Wattsons Jagd nach den Stromfressern;Wattsons Jagd nach den Stromfresern

SelbstversuchStromsparen ohne Verzicht auf Komfort – geht das? Nach Fukushima wird die Frage dringender. Ein Selbstversuch liefert die Antwort: Ja, es geht. Mit Aufmerksamkeit, Aufklärung und einem kleinen Gehilfen namens Wattson reduziert eine Wohngemeinschaft ihren Verbrauch um dreissig Prozent.

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Wattson erreicht sein Ziel im Berner Länggassquartier mit einer halben Stunde Verspätung. Hier, im dritten Stock des weissen Altbaus, soll er die Welt ein kleines Stückchen besser machen.

Seine Erscheinung – klein und weiss, mit leuchtend roten Ziffern auf dem Display – erinnert stark an einen Radiowecker. Doch Wattson weckt keine Schlafenden, Wattson weckt das Bewusstsein für den alltäglichen Stromverbrauch. Einmal installiert, dokumentiert der elektronische Gehilfe den Verbrauch im Haushalt auf das Watt genau. Während zweier Wochen soll er unserer WG dabei helfen, Strom und Geld zu sparen.

«Sparen? Ich doch nicht»

In einer Gesellschaft, in der Wohlstand eng mit Energieverbrauch verbunden ist, gilt das Sparen von Strom als wenig populär. Allein zwischen 1990 und 2010 ist der Energieverbrauch hierzulande von 47 auf beinahe 60 Milliarden Kilowattstunden gestiegen. Zwanzig Prozent Zunahme innert zwanzig Jahren – die Entwicklung wurde zur Kenntnis genommen, doch die Konsequenzen blieben weitgehend aus.

Das war vor Fukushima. Seit der atomaren Katastrophe aber ist die Energiewelt eine andere. Stromsparen ist auf dem Vormarsch, denn die günstigste und sicherste Energie ist immer noch diejenige, die man nicht braucht. Doch was nützt es, wenn ich als Einzelner meinen bescheidenen Beitrag leiste? Viel, sagt die Statistik: Mit rund dreissig Prozent des gesamten Strombedarfs spielt der Verbrauch in den Schweizer Haushalten eine entscheidende Rolle.

Wiederum dreissig Prozent sind es, die ein gewöhnlicher Haushalt ohne Komforteinbusse sparen könnte, sagen Energieberater. Dreissig Prozent des landesweiten Haushaltsverbrauchs, das sind rund 6 Milliarden Kilowattstunden. Zum Vergleich: Das AKW Mühleberg produziert lediglich 3 Milliarden im Jahr. Kernkraftwerke ersetzen durch Stromsparen? Wir finden heraus, was dahintersteckt.

Hurra, Wattson ist da!

Es ist Freitagnachmittag in der Länggasse. Tag eins der Energie-transparenz. Mit wenigen gelernten Handgriffen schliesst der Elektriker Wattson am Sicherungskasten an. Ab nun wird jedes Watt Strom, das in unserer 5-Zimmer-Wohnung verbraucht wird, registriert. Denn anders als sein berühmter Namensgeber Dr. Watson aus den Sherlock-Holmes-Krimis spürt unser Gehilfe keine Verbrecher auf, sondern enttarnt heimtückische Stromfresser.

Kaum angeschlossen, erwacht Wattson auch schon zum Leben. «364 Watt» leuchtet auf dem Display – den fragenden Blick quittiert der Elektriker mit einem Lächeln: «Für diese Uhrzeit ist das recht viel», sagt er und lanciert sogleich den Selbstversuch: «Wie genau Sie den Strom verbrauchen, müssen Sie selbst herausfinden.» Noch während sich der Elektriker verabschiedet, betritt Mitbewohnerin Nummer 1 die Bühne.

