. Klar. Aber in der Praxis braucht die Hauptstadtregion ein gewisses Gewicht, das nur der Kanton schaffen kann. Dazu gehört natürlich die direkte politische Vernetzung mit den Exekutiven der Kantone und der Städte, die sich beteiligen, sowie den eidgenössischen Parlamentariern des gesamten Raums. Die Hauptstadtregion muss zu einer politischen Gruppe werden, die nicht nur die Interessen Berns, sondern des gesamten Perimeters verfolgt. Als Berner allein hat man in den Verteilkämpfen der Bundespolitik wenig Chancen. Deshalb ist auch die parteipolitische Ausgewogenheit wichtig. Heute stehen Stadtpräsident Alexander Tschäppät und Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher im Vordergrund, beide SP. Das ist ein Zufall, aber künftig müsste man breitere Akzente setzen. Unterstützt Ihre SVP die Hauptstadtregion? Bis jetzt ist die Hauptstadtregion in der SVP noch kein Thema. Aber die Partei wird sicher mithelfen, wenn das Projekt parteipolitisch breit abgestützt wird. Wir reden über Organisation und Parteipolitik. Aber was genau soll der Inhalt der Hauptstadt-region sein? Wichtig ist, dass wir aktiv werden und Gas geben, sonst sind wir in Bern schon wieder im Hintertreffen. Die Metropolitanräume sind uns ein paar Schritte voraus. Ich befürchte, dass wir in Bern die politischen Prozesse zu langsam bewirtschaften und lethargisch werden. Um mehr Dynamik und Inspiration zu erhalten, muss die Hauptstadtregion Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur beiziehen. Und dann erwarte ich, dass wir uns jetzt sehr rasch ein Arbeitsprogramm geben mit einem oder zwei konkreten Projekten. Welches zum Beispiel? Eines könnte die Spitzenmedizin in der Insel sein. Wir stehen da in einer angespannten Konkurrenzsituation, in der gar nichts gesichert ist. Es kann darauf hinauslaufen, dass der Entscheid zwischen Zürich und Bern fällt. Die Insel als spitzenmedizinisches Zentrum zu erhalten, interessiert nicht nur Bern, sondern auch Freiburg, Neuenburg, Solothurn und das Wallis. Da müssen wir eine effiziente Lobby organisieren, bis hinauf in die Bundespolitik. So, stelle ich mir vor, würde die Hauptstadtregion zum Leben erweckt. Das darf keine Frage von Jahren werden. Sondern von Monaten. Herr Joder, als wie gravierend schätzen Sie den nationalen Bedeutungsverlust von Bern ein? Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Besonders augenfällig finde ich: Bern bezieht gegen eine Milliarde Franken aus dem Finanzausgleich, Zürich zahlt fast eine halbe Milliarde ein. Die Gründe für Berns Abstieg beschäftigen mich schon lange, und es ist ein Teil meiner politischen Arbeit, dagegen anzukämpfen. Was sind die Gründe dafür , dass Bern nicht mehr richtig vom Fleck kommt? Für mich hat es unter anderem mit der Einstellung zu tun. Ich sehe das an verschiedenen Projekten im Kanton Bern. Wir fragen immer zuerst, was könnte dagegen sprechen. Anstatt uns darauf zu konzentrieren, Probleme zu lösen. Wir sind zu zurückhaltend, zu wenig risikobereit, zu wenig begeisterungsfähig. Und zu wenig selbstbewusst. So verpassen wir immer wieder Chancen. Konkret? Ich gebe Ihnen zwei kleine Beispiele. Vor knapp zwei Monaten richtete der Kanton im Rathaus zu Bern die offizielle Feier für die beiden neuen Bundesräte aus, eine Veranstaltung, nach der ich völlig enttäuscht nach Hause ging. In der Rathaushalle war die Crème de la Crème der schweizerischen Politik versammelt, doch man liess sie dreiviertel Stunden einfach warten, da waren keine Musik, kaum Blumen, kaum Schmuck. Was dachten Sie, als Sie die Feier verlassen hatten? Der Stand Bern schafft es nicht, sich und seine Freude, seine Emotionen, seine Qualitäten darzustellen. Unglaublich. Das Gleiche gilt für die Bundesparlamentarier, die ein Drittel ihrer Zeit in Bern verbringen. Bern unternimmt kaum etwas, um sich ihnen näherzubringen. Was schliessen Sie daraus? Die Vorteile, die wir als Meinungsmacherzentrum haben, lassen wir völlig ungenutzt. Wenn die Hauptstadtregion daran etwas ändert, bringt sie Bern schon viel. Interview: Jürg Steiner >

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