Swissness in modernem Kleid dank Berner Kummerbuben

Aus einer durchschnittlichen Premierenernte in Solothurn ragen zwei Werke heraus: der Dokumentarfilm «Buebe gö z’Tanz» des Berners Steve Walker und der Spielfilm «Courage» von Greg Zglinski.

Ungewöhnliche Kooperation: Bern-Ballett-Tänzer Erick Guillard mit den lärmenden Kummerbuben im Dokumentarfilm «Buebe gö z’Tanz».

Ungewöhnliche Kooperation: Bern-Ballett-Tänzer Erick Guillard mit den lärmenden Kummerbuben im Dokumentarfilm «Buebe gö z’Tanz». Bild: zvg

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Swissness hier, Swissness da – Swissness, wohin das Auge blickt. Die Sehnsucht nach dem Urtümlichen feiert auch an den ersten Solothurner Filmtagen unter Direktorin Seraina Rohrer fröhlich Urständ. Da wird gemolken und gekäst, gejodelt und alpgesegnet, bis die Ohren wackeln. Man schwelgt auf Teufel komm raus in aufgehübschter Vergangenheit, während die Protagonisten ihre eigene Genügsamkeit herausstülpen und gefundenen Frieden zelebrieren.

Als Zuschauer fühlt man sich dabei oft auf die Schulbank zurückversetzt und denkt: Wozu brauche ich von diesem oder jenem Brauchtum zu wissen? Doch das eigentliche Problem ist: In Swissness-Filmen wird in der Regel Mut durch Schlichtheit ersetzt, Neugier gegen Bescheidenheit eingetauscht und bildliche Schönheit mit künstlerischer Ästhetik verwechselt. Echte Kinoerlebnisse bemessen sich jedoch nicht an landestypischen Wiedererkennungseffekten, sondern daran, wie gut Universelles erzählt, wie raffiniert Unerhörtes erforscht wird.

Polkarocker und Ballerinas

Genau das hat der Berner Regisseur Steve Walker geleistet. In seinem ersten Langfilm «Buebe gö z’Tanz» dokumentiert Walker den Zusammenprall zweier scheinbar unvereinbarer Welten. Da sind die Berner Kummerbuben, die lyrisches Volksgut mit dreckigem Polkarock kombinieren. Und da ist die Tanzgruppe Bern Ballett, der ein Stück mit Livemusik vorschwebt. Das Ergebnis dieser Kooperation war im Juni 2010 im Rahmen von «Tanz – Made in Bern 3» am Stadttheater Bern zu sehen. Regisseur Walker liefert nun die filmische Entstehungsgeschichte dazu. Und die ist so stark, dass sie einer künstlerischen Offenbarung gleichkommt.

Es beginnt, als die Tänzerinnen Izumi Shuto und Martina Langmann in den Probekeller der Kummerbuben steigen, um bei Büchsenbier das Konzept ihrer ersten Choreografie darzulegen. Bald werden Songs komponiert, Tanzschritte geprobt, und Kummerbuben-Bassist Higi Bigler fungiert als Bote zwischen Ballett und Band. Doch dann geht schief, was schiefgehen kann: Unverständnis und Überlastung, Egotrips und Positionskämpfe stellen die Zusammenarbeit auf eine harte Probe. Ein Bandaustritt und ein Nervenzusammenbruch sind die Folge.

Umso erstaunlicher, dass Regisseur Martin Walker und Kameramann Markus Heiniger stets am richtigen Ort sind. Oft genügt ihnen ein kurzer Blick, um eine heikle Gefühlslage auf den Punkt zu bringen. Noch verwunderlicher erscheint, mit welcher Bestimmtheit sich dieses Kollektiv aus Film, Musik und Tanz ins Unbestimmte gestürzt hat. Auch das ist Swissness – mit dem Unterschied: In «Buebe gö z’Tanz» ruht sich niemand auf seinem bekannten Weltbild aus. Stattdessen schöpfen die Beteiligten aus ihrer Unruhe. Und je stärker die Spannungen werden, desto grösser sind die Glücksgefühle zum Schluss.

Mut zur Mutlosigkeit

Ein ähnliches Husarenstück ist auch Greg Zglinski mit seinem Spielfilm «Courage» geglückt. Sieben Jahre nach «Tout un hiver sans feu», der den Schweizer Filmpreis erhielt, erkundet der Regisseur erneut die emotionalen Extreme. Diesmal ists ein Kabelnetzbetreiber, der tatenlos zusieht, wie sein Bruder von Teenagern verprügelt und aus dem Zug geworfen wird. In der Folge zerbrechen der Feigling, seine Frau und sein ganzes Umfeld an dieser Schuld.

Als Zuschauer staunt man vor allem über Zglinskis Mut, diesen einen Moment der Mutlosigkeit zu einer Atmosphäre quälender Ungewissheit zu verdichten. Swissness spielt dabei keine Rolle. Zglinski, der in der Schweiz aufwuchs, hat den Film in seiner Heimat Polen gedreht.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 23.01.2012, 12:19 Uhr

Berner Filmpremieren

Mit «My Generation» und «Bottled Life» liefen in Solothurn zwei weitere Berner Filme mit starken Ansätzen.

Sechs Personen, ein Jahrgang: In «My Generation» porträtiert die 1948 geborene Berner Filmerin Veronika Minder («Katzenball») ihre Altersgenossen und schafft ein flirrendes Potpourri der 68er-Bewegung. Das Werk passt perfekt zu den Solothurner Filmtagen, die ebenfalls von 68ern gegründet wurden. Doch «My Generation» huldigt nicht nur der Hippieromantik und dem Aussteigertum. Eine der Porträtierten gibt sogar zu, dass sie sich im Sommer der Liebe nach «spiessbürgerlicher Versorgtheit» sehnte. Solche Vielseitigkeit macht den Film zu einem gültigen Zeitdokument.

Mehr der Gegenwart verpflichtet ist der Berner Dokumentarfilmer Urs Schnell. Er reiste mit Reporter Urs Gehriger um die Welt, um in «Bottled Life» dunkle Machenschaften des Schweizer Nahrungsmittelmultis Nestlé aufzudecken. Wir erfahren, wie der Konzern in den USA und Pakistan mit zweifelhaften Methoden Quellwasser abpumpt und es denen, die es sich leisten können, als Mineralwasser wieder verkauft. Der Jahresumsatz von Nestlé beträgt fast 10 Milliarden Franken. Dass der Konzern die Filmemacher abblockte, ist keine Überraschung. Doch Reporter Gehriger ist kein zweiter Michael Moore; er bleibt in diesem Film die schwächste Figur.

«My Generation»: Wiederholung: 24.Januar, 12 Uhr Kino Canva. Im Kino ab 29.März.

«Bottled Life»: Wiederholung 24.Januar, 14.30 Uhr Kino Canva. Im Kino ab 26.Januar.

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