Ri Yong-bom weiss von nichts

Bern

Das Reiseunternehmen Globetrotter und die Berner Ferienmesse machen Werbung für die «überraschende Reisedestination» Nordkorea. Dass dort Menschenrechte auf grausamste Weise verletzt werden, mag man nicht offen kommunizieren. Der nordkoreanische Vertreter streitet alles ab.

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Christian Zeier@ch_zeier

Eines vornweg: Ob und wie man nach Nordkorea reisen sollte, ob der Tourismus der Bevölkerung hilft oder nicht, das ist umstritten. Es gibt gute Argumente dafür und gute dagegen – doch darum geht es nicht in dieser Geschichte. Es geht um Verharmlosung, Täuschung, um gute Geschäfte.

BEA-Gelände in Bern, 15.Januar 2015. Am Stand 204, Halle 3 der diesjährigen Ferienmesse steht Ri Yong-bom und stellt eine ganz besondere Reisedestination vor. Der Abgeordnete der nordkoreanischen Tourismusbehörde möchte, dass mehr Schweizer in sein Heimatland reisen. «Bisher sind es nur hundert pro Jahr», sagt er. «Tausend wären gut, zehntausend noch besser.» Ri Yong-bom arbeitet auf der nordkoreanischen Botschaft in Berlin, es ist das erste Mal, dass sich das Land an einer Schweizer Messe präsentiert. Den Kontakt hat Globetrotter hergestellt: Das Berner Reiseunternehmen organisiert seit Jahren geführte Reisen ins ostasiatische Land – von ihm stammen auch die Angebote am Messestand.

Versklavung, Folter, Mord

UNO-Hauptquartier in Genf, 17.Februar 2014. Eine unabhängige Untersuchungskommission präsentiert den lange erwarteten Bericht zur Menschenrechtslage in Nordkorea. 300 befragte Personen, 372 Seiten: ein erschreckendes Zeitzeugnis.

«Das Ausmass und die Art dieser Menschenrechtsverletzungen zeigen einen Staat, der in der gegenwärtigen Welt ohne Parallele ist», schreibt die Kommission. Versklavung, Folter, Mord, systematische Vergewaltigung, planmässiger Einsatz von Mangelernährung – das sind nur einige der Verbrechen, die dem nordkoreanischen Regime angelastet werden. In vier grossen Lagern seien zwischen 80'000 und 120'000 politische Gefangene interniert. Häftlinge würden praktisch zu Tode gehungert, Leichen von Mithäftlingen vergraben. Die Taten des Regimes, so sagte ein Kommissionsmitglied, würden ihn an die Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg erinnern.

Ein gutes Geschäft

Bern, 20.Mai 2014. André Lüthi, Chef des Reiseunternehmens Globetrotter, äussert sich in der Berner Zeitung zu einer bevorstehenden Trekkingreise nach Nordkorea. Sein Unternehmen hat die Reise organisiert, in enger Zusammenarbeit mit dem nordkoreanischen Regime. Fünfzehn Personen nimmt Lüthi mit, knapp 6000 Franken ist ihnen die dreizehntägige Reise wert – ein gutes Geschäft für Staat und Unternehmen. Angesprochen auf moralische Bedenken, eine solche Tour zu organisieren, antwortet Lüthi: «Was genau in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen abläuft, kann ich nicht sagen.»

Drei Monate nach der Veröffentlichung des UNO-Berichts behauptet Lüthi, der schon mehrmals in Nordkorea war und selbst Kunden in das Land führt, dass er die Lage vor Ort nicht einschätzen könne. Das zeigt die verzwickte Lage, in der sich Nordkorea-Touranbieter befinden: Man möchte Reisende anlocken, man arbeitet mit dem Regime zusammen, also sollte man nicht zu offen über Nordkoreas Gräueltaten sprechen.

Amnesty: «Wir boykottieren nicht Nordkorea-Reisen per se»

Zurück auf dem BEA-Gelände, 15.Januar 2015. Hundert Meter vom Haupteingang entfernt stehen vier Mitarbeitende von Amnesty International und bieten Passanten Informationsblätter an. Als sie direkt vor dem Eingang standen, hat man sie weggejagt. Ihre Organisation kämpft seit Jahren gegen die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea – heute ist Aufklärung angesagt.

«Wir boykottieren nicht Nordkorea-Reisen per se», stellt Reto Rufer, Länderexperte der Schweizer Sektion, klar. «Touristen und Interessierte müssen aber wissen, dass die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea jegliches Vorstellungsvermögen übersteigen.» Amnesty fordert, dass die Reiseveranstalter in ihren Promotionsangeboten und Reisedokumentationen umfassend über die Lage informieren. Dass der Globetrotter-Chef nicht wisse, dass in Nordkorea Hunderttausende von Menschen unter schlimmsten Umständen inhaftiert sind, kann sich Rufer nicht vorstellen. «Verkaufsargumente scheinen ihm wichtiger zu sein als die Verantwortung, umfassend zu informieren.»

Neben dem Nordkorea-Stand in Halle 3 steht nun auch André Lüthi selbst und gibt Auskunft. Über die Lage im Land würden die Reiseteilnehmer informiert, sobald sie gebucht hätten, erklärt Lüthi. Zudem gehe man davon aus, dass die Reisen vor allem informierte Leute anziehen. «Ich erhoffe mir vom Tourismus einen kleinen Beitrag zur Öffnung des Landes. Man muss kritische Fragen stellen, aber man darf nicht das ganze Land verurteilen.» Was er über die Menschenrechtsverletzungen wisse, stamme aus den Medien. «Was wahr ist, weiss ich nicht.» Dann verweist er auf Ri Yong-bom, der könne diesbezüglich besser Auskunft geben.

«Herr Ri, erwarten Sie auch kritische Fragen der Berner Besucher?» – «Im Tourismus geht es um die friedliche Verständigung. Nur kritisieren ist nicht hilfreich.» – «Laut UNO werden Menschenrechte systematisch verletzt. Es soll riesige Gefangenenlager geben.» – «Ja, davon habe ich gehört. Das ist Unsinn. Jedes Land hat Gefängnisse, auch die Schweiz.»

Berner Zeitung

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