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Viele Gründe, aber keine Lösungen

LangenthalDie FDP lud zu einem Sozialgipfel mit dem

Einen Wirtschafts-, Sport- und Altersgipfel habe die Langenthaler FDP schon organisiert. Als Nächstes schwebe ihm ein Sicherheitsgipfel vor, erklärte Parteipräsident Ruedi Lanz in der Heilpädagogischen Sonderschule. Will er der SVP und der SP die Themen wegschnappen? Das befürchtete zumindest FDP-Grossrätin Katrin Zumstein. Sie betonte, dass sie an einem liberalen Kurs festhalte: «Für mich als Anwältin hat Sozialhilfe ein Gesicht.» Gesprächsleiter Urs Zurlinden erklärte: «Die Sozialhilfe ist ein brandheisses Thema, eine Trendwende nicht in Sicht.» Am Schluss stellten die aufs Podium eingeladenen Sozialhilfeprofis ziemlich erstaunt fest, dass die Langenthaler Freisinnigen unerwartet offen über dieses Thema diskutierten, auch wenn sie keine Lösungen fanden. Gemeinderätin Christine Bobst nannte als Gründe die hohe Scheidungsrate von 50 Prozent und die immer weiter auseinanderklaffende Lohnschere. Widersprochen hat ihr niemand, zugestimmt allerdings auch nicht. «Viele Lücken geschlossen» Laut Katrin Zumstein lässt sich Sozialhilfemissbrauch nicht leugnen. «Aber der Kanton hat in letzter Zeit viele Lücken geschlossen.» Als Scheidungsanwältin weiss sie: «Ein Einkommen bis 7000 Franken reicht nicht für zwei Familien. Zwei, drei Kinder führen zu einem Armutsrisiko von 50 Prozent.» Die soeben lancierte Familieninitiative der SVP schaffe einen völlig falschen Anreiz. Bildung steht für Zumstein als Lösung im Vordergrund. Während Christine Bobst Sozialhilfeinspektoren begrüsst, erklärte Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung: «Wir sind der Vorhof der Sozialhilfe. Uns betrügen rund zwei Prozent der Kunden. Bei der Verfolgung von Sozialfällen steht der Aufwand jedoch in keinem Verhältnis zum Ertrag. Es würde weit mehr bringen, wenn wir die Steuerhinterziehung der Reichen anpacken würden.» Übrigens lohne es sich für die öffentliche Hand, wenn sie die Schuldenberatung unterstütze: «Fast 90 Prozent unserer Kunden haben Steuerschulden, 40 Prozent auch bei den Krankenkassen.» Als Gründe nannte er die «Aldisierung» des Arbeitsmarktes und die Tatsache, dass ein Leben auf Pump salonfähig geworden ist. Wegen des Autos würden oft sogar Tränen fliessen. Reformen reichen nicht Der in Lotzwil und Langenthal aufgewachsene Urs Mühle – er berät Organisationen im Sozialwesen – vertritt die Ansicht: «Reformen bringen nichts mehr. Wir müssen das ganze System umkrempeln. Es wäre gut, wenn es eine gute freisinnige Politik gäbe.» So sei es ein Unsinn, wenn heute IV und Arbeitslosenkasse Wiedereingliederung machen und sich die Fälle mit teuren Gutachten und Gegengutachten hin- und herschieben würden. Eine einzige Eingliederungsversicherung sei genug. Mühle weiss: «Wenn die IV nicht zahlt, dann zahlt die Sozialhilfe – und zwar mehr als die IV.» Er sagt: «Man kann leben von der Sozialhilfe.» Vollbeschäftigung werde es nie mehr geben. Und Frühpensionierungen seien keine Lösung. Adrian Vonrüti musste als Vorsteher des Sozialamtes eingestehen: «Wir waren lange etwas blauäugig, jetzt aber greifen die Massnahmen gegen Missbrauch. Und es ist eine Tatsache, dass wir uns mit Juristen gegen die IV aufrüsten.» Die Stärke unserer Gesellschaft müsse jedoch weiterhin am Umgang mit den Schwächsten gemessen werden. Langenthal lebe überdurchschnittlich von der Produktion. Genau diese Arbeitsplätze würden zunehmend wegrationalisiert. Das führte zur Frage aus dem Publikum: Müssen wir Maschinen wieder durch Menschen ersetzen? SP-Gemeinderat Reto Müller wähnte sich ab so viel sozialem Engagement der Freisinnigen im falschen Film. Und Mario Roncoroni staunte: «Ich habe heute viel über den Berner Freisinn gelernt.»Robert Grogg>

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