Binggeli bringt Pferde zum Lachen

BleienbachValentin Binggeli gilt als das «geografische Gewissen des Oberaargaus». Mit seinen 80 Jahren verblüfft der langjährige Seminarlehrer jetzt abermals: Er hat ein Sachbuch über Land und Leute des Oberaargaus geschrieben. Und zwar in Mundart.

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Dialekte sind derzeit in aller Munde. Musiker wie Bligg rappen und Schriftsteller wie Pedro Lenz schreiben erfolgreich in Mundart. Und schon gar nicht mehr wegzudenken ist der Dialekt im Handyzeitalter für die Kurznachrichten.

Auf dieser Welle surft jetzt auch der Oberaargauer Valentin Binggeli, und zwar mit einem ungewohnten Werk: einem berndeutschen Sachbuch. Binggeli, 80 Jahre alt und früherer Direktor des ehemaligen Seminars in Langenthal, ist promovierter Geograf und Autor vieler Bücher über seine Heimat. Ein früherer Schüler sagt, er sei «das geografische Gewissen des Oberaargaus». Binggelis Werk heisst «Hügelland. Der Oberaargou i sir Sprooch – e bäärndütschi Geografii».

Worum het är sis Buech im Dialäkt gschribe?

Who is who im Oberaargau

Binggeli klappert in der Küche seines Hauses in Bleienbach mit einer Pfanne und bereitet Tee zu. «Achtung», sagt er, ohne sich umzudrehen, «diese Frage kann ich beantworten.» Das Buch sei eine Zusammenfassung seiner drei Bücher über den Oberaargau, die alle vergriffen seien. Dialekt habe er gewählt, weil er als Lehrer oft Geografie in Mundart unterrichtet habe. «Auch wenn es verboten war», fügt er lächelnd hinzu. Im Vorwort schreibt Binggeli, mit dem Dialekt wolle er der Geografie «eine möglichst authentische Gestalt» geben.

Das Buch ist ein Sammelsurium, aber auch ein Nachschlagewerk sowie ein Lese- und ein Fotobuch. Das Spektrum reicht von der Geologie über die Geografie bis hin zur Kulturwissenschaft. Nicht zuletzt ist das Werk ein Who is who der Besucher und Bewohner des Oberaargaus: Angefangen mit dem «öltischte Oberaargouer» bis hin zu Jeremias Gotthelf und Robert Walser.

Vom Nashorn bis zu Walser

Der älteste Bewohner war ein Nashorn, das vor «öppe» 20 Millionen Jahren in der Gegend gelebt hatte. Gefunden wurde der «Rhinoceride von Langenthal» in der «Lättgruebe am Wischbäärg». Auch der berühmte Dichter-Pfarrer Jeremias Gotthelf verbrachte einige Zeit im Oberaargau. Während fünf Jahren war er Vikar in Herzogenbuchsee. Weit kürzer war der Besuch von Schriftsteller Walser, der nach einer Wanderung im einzigen Hotel in Huttwil übernachtet hatte, im Hotel Mohren. Binggeli schreibt: «I der alte ‹Möhre› – wie me seit.»

Zwei Jahre hat Binggeli an seinem Werk gearbeitet. Recherchieren musste er nicht mehr. «Das Material hatte ich zusammen.» Die Schwerpunkte hat er nach Gutdünken gesetzt. «Das Buch ist aber nicht vollständig.» Auch heute noch schreibt Binggeli täglich. Im Moment entstehen Erzählungen. Auch diese spielen natürlich meist im Oberaargau.

In dieser Gegend hat sich auch Binggelis Leben abgespielt. «Heimat ist dort, wo die Liebe ist. Und wo die Lieben sind. Das ist für mich der Oberaargau», schreibt er in seinen Memoiren «Gespräche am Abend». Binggeli ist in Bern geboren und in Langenthal aufgewachsen. Er absolvierte das Seminar in Hofwil, arbeitete eine Zeitlang als Lehrer und studierte dann Geografie. Später wurde er Lehrer am Seminar Langenthal. 1984 zog er in das Haus nach Bleienbach.

Me chönnt meine, der Valentin Binggeli sig eine, wo d Wäut nie het gseh.

Mitnichten. Seine Dissertation verfasste er im Lukmanier-Gebiet. Das an den Pass angrenzende Tessin wurde seine zweite Heimat. Zudem unternahm er jedes zweite Jahr «eine grosse Reise», wie er heute sagt. Seine Stube ist die schweigende, aber farbige Zeugin dieser Reisen: Auf Tablaren und Gestellen stapeln sich Bücher, Souvenirs und Kleinodien aus aller Herren Länder.

Binggeli braucht Sauerstoff

Heute reist Valentin Binggeli nicht mehr. Es ist die chronische Lungenkrankheit COPD, die ihm zu schaffen macht. 16 Stunden am Tag muss er seine Lunge deshalb mit Sauerstoff versorgen. «Es geht mir gut», sagt er, «den Umständen entsprechend.»

Binggeli möchte nicht mehr über seine Vergangenheit erzählen. «Im Zentrum soll nicht meine Person stehen, sondern das neue Buch.»

Nun gut. Im Vorwort des «Hügelland»-Buches schreibt Binggeli: «E bäärndütschi Geografii? – Do muess jo nes Ross lache, het mer eine gseit. Und eini: Geit daas? Und ii druuf: I wetts eifach probiere.» Dominik BalmerDas Buch «Hügelland. Der Oberaargou i sir Sprooch – e bäärndütschi Geografii» ist im Kulturbuchverlag Herausgeber.ch erschienen. Das Buch ist im Fachhandel oder beim Verlag erhältlich (27 Franken).

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Erstellt: 17.11.2011, 00:33 Uhr

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