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«Berge sind weitgehend eine Erfindung von Städtern»

Alpines MuseumBerge versetzen will Beat Hächler – und zwar in den Köpfen der Menschen. Mit diesem ambitionierten Anspruch will der neue

Herr Hächler, was genau haben mächtige Berge im geheizten Museum verloren? Beat Hächler: Sehr viel, finde ich. Wenn man nicht erwartet, dass wir hier Berge nachbauen, Berghüttenromantik inszenieren oder einen Aussichtsturm aufs Dach stellen mit einem Traumblick auf die Berner Hochalpen. Solche Illusionsästhetik ist mir eher ein Gräuel. Aber Sie könnten im wunderbaren hohen Raum, wo das berühmte Hodler-Bild der Matterhorn-Erstbesteigung hängt, eine künstliche Kletterwand installieren, damit die Besucher die Grenzen ihrer Schwindelfreiheit erfahren. Es ist interessant, dass ich diesen Vorschlag oft höre, wenn ich vom Neustart des Alpinen Museums erzähle. Doch das ist nicht, was ich vorhabe. Es gibt Dutzende Kletterhallen in den Schweizer Städten, und es wäre falsch, das im Alpinen Museum auch noch zu machen. Hier soll nicht die Indoorvariante eines Bergausflugs stattfinden. Sondern? Wenn schon, würde uns interessieren, was die Leute genau suchen, wenn sie nach Feierabend an Kletterwänden in die Höhe steigen. Was das Alpine Museum in Zukunft aufs Tapet bringen will, sind die Wechselwirkungen zwischen Menschen und Alpen. Was machen die Menschen aus den Bergen und was machen die Berge aus ihnen. Ich halte das für eine ungemein spannende und ergiebige Thematik, in der zahlreiche Konfliktfelder, die uns in der Schweiz heute beschäftigen, sehr scharf zum Ausdruck kommen. Sind Sie sicher? Ist es nicht eher so, dass man sich in der Schweiz gerne mit Bergen beschäftigt, weil man sich so von den drängenderen Problemen in den wirtschaftlich wichtigeren urbanen Räumen fernhalten kann? Finde ich absolut nicht. Das Thema Berge hat überhaupt nichts Einschränkendes – und ich verstehe die Beschäftigung mit den Alpen auch nicht als Ablenkung von vermeintlich wichtigeren Fragen. Klimawandel, Raumentwicklung, Freizeitverhalten, Landwirtschaft – das sind alles Problemzonen, die im Berggebiet als Interessenkonflikte sehr greifbar sind und mitunter existenziell werden. Wir arbeiten im Alpinen Museum mit einem Stoff, der auch die urbane Schweiz herausfordert. Aber wenn Sie die Konflikte des Berggebiets aufwerfen wollen, müsste das Museum doch auch im Alpenraum stehen – in Grindelwald, Davos oder Zermatt. Steht das Alpine Museum am Berner Helvetiaplatz nicht am falschen Ort? Nein. Bern ist ein optimaler Standort – und das sage ich nicht, weil wir das Haus ja nicht einfach zügeln könnten. Es gibt inhaltliche Gründe, die Bern für das Alpine Museum prädestinieren. Welche denn? Wir beschäftigen uns mit dem Verhältnis der Menschen zu den Bergen, und das kann man von hier aus besser, als wenn man mitten in den Bergen sitzt. In Bern verfügen wir über eine gewisse Distanz zu unserem Untersuchungsobjekt, was uns unabhängiger macht und die analytische Klarheit fördert. Und abgesehen davon: Die Berge sind weitgehend eine urbane Erfindung. Echt? Ja. Der Schweizerische Alpen-Club wurde vor 150 Jahren im Bahnhofbuffet Olten von vorwiegend freisinnigen Städtern erfunden. Albrecht von Haller sass auch nicht in Grindelwald, als er im 18.Jahrhundert sein berühmtes Alpengedicht schrieb. Und das heutige Freizeitverhalten ist ohnehin ein urbanes Phänomen: Wir Städter sind es, die am Wochenende in die Berge strömen, um in städtisch anmutenden Massenansammlungen Ski zu fahren. Viele