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Augen- zeugen

Franz Scherer

Augenzeugen gelten als verlässlich. Wer sagen kann: «Das habe ich mit eigenen Augen gesehen» gilt als glaubwürdig. Wo immer etwas geschieht, sind schnell viele Leute zur Stelle, die gross als Zeugen auftreten und die das selbst Erlebte öffentlich präsentieren. Der Wunsch, genau zu erfahren, was sich ereignet hat, ist verständlich. Oft steht aber eine nicht sofort erkennbare Absicht dahinter. So geschehen beim neusten Erdbeben auf Haiti. Gewiss, die Not, die diese Katastrophe ausgelöst hat, ist kaum mit Wort und Bild richtig zu erfassen. Wie kann das Elend vor allem der verletzten oder plötzlich ohne Angehörige dastehenden Kinder wirklich umschrieben werden? Doch kaum ist diese Tragik entstanden, sind bereits zwielichtige Gestalten am Werk, die profimässig Kinder einsammeln und diese gegen teures Geld verkaufen. Die Empfänger der Kinder zahlen in guter Absicht und mit dem echten Wunsch, den Kindern zu helfen. Doch es profitieren am Ende vor allem die Organisationen, die die Not für ihren finanziellen Vorteil ausnützen. Worte und Bilder von Augenzeugen vor Ort leisten dazu unbeabsichtigt Schützenhilfe. In ganz anderer Absicht beginnt Lukas sein Evangelium mit der Bemerkung, dass er wie so viele Augenzeugen das aufschreiben möchte, was er von der Sendung und Wirkung Jesu erfahren hat (Lk 1,1-4). Ihm geht es nicht um die Sensation, nicht um eine versteckte Absicht. Er stellt an den Anfang seines Evangeliums die Erklärung, er wolle dem vielfältigen Bild, das schon andere von Leben und Werk Jesu gezeichnet haben, ein weiteres hinzufügen. Dies nicht als Korrektur, sondern ganz einfach als weiterer Augenzeuge und Diener des Wortes. Sein Evangelium ist so im besten Sinne des Wortes das Bild eines Augenzeugen. Er ermutigt dazu, unter den vielen Glaubensweisen sich nicht auf eine zu beschränken und die Gegensätze in der Heiligen Schrift nicht vorschnell harmonisieren zu wollen. Er lädt ein, alles zu bedenken und im Austausch mit andern zum Kern der Botschaft vorzustossen. Daran soll sich das Leben des einzelnen messen: an Jesu Leben, Botschaft und Werk. Franz Scherer ist Pfarrer der röm.-kath. Pfarrei St. Martin in Thun und wohnt auch in Thun. E-Mail: scherer@kath-thun.ch >

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