Typus 1: Die Ausknipserin

«364 Watt?», stellt sie erstaunt fest. «Wieso denn? Da läuft doch nichts.» Ein kurzer Blick ins Wohnzimmer, und der erste Übeltäter ist entdeckt: Die Stereoanlage wartet gewöhnlich im Stand-by-Modus auf ihren nächsten Einsatz. Zack, aus, die Anlage ist vom Netzt. Doch der Blick auf Wattsons Display ist ernüchternd: 361 Watt, meldet er, die Jagd geht weiter. Im Eiltempo beginnt nun die Suche nach den elektrischen Übeltätern.

«Das Licht im Gang!», ruft die Mitbewohnerin. Zack, aus. Wattson goutiert die Aktion mit einem Sprung auf 81 Watt. «Das Notebook war noch eingesteckt!», hallt es durch die Wohnung. Zack, Wattson verharrt nun auf 51 Watt. So geht das Spiel noch einige Minuten weiter – Herdplatte an: plus 2000 Watt, Wireless-Modem aus: minus 4 Watt. Bald ist nicht nur der Verbrauch jedes einzelnen Gerätes bekannt (siehe Kasten), sondern auch der erste Typus des Stromsparers: Die Ausknipserin geht durchs Haus und knipst aus, was es auszuknipsen gibt. Brennende Lichter in leeren Räumen sind ihr ein Gräuel, in Wattson findet sie einen treuen Freund. Die Wohngemeinschaft als Mikrokosmos der Stromsparwelt.

Fukushima als Motivation

«Die meisten Leute haben keine Ahnung, wie ihre Stromrechnung zustande kommt.» Die markigen Worte kommen von einem, der es wissen muss: Andreas Jost beschäftigt sich in seiner Funktion als Geschäftsleiter der Gfeller Elektro AG in Hinterkappelen intensiv mit dem Stromverbrauch der Kunden. Im Rahmen eines Lehrlingsprojekts fördert seine Firma verschiedene Projekte in den Bereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Eines davon ist die Sensibilisierung der Verbraucher – schlagkräftigstes Mittel dabei: der kleine Wattson.

«Allein durch seine Anwesenheit brauchen die Leute deutlich weniger Strom», fasst Jost die ersten Ergebnisse zusammen. Zwanzig Stück seien bereits im Einsatz, weitere bestellt. «Die Nachfrage ist gross», freut sich der Geschäftsleiter. «Seit Fukushima stellen wir ein stark erhöhtes Interesse am Stromsparen fest.» Fürs Erste habe man das Sensibilisierungs-Projekt auf die Gemeinde Wohlen bei Bern beschränkt, eine Kooperation mit dem Kantonal-Bernischen Verband der Elektroinstallationsfirmen sei aber durchaus denkbar. «Im Moment nehmen wir in der Schweiz eine Pionierrolle ein. Wattsons Erfolg wird aber erst dann etwas bewirken, wenn seine Bekanntheit steigt.»

Das Ziel: Reduktion um 30%

Zurück in die Stromspar-WG. Die erste Woche mit Wattson ist vorbei – es ist Zeit für ein Zwischenfazit. Während sieben Tagen hat der kleine Gehilfe still und heimlich den Stromverbrauch in der 5-Zimmer-Wohnung aufs Genauste dokumentiert. Wattsons Zähler zeigt 38 Kilowattstunden an; hinzu kommen fünf Waschgänge der Waschmaschine (je 0,7 kWh), sowie vier Durchgänge des Wäschetrockners (2 kWh), welche allesamt vom Gerät nicht erfasst werden konnten. Ohne Heizung und Warmwasser haben die vier Bewohnerinnen und Bewohner also innert einer Woche 49,5 Kilowattstunden Energie verbraucht. Mit dem Standard-Stromtarif des Stadtberner Stromversorgers EWB ergibt das Fr. 257.50 im Jahr.

Das Ziel für Woche zwei lautet demnach: Senken des Stromverbrauchs um rund dreissig Prozent auf 35 Kilowattstunden oder 180 Franken – immer ohne dabei an Komfort einzubüssen. Die Mittel dazu: Aufmerksamkeit, Aufklärung und Wattsons Unterstützung. Unter den skeptischen Blicken der Mitbewohner wird dem weissen Gehilfen ein Ehrenplatz zugewiesen: für den zweiten Teil des Versuchs nimmt Wattson auf dem Esstisch in der Küche Platz. Von seinem Altar aus soll er uns Stromspar-Gläubige ans Licht des Erfolgs führen.