Akteure, die prägend auf die Berge Einfluss nehmen, wirken aus dem städtischen Mittelland – besonders aus der Hauptstadt Bern, wo Politik gemacht wird und Interessen aufeinanderprallen. Wenn wir ans Alpine Museum denken, kommen uns aber als Erstes die mächtigen, statischen Bergreliefs in den Sinn – und nicht kontroverse Debatten um die städtische Besitznahme der Alpen. Das Alpine Museum wird mit seiner Wiedereröffnung am 8.März seinen Grundton ändern. Es soll sich mehr an der Gegenwart orientieren, es soll frecher werden, beweglicher, mutiger, auch kulturbezogener, es soll Unruhe stiften und die Besucher involvieren. Wir wollen eine Bühne sein, eine Plattform, die eine Auseinandersetzung mit den Bergen in neuem Licht versucht, die es bis jetzt in der Schweiz nicht gibt. Die Reliefs stellen Sie in die Besenkammer? Nein. Das monumentale Modell des Berner Oberlands werden wir in der ersten Ausstellung in einem neuen Raum, den wir Biwak nennen, als Soundskulptur neu beleuchten. Die Besucher lenken einen Lichtspot, der das Relief scannt und die Landschaftsformen in Klänge umsetzt. Wir werden in der ersten Ausstellung auch über 1000 Objekte aus unserer Sammlung auf dem Fussboden auslegen – etwa Steigeisen, Barryvoxgeräte, Alpenluft aus der Spraydose oder ein Stück Folie, mit dem am Andermatter Gemsstock der Gletscher vor dem Abschmelzen geschützt wird. Diese ungewohnte Auslegeordnung soll inspirieren, bekannte Dinge aus anderer Perspektive zu betrachten – und damit den eigenen Blick auf die Alpen zu schärfen. Schön. Aber wo sind die Emotion, der Disput, die Konfrontation – Dinge, die man bei Bergthemen gerne umschifft, aber das Alpine Museum lancieren müsste? Keine Angst, das kommt alles. Zum Beispiel im kommenden Herbst, wenn wir die grossformatigen Winterbilder des österreichischen Fotografen Lois Hechenblaikner zeigen. Er dokumentiert schonungslos die Spektakularisierung der Tiroler Tourismusindustrie – die Speicherseen für die Kunstschneeproduktion, die gigantischen Après-Ski-Bars, die vergrabenen Treibstofftanks für die Pistenfahrzeuge. Das ist eine harte Konfrontation mit unserem Freizeitverhalten. Wir sind aber nicht Tiroler. Den Bezug zur Bergrealität vor unserer Haustür stellen wir mit Begleitveranstaltungen im Museum her. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, einheimische Touristiker ins Museum zu einer Debatte einzuladen, die inmitten dieser Hechenblaikner-Bilder stattfindet. Als Sitzgelegenheiten schweben mir die orangen Schutzmatten vor, die man um Sesselliftmasten wickelt. So, glaube ich, kann das Alpine Museum als originelles Forum der öffentlichen Debatte neue Impulse liefern. Wenn das Publikum Ihren konfrontativen Stil wirklich will. Das ist die Herausforderung, klar. Der Neustart ist ja nicht Selbstzweck, sondern muss dem bisher zu schwach besuchten Alpinen Museum neues Publikum bringen. Zuletzt besuchten das Museum 15000 Personen pro Jahr (ohne Museumsnacht). Wir wollen diese Zahl verdoppeln. Allerdings braucht es Zeit, bis sich der neue Stil etabliert haben wird. Ich habe mir eine Frist von vier Jahren gesetzt, für die ich eine thematische Grobplanung aufgestellt habe. Dann werden wir sehen, ob unsere Ideen Resonanz finden. Ein Tabubruch ist ein geeignetes Mittel, ein Thema zu lancieren. Werden Sie im Museum die auch im Kanton Bern heikle Frage stellen, ob die städtischen Agglomerationen weiterhin Skigebiete in schneearmen Gebieten ohne reale Zukunftsperspektive subventionieren sollen? Die Finanzflüsse aus dem urbanen Mittelland ins Berggebiet sind