Hektor Leibundguts Spiel mit dem doppelten Sinn

KornhausforumDer Berner Fotograf Hektor Leibundgut will «die Dominanz des ersten Blickes brechen». Das Kornhausforum zeigt in einer Ausstellung eine Auswahl seiner Bilder aus vier verschiedenen Jahrzehnten. Genaues Hinschauen lohnt sich.

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«Ich bin gegen Wow», sagt Hektor Leibundgut. Das gilt auch für seine Bilder. Menschen, die das Kornhausforum aufsuchen, um sich die Fotoausstellung von Leibundgut anzuschauen, werden kaum Wow sagen, wenn sie einen ersten Augenschein nehmen. Was soll das bedeuten? Der Wow-Effekt sei für ihn geprägt durch den britischen Architekten David Chipperfield, so Leibundgut. Gebäude, Bilder, irgendetwas, das den Betrachter auf den ersten Blick begeistert, weil es vielleicht pompös oder wuchtig ist: Das sei der Wow-Effekt. Leibundgut funktioniert anders, er ist gegen jede Dramatisierung, gegen Bilder, die wie fette Schlagzeilen daherkommen. Der 67-Jährige will, so nennt er das, «die Dominanz des ersten Blickes brechen». Das Wesen seiner Fotografien komme erst bei genauerer Betrachtung zum Vorschein.

Der Berg und die Giraffe

Leibundgut fotografiert leidenschaftlich gerne, seit 50 Jahren, aber er ist kein Berufsfotograf. Mittlerweile ist er pensioniert, früher hat er als Dozent für Theologie, Philosophie und Ethik an der Hochschule für Soziale Arbeit in Bern gearbeitet. Ausserdem war er bis 2009 Redaktor der Zeitschrift «Reformatio».

In der Ausstellung «Hektor Leibundgut. Fotografien 1970– 2010» präsentiert der Berner, der als Vorbilder Henri Cartier-Bresson und Lee Friedlander nennt, 70 Aufnahmen in Schwarzweiss, thematisch und zeitlich wild durcheinandergewürfelt, nicht aber optisch. Neben dem Abbild einer Giraffe aus der Froschperspektive hängt ein Foto, das den Berg First in Grindelwald zeigt. «Diese Giraffe war für mich schon immer wie eine Landschaft», so Hektor Leibundgut. Plötzlich sei ihm aufgefallen, dass die Aufnahme vom First bezüglich Formen und Linien in eine amüsante Beziehung trete mit dem Giraffenkörper – wenn man die Bilder nebeneinander lege.

Das ist das Wesen seiner Fotografie: der doppelte Sinn. Leibundgut spricht von zwei Bedeutungsebenen. Die erste meint das tatsächlich Abgebildete, in diesem Fall also: ein Berg. Oder eine Giraffe. Die zweite Ebene, Leibundgut nennt sie die Metaebene, ist abstrakter. Hier geht es um Bedeutungen, die durch das Zusammenspiel von Elementen der ersten Ebene entstehen. Zentral sind dabei geometrische Formen oder auch Details, die den Bildern eine Prise Witz verleihen.

Der Ausstellung gelingt dieses Spiel mit dem «doppelten Sinn» gleich doppelt: Viele der Fotografien sind klassisch-ästhetisch und wirken unspektakulär, stecken aber voller kleiner Details, die scheinbar zufällig aufeinander Bezug nehmen. Gleichzeitig entstehen solche neue Bedeutungen auch durch die gezielte Anordnung der einzelnen Bilder – wie eben etwa bei der Berg-Giraffe-Kombination. Apropos Giraffe: Tiere sind generell ein beliebtes Bildsujet von Leibundgut, der in Worb auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und mittlerweile in Bern lebt. «Ich liebe Tiere. Und wer sie fotografiert, muss sich keine Gedanken um Datenschutz machen.»

Doch vor allem fotografiert er Menschen, Strassen, Alltäglichkeiten, und das besonders gerne in Italien. So hat Leibundgut gleichzeitig mit der Eröffnung der Ausstellung ein Fotobuch publiziert, das die Italianità zum Thema hat. Pierre HagmannAusstellung: bis 17.9., Kornhausforum Bern. >

Erstellt: 23.08.2011, 00:34 Uhr

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