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Sie pedalen von Schanghai nach Thun

Drei Jahre Arbeit in China sind genug: Der Thuner Martin Habegger und die Reutigerin Renate Schneider verlassen Schanghai und pedalen 18000 Kilometer in die Schweiz zurück. Sie bieten dabei ein Sponsoring für Behinderte.

Sie verlassen nach drei Jahren China mit dem Fahrrad und sind mittlerweile 1391 Kilometer von Schanghai entfernt. Vermissen Sie das Grossstadtleben schon? Martin Habegger: Nein. Die Begegnung mit der multikulturellen, hektischen 20-Millionen-Stadt war zwar aufregend, doch drei Jahre sind genug. Schanghai bot täglich viel zu entdecken. Wir beobachteten die Menschen in den alten Vierteln. Sie putzen die Zähne auf der Strasse, sammeln Altpapier und treffen sich in der Gasse zum Spiel. Renate Schneider:In krassem Gegensatz steht das moderne Schanghai, mit Finanzpalästen, Hochhäusern und Ferrari fahrenden Managern. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich, Stadt und Land sind riesig. Wie ist das Leben der Chinesinnen und Chinesen in Schanghai? Schneider: Untereinander leben sie mit einer ausgeprägten Klassentrennung, einer Art von Kastensystem, und gehen oft respektlos miteinander um. Das Hierarchiedenken ist gross. Habegger: Unter den Menschen, die von überallher kommen, gehören Oberflächlichkeit, Prostitution, Betteln und Hektik ebenso zum Alltag wie der Überfluss. Habegger: Das Volk muss um alles kämpfen: um einen Platz in der Metro, um ein Taxi, um wirtschaftlichen und beruflichen Erfolg. Schneider: Auch kommen Familiendramen und häusliche Gewalt häufig vor. Und wie verlief Ihr Alltag? Schneider:Die ersten 1,5 Jahre arbeitete ich, danach studierte ich an der Universität Chinesisch und lernte nebenbei Russisch. Habegger: Ein Chauffeur fuhr mich um halb Acht zur Arbeit. Die 60 Kilometer lange Fahrt ans andere Ende von Schanghai dauerte eine Stunde. Gegen 19.30 Uhr war ich wieder zu Hause. Schneider: Am Wochenende besuchten wir Fitnesscenter und abends oft Schweizer Freunde. Sie hatten privat keinen Kontakt mit Chinesen? Schneider: Es ist schwierig, Freundschaften mit ihnen zu schliessen. Auch sie selber laden einander nur selten zu sich ein. Aufgrund der Geschichte in ihrem Land mit Spitzeln, Verrat und Strafe braucht es lange, bis sie Vertrauen aufbauen. Habegger: Viele Unternehmen werden aus diesem Grund innerhalb der Familie geführt. Schneider: Ich gewann eine chinesische Freundin. Sie hat in Paris studiert und unterrichtete mir Chinesisch, ich ihr Deutsch. Wie funktioniert ein Chinese? Habegger: Sie erzählen wenig über sich. Wenn sie nichts von einem wollen, können sie sehr rücksichtslos sein. Schneider: Sie sind jedoch humorvoll und verspielt. Ihnen ist egal, was andere über sie denken, wenn sie beispielsweise im Slip auf der Strasse tanzen oder im Park turnen. Schneider: Chinesen sind sehr abergläubisch, was ihr Denken und Handeln stark beeinflusst. Habegger: Doch trotzdem: Wer beispielsweise mit List zu etwas kam, gilt als besonders klug. Konnten Sie mit der Bevölkerung über das Tibet-Thema sprechen? Schneider: Das ist tabu. Tibet ist für sie ein Teil von ihrem Land, und der 1976 verstorbene Mao Zedong ist ein Held. Habegger: Nur Chinesen, die im Ausland waren, erfuhren von Maos Taten gegen das tibetische und sein eigenes Volk. Sie wissen hingegen viel über den Zweiten Weltkrieg und Hitler, der für sie ein schlechter Mensch ist. Schneider: Uns wurde