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Von grauen Panthern und Gebeten im Rat

Eine Gladiatorin und fünf Gladiatoren buhlten in der Wahlarena des «Thuner Tagblatts» um die Gunst des Publikums: Die sechs Kandidierenden fürs Stadtpräsidium trafen sich am Donners-tagabend zum Schlagabtausch – mit humoristischem und

Der eine zupft seine Krawatte zurecht, die andere fährt mit den Händen durchs Haar. Der Uhrzeiger rückt vor, bald ist es 19.30 Uhr. Das Stimmenwirrwarr der über 200 Personen in der Arena wird langsam leiser, der dumpfe Schlag aufs Mikrofon lässt die Gladiatorin und die fünf Gladiatoren hinter den Stehtischen vor der Bühne strammstehen und die beiden Toreros zu ihren Seiten die Waffen ziehen – sprich ihre Fragen stellen. «Humorvolle Antworten sind durchaus erlaubt, es muss jedoch nicht gleich ein Fasnachtsanlass werden», gab der eine Torero, Moderator und Redaktionsleiter Roland Drenkelforth, an der «Thuner Tagblatt»-Wahlarena am Donnerstagabend im Seepark den Tarif gleich zu Beginn durch. Wie Kommunisten es tun Der andere Torero, Chefredaktor René E.Gygax, versuchte sofort, den ersten Gladiator, Sicherheitsvorsteher Peter Siegenthaler, in die Enge zu treiben. «Das neue Programm der SP Schweiz ist in der Nähe von demjenigen einer kommunistischen Partei anzusiedeln», warf er dem SP-Mann vor. «Haben Sie diesen Medienrummel genau auf die Wahlen bestellt – damit Sie Herrn Levrat deswegen nach Thun holen können?» Siegenthaler, auf dem humoristischen Parkett pudelwohl und die Arme im hemdsärmligen Stil auf dem Tisch aufstützend, konterte: «Genau. Vor allem machen wir es vom Stil her wie die SVP: Mörgeli schreibts, Blocher korrigierts – und am Parteitag wird das Papier 800 zu 0 verabschiedet.» Die Lacher im Publikum waren den beiden sicher – und die pausenlosen Gladiatoren- und Torero-Einlagen zogen sich in der Wahlarena durch die kommenden zwei Stunden, von humoristisch bis ernsthaft, von schlagfertig bis langfädig. Jedem seine eigene Waffe Gladiator Raphael Lanz, Stadtrat und Gerichtspräsident, setzte eigene Waffen zur Verteidigung ein: Stoisch stehend starrte der SVP-Mann, meist mit wie zum Gebet gefalteten Händen vor sich auf dem Tisch, in Richtung Publikum – und liess sich weder von Toreros noch von Gladiatoren aus der Ruhe bringen. «Es soll doch niemand behaupten, dass für einen Stadtpräsidenten die Parteizugehörigkeit keine Rolle spielt. Wir haben ein anderes Menschenbild als die SP, und das zeigt sich im Alltag», sagte er. «Während sich die SP für die kollektive Verantwortung einsetzt, gewichten wir die Eigenverantwortung gross.» Lanz’ gefaltete Hände dürften Gladiator Hans Kipfer gefallen haben. Denn: «Die christlichen Werte sind überall wichtig. Der Schöpfer hat uns alle so gemacht, wie wir sind», erklärte der EVP-Grossrat. Er stelle es sich zwar nicht so vor, dass im Gemeinderat gemeinsam gebetet werde. «Aber dass aus dem Glauben die Lösungen erarbeitet werden.» Der graue blonde Panther Die einzige Gladiatorin in der Runde, Vizestadtpräsidentin und BDP-Nationalrätin Ursula Haller, wehrte sich mit Sachwissen und Schlagfertigkeit gegen Torero Gygax, der sie mit dem oft gegen sie verwendeten Argument des Alters konfrontierte. «Es ist doch gut, wenn jemand als grauer Panther oder blonder, zugegeben, leicht gebleicht, mit viel Erfahrung diese Generation im Fünfergremium vertritt», fand sie und liess sich auch den Vorwurf des Parteiwechsels nicht gefallen. «Nein, ich bedaure es nicht. Je ne regrette rien.» Ob sie nun wiedergewählt werde oder nicht, sie habe Spuren hinterlassen können. «Und zwar schon dann, wenn einige meiner BDP-Kolleginnen oder -Kollegen den Sprung in den Thuner Stadtrat schaffen.» Gladiator Konrad Hädener setzte sachliche Nüchternheit als spitze Waffe ein – zum Beispiel so: «Nein, ich bin nicht in der falschen Partei», stellte der CVP-Stadtrat klar und warb für seine Wahl als Stapi: «Ich setze mich für bessere Wirtschaftsbedingungen ein, doch ein Patentrezept habe ich auch nicht.» Mit wem fusioniert Thun? Gladiator David Külling nutzte ebenfalls eine eigene Waffe gegen die Toreros. Der EDU-Stadtrat umging meist lieber die gestellten Fragen, was zum Beispiel auf die Prognose für die künftige Nutzung im Lachen-Areal ungefähr so tönte: «Die letzte Fusion in Thun ist schon lange zurück, war nämlich im vorletzten Jahrhundert. Der grösste Teil des Lachen-Areals hat einen wichtigen Erholungswert, doch Wohnungen beim Stadion entlang der Strasse wären möglich.» Was auch immer Thema war an diesem Donnerstagabend – ob die «250 bis 300 stockbesoffenen Sion-Fans», die «verantwortungslose Steuer-Initiative» oder die «dumme Sieche», die es gut verteilt in jeder Partei gibt – Sticheleien, Vorwürfe, Sprüche und politische Aufklärungen wechselten sich ab und wurden mit lautem Gelächter und Klatschen quittiert. Und Verlierer, das gab es im Seepark ohnehin keine. Sowohl die Gladiatorin wie auch die fünf Gladiatoren, die beiden Toreros und das Publikum meisterten sich siegreich durch den Arena-Abend. Wer tatsächlich siegt und Stapi wird, zeigt sich ohnehin erst am 28.November respektive am 12.Dezember. Franziska Streun >

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