Typus 2: Die Optimiererin

Es ist der erste Tag der zweiten Versuchswoche, etwas ratlos steht die Ausknipserin vor dem Backofen. Während ihr Abendessen langsam warm wird, setzt Wattson alles daran, ihr den Appetit zu verderben: über 3000 Watt zeigt er an – mehr Strom als der Backofen verbraucht kein anderes Gerät im Haushalt. «Lampen und Stand-by-Geräte ausschalten ist das eine», klagt die Mitbewohnerin. «Aber wo können wir sonst sparen? Sollen wir etwa aufhören zu backen?»

Die Antwort auf ihre Frage erscheint zusammen mit Mitbewohnerin 2 in der Küche. Diese legt ein Ei in den Wasserkocher und wärmt das Wasser auf. Nach kurzer Zeit ist das Ei gekocht und der Typus 2 bestimmt: Die Optimiererin benutzt zwar dieselben Geräte wie immer, doch sie tut es auf eine nachhaltigere Weise. Macht sie Pasta, kocht sie das Wasser erst im Wasserkocher auf; ihre Wäsche wäscht sie erst, wenn die Waschmaschine auch wirklich gefüllt werden kann; den Wäschetrockner hält sie dank Wäscheleine und etwas Geduld für überflüssig; den Kühlschrank stellt sie auf acht Grad Celsius, denn sie weiss, dass jedes Grad tiefer den Stromverbrauch um etwa zehn Prozent erhöht.

Doch damit nicht genug: hätte die Optimiererin unbeschränkte Geldmittel zur Verfügung, würde sie sämtliche Stromfresser zum Teufel schicken und durch deren energieeffiziente Pendants ersetzen. Neuer Kühlschrank, neue Waschmaschine oder sogar eine Gebäudesanierung – die ausgabefreudige Version der Optimiererin spart durch Investitionen eine Menge Strom.

Wattsons Abschiedsgeschenk

So fest Andreas Jost die Begeisterung der Ausknipserin teilt, so ausgeprägt ist sein Sinn für die Realität. Die Sensibilisierung, das ist dem Energiefachmann klar, ist nur der erste Schritt auf dem langen Weg zum nachhaltigen Stromverbrauch. «Weiterführend bieten wir auch Optimierungen in den Haushalten an», erklärt er. Sei ein Kunde mit den Resultaten der Wattson-Analyse nicht zufrieden, würden man ihn bei der Steigerung der Energieeffizienz beraten.

Keine Option sind solch kostspielige Massnahmen aber für die Stromspar-WG – zu einfach würde man dadurch das angepeilte Ziel erreichen. So aber ist den Bewohnern auch noch am Ende der zweiten Versuchswoche völlig unklar, ob ihr Versuch ge- oder missglückt ist. Klarheit, wie könnte es anders sein, bringt erst die Konsultation des allwissenden Wattson. Dieses Mal zeigt der Zähler 30 Kilowattstunden für sieben Tage an. Zusammen mit den drei Durchgängen der Waschmaschine ergibt das einen Stromverbrauch von knapp 33 Kilowattstunden. Könnte Wattson grün blinken, er hätte es in diesem Moment getan: ein Drittel Stromersparnis ohne zusätzliche Investitionen oder Einbusse an Komfort! Die reine Sensibilisierung für den Verbrauch hat es möglich gemacht. Wattsons verlässt die WG als Sieger.