zweifellos ein wichtiges Thema, und die Frage, ob man einzelne, sich entleerende Täler aufgeben soll, beschäftigt mich selbstverständlich. Mein Anspruch ist es aber nicht, hier eine Meinung bekannt zu geben. Aber man kann es vielleicht so sagen: Keine auch noch so delikate Frage kann sicher davor sein, vom Alpinen Museum künftig aufgegriffen zu werden. Unser Job ist es, Formen zu finden, die uns in diesen Themen weiterbringen. Das Museum verfügt über eine grosse Sammlung alpiner Gegenstände. Schränkt das die Themen ein, die Sie als Ausstellungsmacher aufgreifen können? Nein. Wir werden Ausstellungen – zum Beispiel über Bergfilme – machen, wozu wir nichts in der eigenen Sammlung haben. Eine wichtige Frage ist allerdings, was wir künftig sammeln. Ein gebrauchtes Seil des Spitzenbergsteigers Ueli Steck landet heute schnell einmal bei uns. Das ist toll, aber wir brauchen ein klares Konzept, sonst verlieren wir den Anspruch aus den Augen, als Museum ein Archiv der Dinge zu sein, die den Alpenraum prägen. Den Alpenraum prägen unter anderem Grossveranstaltungen wie das Lauberhornrennen, das letztes Wochenende 35000 Personen nach Wengen zog. Das müsste Sie interessieren, oder? Tut es auch, obschon ich kein Skisportfan bin. Es wäre zweifellos hochinteressant, bei einem solchen Anlass mal in die Tiefe zu gehen. Was richten die Lauberhornrennen mit Wengen an – da würde man schnell auf heftige Widersprüche stossen, die unser modernes Leben prägen: Beschleunigung, Leistungsorientierung, Wachstumsglaube beispielsweise. Mir persönlich gefällt aber auch der spielerische Zugang, den der Thuner Künstler Daniel Zimmermann realisiert hat. Er legte im Sommer mit Dachlatten eine Skispur über die Lauberhornstrecke, die er dann filmisch im Renntempo und mit dem Originalkommentar von Matthias Hüppi abfährt. Zieht es Sie eigentlich auch persönlich in die Berge? Ja, auf ziemlich klassische Art, wie viele urbane Kopfarbeiter, auf der Suche nach Kompensation. Nach einer anstrengenden Woche im Büro einen Tag lang laufen, am liebsten ohne Handyempfang, mit dem die Outlookagenda aktualisiert werden könnte. Den Rhythmus wechseln, durchatmen, schwitzen. Was ich in den Bergen suche, hat viel damit zu tun, wo ich herkomme. Steigen Sie auf Gipfel? Selten. Mich faszinieren eher Weitwanderungen, ein paar Tage zu Fuss unterwegs sein. Im Winter gehe ich gerne auf Skitouren, wobei ich darauf angewiesen bin, dass jemand mit mehr Erfahrung mitkommt. Die eigene Spur ziehen, die Ruhe, die Einsamkeit – das zieht mich an. Und der Kontrast ist dann umso heftiger, wenn ich mal einen Tag auf der Piste fahre. Es kommt mir vor wie in Rimini am Strand. Die Masse, das Fliessbandhafte, das Ambiente in den Beizen mit Pommes-frites-Geruch und riesigen Senfspendern. Eigentlich ziemlich abstossend. Auf den ersten Blick schon. Es ist natürlich schöner, wenn man auf einer Skitour ein Tal für sich hat. Das ist aber auch elitär, weil nicht alle diesen Zugang haben können. Der Ausbau der Skigebiete zu Massenveranstaltungen macht das Bergerlebnis zu etwas Niederschwelligem, allen Zugänglichen, was ja auch positiv ist. Die Frage ist höchstens, wo die Grenzen liegen. Die sind längstens überschritten. Aber das Wachstum hört nicht auf. Ja. Man ist schnell in spannende und oft auch persönliche Fragen verwickelt, wenn man sich den Bergen aussetzt. Wenn das künftig auch im Alpinen Museum passiert, sind wir auf der richtigen Spur. Interview: Jürg SteinerStefan von Bergenzeitpunkt@bernerzeitung.ch>

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