Seine Leidenschaft sind Abstürze

Heute vor genau 60 Jahren stürzte über Schangnau ein Frachtflugzeug ab. Flugzeugfan Hanspeter Tschanz aus Schüpbach hat alles Erdenkliche darüber zusammengetragen – Untersuchungsberichte, Fotos und Originalteile.Hanspeter Tschanz träumte davon, Pilot zu werden. Er nahm in jungen Jahren Flugstunden, ehe er wegen des Gehörs aufhören musste. «Aber der Flugvirus, der ist geblieben», sagt er.

«Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.» Der 53-jährige Schüpbacher steigt hinunter in den Keller. Er öffnet ein Abteil, in dem nebst den üblichen Haushaltsutensilien verschiedene grau-grünliche Metallteile zum Vorschein kommen. «Das hier» – er nimmt ein längliches Stück aus einer Kiste – «stammt wohl von einer Pumpe. Und dieses da» – ein rundes Ding mit Drahtseilen – «wurde vermutlich benutzt, um die Ladung zu sichern.» Der grösste Schatz jedoch ist ein gummibereiftes Heckrad mit ansehnlichem Durchmesser.

Sechs Todesopfer

All die Teile gehörten zum britischen Frachtflugzeug, das am 16.April 1950 von Amsterdam nach Brindisi unterwegs war. Ein verschneiter, trüber Sonntagmorgen wars, als die Bewohner der Region Schangnau/Bumbach durch starken Motorenlärm aufgeschreckt wurden. Wer zum Himmel schaute, entdeckte für einen Augenblick ein ausserordentlich tief fliegendes Flugzeug, das aus einer Wolkenbank herauskam und in der nächsten wieder verschwand. Wenige Sekunden später hörten die Leute eine heftige Explosion und sahen durch den Nebel einen grellen Feuerschein.

Wegen eines Navigationsfehlers war das Flugzeug ins Hohgantmassiv geflogen und zerschellt. Alle sechs Insassen kamen ums Leben. Zeitungen, Rundfunk und die Filmwochenschau trugen das Ereignis in die Welt hinaus – und bald stiegen Neugierige aus nah und fern hinauf zur Unfallstelle, um aus den Trümmern ein Andenken zu bergen. Vor allem die 241 Philips-Radios, welche das Flugzeug transportierte, seien sehr beliebt gewesen, berichtet Hanspeter Tschanz. Auch er konnte diverse Originalteile von einem älteren Schangnauer ausleihen. Er sprach mit Zeugen – «sie erinnerten sich, als wäre der Unfall gestern gewesen» – besuchte den Mann, der damals den Pass des Piloten Lathom Smith fand, und verbrachte Stunden im Bundesarchiv, um all die Untersuchungsberichte zu studieren. Seine Frau machte Reprofotos von den Unfallbildern, und aus all dem stellte er einen über 50-seitigen, reich illustrierten Bericht über das Flugzeugunglück zusammen, den er Interessierten zum Selbstkostenpreis nach Hause schickt. Über alle acht Flugzeugunglücke, die sich bis dato im Emmental ereigneten, hat er solche Werke verfasst.

Seit Kindesalter

Die meisten dieser Flugzeuge hat er auch im Modell nachgebaut. «Schauen Sie», sagt Tschanz, öffnet das Vitrinentürchen im Hobbyzimmer und nimmt sorgfältig ein Modell heraus, «das ist eine Messerschmitt 109». Eine solche Maschine sei am 26.Juni 1942 am Schallenberg abgestürzt. Vor einiger Zeit machte er sich auf, untersuchte die Unfallstelle mit einem Metalldetektor – «und das hier habe ich etwa einen halben Meter unter der Erde gefunden». Er zeigt ein für den Laien undefinierbares Stück Eisen. Für den Kenner ist klar: Das ist ein Ausgleichsgewicht vom Flügel des Querruders.

Hanspeter Tschanz ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und von Beruf Briefträger. Die Fliegerei ist seit jeher seine Leidenschaft. Schon als Bub bastelte er Modelle aus Karton. Später baute er ferngesteuerte Modellflugzeuge. «Nachdem wir ins Mehrfamilienhaus zügelten, hatte ich für diese aber zu wenig Platz.» Also sattelte er auf kleinere Plastikmodelle um.

Wichtige Details

Da er die Flugzeuge genau kennt und sogar in Fachmagazinen darüber schreibt, kauft Tschanz aber nicht einfach einen Modellbausatz und leimt ihn zusammen. «Die Teile», sagt er, «weisen oft kleine Fehler auf.» So setzt er zum Beispiel vorne an eine Maschinenkanone ein Stückchen einer dünnen Injektionsnadel des Hausarztes an. «Der Gewehrlauf» – der wohlverstanden etwa drei Millimeter kurz ist – «sieht dadurch authentischer aus.» Über hundert Stunden arbeitet er an einem Modell.

Immer wieder zeigt Hanspeter Tschanz seine Flugzeuge an Ausstellungen. Dort trifft er auch alte Piloten. «Es ist faszinierend, wie viel sie zu erzählen wissen.» Fast so viel wie er, der Bodenpilot. Markus Zahno

•www.flieger-hanspeter.de.tl

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