Typus 3: Der Kritiker

Am kleinsten ist die Freude über den Erfolg bei Mitbewohner Nummer 3. Mit Wattson hat er sich während der zwei Wochen nicht recht anfreunden können, er hat denn auch den kleinsten Anteil an der Reduktion des Verbrauchs. Sein schlechtes Abschneiden liegt jedoch nicht an der Unfähigkeit zum Sparen, sondern vielmehr am fehlenden Willen. Denn Mitbewohner 3 steht stellvertretend für Typus 3 des Stromsparens: den «Kritiker». Zwar kritisiert auch er den zu hohen Verbrauch in der Schweiz, doch das Sparen im Kleinen ist nicht sein Ding. «Macht ihr so weiter, sparen wir im Jahr etwas über 80 Kilowattstunden», legt er eines Abends seinen Mitbewohnern dar. «Dann bucht ihr einen Flug in die USA, und all die Energieersparnisse lösen sich in Luft auf. Wir sollten uns nichts vormachen: Der Haushalt ist nur ein ganz kleiner Teil des Ganzen.»

Tatsächlich ist seine Kritik an Wattson zum Teil berechtigt. Ein Beispiel: Flugzeuge verbrauchen etwa 3 Liter Kerosin pro Passagier und 100 Kilometer. Eine Reise in die USA und zurück bedeutet, dass rund 500 Liter Kerosin verbrannt werden – das entspricht fast zehn Prozent des durchschnittlichen Energieverbrauch eines Schweizers. Das Beispiel zeigt: Wir verbrauchen alltäglich Energie, ohne gross darüber nachzudenken. Wattson gibt zwar einen genauen Einblick in die Welt des Verbrauchs, doch seine Perspektive ist auf den Haushalt begrenzt.

Das ist Schwäche und Stärke zugleich: «Wollen wir ein Bewusstsein schaffen für den alltäglichen Verbrauch, müssen wir im Kleinen beginnen», ist sich Energiefachmann Andreas Jost sicher. Der Weg zu einem nachhaltigen Umgang mit Energie sei aber noch weit – nicht zuletzt weil niemand das richtig heisse Eisen der Strompreise anpacken wolle: «Die Energie in der Schweiz ist schlicht zu günstig», sagt Jost und fügt ein Beispiel an: Um eine Kilowattstunde zu generieren, müsse man auf einem Hometrainer zwanzig Stunden ununterbrochen treten. «Das kostet uns 20 Rappen. Müssten wir mehr dafür bezahlen, würden wir uns auch stärker um Transparenz bemühen. So fängt das Sparen an.»

Drei Lehren fürs Leben

In unserer WG hat das Sparen bereits begonnen. Im kleinen Rahmen zwar, aber der Anfang ist gemacht. Während jede und jeder auf seine Art etwas zu einem nachhaltigeren Stromverbrauch beigetragen hat, kristallisierten sich drei essenzielle Erkenntnisse heraus. Erstens: Lampen und andere elektronische Geräte ausknipsen, wann immer sie nicht benötigt werden – die Einsparungen sind beachtlich. Zweitens: Mit kleinen Kniffen den Verbrauch optimieren sowie wo immer möglich Glühbirnen und andere Stromfresser durch effizientere Geräte ersetzen – längerfristig lohnt es sich. Und drittens: Energiesparen hört lange nicht an der Haustür auf – der eigene Haushalt ist ein Anfang, darf aber nicht das Ende des Sparens sein.

Halten wir den Verbrauch in unserer Wohnung weiterhin so tief, wird sich das Ende Jahr nicht nur auf das Gewissen auswirken. Nach heutigen Berechnungen sollte sich die Stromrechnung um rund 80 Franken reduzieren – ein Betrag, dessen Bestimmung bereits gefunden ist. Das Geld investieren wir in etwas kleines, weisses, mit leuchtend roten Ziffern auf dem Display Wattson kommt bald wieder.

Christian Zeierchristian.zeier@bernerzeitung.ch

Wer selbst Strom sparen möchte, bestellt Wattson bei der Gfeller Elektro AG in Hinterkappelen oder kauft ihn bei Changemaker an der Spitalgasse 38 in Bern. Kostenpunkt: 249 Franken.>

Erstellt: 07.05.2011, 00:32 Uhr

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