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Atomkraftwerke nein – aber mehr Wind-, Wasser- und Gaskraft

Ausstiegsdebatte Die Chefs der grossen Stromkonzerne Axpo und BKW nehmen Abstand von Ersatz-AKW, weil diese derzeit keine Mehrheit im Volk fänden. In der Politik hat die Diskussion über Alternativen begonnen.

Für den Chef des Stromkonzerns Axpo, Heinz Karrer, sind neue AKW zurzeit undenkbar. «Ich glaube, dass der Schock so gross ist, dass niemand in nächster Zeit daran denkt, die Planung für Ersatzkernkraftwerke wiederaufzunehmen», sagte er in einem Interview mit dem «SonntagsBlick». Als Folge der Atomkatastrophe in Japan liegen die Gesuche für neue AKW seit Anfang Woche auf Eis. Die für 2013 vorgesehene Abstimmung über AKW werde es «garantiert» nicht geben, sagte Karrer. Es fehle die Mehrheit im Volk, aber es müssten zuerst auch die Lehren aus der Katastrophe gezogen werden. Zumindest diskutieren über einen Strategiewechsel im Umgang mit der Atomkraft will auch der Präsident der BKW, Urs Gasche (siehe Interview). Parteien schwenken um Bei den politischen Parteien hat sich der Atomausstieg im Wahljahr und nach den Eindrücken aus Japan auch mehrheitlich durchgesetzt: Grüne und SP setzten schon länger auf den Atomausstieg. Überraschend hat auch die bislang atomfreundliche FDP am Mittwoch angekündigt, sie prüfe Szenarien ohne Atomstrom, weil neue AKW nicht mehrheitsfähig seien. Die CVP sieht ebenfalls keine Mehrheit mehr für neue AKW, wie CVP-Präsident Christophe Darbellay in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» feststellt. Die Risiken seien grösser als angenommen. «Deshalb müssen wir in der Energiepolitik neue Wege suchen.» Auf diese Linie schwenkte auch die BDP ein: Für ihn sei «der Zeitpunkt gekommen, das Projekt Ausstieg anzugehen – ohne Wenn und Aber», sagte BDP-Präsident Hans Grunder im Interview mit der Zeitung «Sonntag». Der Ausstieg dürfe aber keine «Hauruckübung» werden, sondern müsse geordnet ablaufen. Als einzige der grossen Parteien hat sich die SVP bisher nicht bewegt, sondern nur vor «Schnellschüssen» gewarnt. Unbestritten ist auf allen Seiten, dass bei einem Ausstieg eine Stromlücke mit Alternativen verhindern werden muss - Alternativen, die auch Zielkonflikte hervorrufen. Strommanager und bürgerliche Politiker verbinden die Diskussion um den Atomausstieg fast unisono mit der Forderung nach Konzessionen von Seiten der Linken und Grünen, etwa beim Bau von Wind- und Wasserkraftwerken. Windkraft statt Atom Umweltschützer müssten «ihren Widerstand gegen Windkraftwerke und höhere Staumauern aufgeben», sagte CVP-Präsident Darbellay. Ins gleiche Horn stiessen auch BKW-Präsident Gasche und BDP-Präsident Grunder. «An einem Spitzentag im Winter hängen wir heute zu 70 bis 80 Prozent von der Kernenergie ab», gibt Axpo-Chef Karrer zu bedenken. Nebst Wind- und Wasserkraftwerken oder Stromimporten aus dem Ausland kämen zur Kompensation der Atomkraft auch Gas-Kombikraftwerke infrage. «Hier müsste aber das CO2-Gesetz geändert werden», stellte Heinz Karrer fest. Das hiesse, dass der Klimaschutz eine tiefere Priorität erhalten würde als heute. Karrer räumte zudem ein, dass nach den Ereignissen in Japan die Verunsicherung in der Bevölkerung gross sei. Er selbst werde in der kommenden Woche an den AKW-Standorten Leibstadt und Döttingen an Veranstaltungen teilnehmen. «Wir wollen die Bevölkerung darüber informieren, was wir wissen, und Fragen beantworten.» Aus Wind, Solar oder Biogas würden heute rund 6 Prozent des Energiekonsums gedeckt, sagte Energieministerin Doris Leuthard am Samstag an der Delegiertenversammlung der CVP-Frauen in Zürich. Diesen Anteil zu verfünffachen, sei zwar nicht unmöglich, doch der Umstieg werde «eine gewaltige Anstrengung». Die Sicht der SBB Aus einer ganz anderen Optik äusserte sich SBB-Chef Andreas Meyer zu einem möglichen Atomausstieg. «Ein sofortiger Ausstieg wäre für das heutige Angebot der SBB mit erheblichen betrieblichen Einschnitten verbunden», erklärte er der «SonntagsZeitung». «Wir brauchen am Morgen und am Abend am meisten Strom. Deshalb müssten wir in den Hauptverkehrszeiten auf Züge verzichten.» Hinzu komme die wirtschaftliche Komponente: Atomstrom sei relativ günstig. Um ihn zu ersetzen, müssten die SBB auf dem freien Markt einkaufen. Dort seien die Preise nach den Ereignissen in Japan bereits um 10 Prozent gestiegen. sda>

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