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Alles hat seine Zeit

hans-peter Grossniklaus

Wenn es eine Zeit gibt, als Kolumnist anzufangen, dann gibt es auch eine, damit aufzuhören – und ich benutze diesen letzten Schreibversuch, um mich von meinen Leserinnen und Lesern zu verabschieden. Wenn es eine Zeit gibt zu schreiben, dann wohl auch eine, zu lesen. Diese muss und wird bei mir in Zukunft zunehmen und das ist keine schlechte Aussicht. Ein kurzer Rückblick sei mir gestattet: Von meinem Beruf her habe ich mich nicht selten zu Schulproblemen geäussert. Keines davon hat eigentlich eine Lösung gefunden. Verschulung, Bürokratie und Reformismus sind schwer zu überwinden. Rückmeldungen, wann immer, erhielt ich oft von Leserinnen und Lesern, die dasselbe oder Ähnliches auch gerne mal gesagt hätten, aber nicht den Mut und nicht die Worte fanden, es zu tun. Die meisten Echos waren wohlwollend, doch kriegte ich gelegentlich auch Unfreundliches. Der grösste Schwätzer sei ich, der ausser unverständlichem Zeug nichts herausbringe und ausserdem keine eigene Meinung hätte, fand ein etwas grober aber ehrlicher Zeitgenosse. Ein anderer meinte, wenn ich meinen Schülerinnen und Schülern solchen Stuss vorsetze, solle ich gescheiter mit Schreiben und mit Unterrichten aufhören. Einst hat eine Weihnachtskolumne (Ich weigere mich) ein Welle der Zustimmung ausgelöst, weil sie eine Auflehnung gegen die vielen Festtagsverpflichtungen vorschlug. Weit gebracht hats jene, wo ich verlangte, Kalifornien eine Rechnung in Billionenhöhe für die Nachkommen des General Sutter zu präsentieren. Das war damals, als uns Herr Matt Fong, der Finanzminister des amerikanischen Bundesstaates, mit dem Bann des Abbruches sämtlicher Handelsbeziehungen belegte, wegen der Holocaustgelder. Zwei Spiezerinnen übersetzten in der Folge den Artikel und sandten ihn an einen befreundeten Amerikaschweizer, der überdies mit dem Minister bekannt war. Mein Artikel erreichte so den Politiker wie die dortige Lokalpresse. Von beiden gab es Antworten, sogar von Frau Madleine Cunin, der amerikanischen Botschafterin in Bern. An mehrere Schreibversuche kann ich mich erinnern, die mir persönlich viel bedeutet, aber null Reaktionen ausgelöst haben. Auch damit muss ein Kolumnist leben können. Bewegend waren für mich die Reaktionen etlicher Beatenbergerinnen und Beatenberger, als ich das Dorf gegen den Rufmord der Steuerhölle mit ein paar Zahlenbeispielen und einem Bekenntnis zu vielen Qualitäten des Ortes in Schutz genommen habe. Bis man etwas Schreibenswertes findet, wälzt man mehrere Themen, beobachtet, frägt nach, verwirft gelegentlich und hält nach Neuem Ausschau. Dieser Prozess des Werdens war fast ein wenig wie das Austragen eines Kindes. Geschrieben hab ich die Artikel meist in sehr kurzer Zeit. Aber die Vorarbeit war wertvoll durch die geschärfte Wahrnehmung und das bewusste an etwas Herangehen. Das und den Kontakt mit Leserinnen und Lesern werde ich vermissen. Etwas Eitelkeit muss ich auch fahren lassen: «Hast wieder mal gut geschrieben.» «Ah, Sie sind doch der Herr, der immer in die Zeitung schreibt.» Aber da hilft mir meine derzeitige indische Klosterumgebung drüber hinweg. Das Abstandnehmen vom Ich und das Loslassen sind Programm und tägliche Schulung unserer Mönche. Ich hoffe, dass etwas davon auf mich abfärbt. Ich freue mich um so mehr auf das, was meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger schreiben. Der Titel dieser Kolumne schliesst sie und mich und euch alle ein. Seid mir herzlich gegrüsst – und eben, alles hat seine Zeit. E-Mail: hpgrossniklaus@bluewin.ch redaktion-bo@bom.ch>

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