von einer Reise nach Tibet abgeraten – zum Schutze des Menschen. Wissen die Menschen, wie China die Welt erobert und dass beinahe alle Produkte mit «Made in China» angeschrieben sind? Schneider: Im Gegensatz zu den Gebildeten, ist sich die einfache Bevölkerungsschicht dieser Entwicklung kaum bewusst. Habegger: Vieles ist dem Durchschnittsbürger eh egal, weil sowieso die kommunistische Partei über das Meiste entscheidet – sogar über die Information. Wir erlebten nicht selten, dass das Fernsehbild bei gewissen Sendungen schwarz wurde. Schneider: Auch Internetseiten werden gesperrt und zensuriert. Und staatskritische Blätter werden nur unter der Hand verteilt. Wieso kann China so viel und günstig produzieren? Habegger:Die meisten Leute arbeiten für tiefe Löhne und in der Regel 15 bis 16 Stunden am Tag. Die Arbeitskräfte in einigen Fabriken ähneln modernen Sklaven. Schneider: Auch gibt es kaum Umweltauflagen für die Firmen, weshalb sie im Vergleich zu uns günstig produzieren können. Habegger: Immer mehr chinesische Firmen verlagern ihre Betriebe sogar aufs Land und in benachbarte Länder, weil die Produktion dort noch günstiger ist. Erlebten Sie Menschenrechtsverletzungen mit eigenen Augen? Schneider:Nein. Ich glaube, dass die Leute aus Angst nicht wissen wollen, was überall passiert. Gab es tragische Momente? Habegger:Tragisch empfanden wir, als uns Chinesen auf dem Land ihr Kind verkaufen wollten. Ist eigentlich die Kriminalität in Schanghai gross? Schneider: Nein. Ich habe mich rund um die Uhr sicher gefühlt. Und wie steht es mit der Gleichberechtigung in China? Schneider: In Beruf, Recht und Ausbildung sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Habegger: Frauen bin ich auf allen Hierarchiestufen und in allen Berufssparten begegnet. Schneider: Da die Paare in der Regel nur ein Kind haben können, ist der Aufwand relativ gering – und Frau und Mann teilen sich die Familienarbeit. Habegger: Hingegen sind es die Männer, die in der kommunistischen Partei Führungsträger sind. Und in Staatsbetrieben haben nur Parteimitglieder eine Chance auf einen Kaderposten. Bedauern Sie, das Leben in China bald wieder gegen dasjenige in der Schweiz zu tauschen? Habegger: Nein. China war eine spannende Erfahrung, doch wir wollten nie länger als drei Jahre bleiben. Die Integration in der Schweiz wird sonst zu schwierig. Schneider: Uns fehlte die Natur und der Sport als Ausgleich zum Stress in der Grossstadt. Habegger: Wir sind Veloferienfreaks und glücklich, unterwegs zu sein und so mit der Bevölkerung in den vielen Ländern in direktem Kontakt zu stehen. Schneider:Wir möchten unsere Freude teilen. Deshalb können die Fahrradkilometer wie in einem Sponsorenlauf bezahlt werden. Mit dem Geld werden Menschen mit einer Behinderung unterstützt (vgl. Kasten Silea, Red.). Raten Sie Interessierten zu einer Reise nach China? Schneider: Es ist wunderschön und braucht Zeit und Geduld. Habegger: Einzig, wer die Tibet- und die Menschenrechtsfragen nicht wegstecken kann, wird sich kaum wohl fühlen. Gibt es etwas aus der Erfahrung in China, das Sie im Schweizer Alltag integrieren wollen? Schneider: Das Leben dort hat mich gelehrt, toleranter zu sein und mich weniger darum zu kümmern, was andere über das sagen, was ich tue oder denke. Habegger: Dieses Land und die Menschen mit ihrer anderen Kultur kennen gelernt zu haben hat mich bereichert und meinen Horizont erweitert. Die Erfahrung hat mich gelehrt, offen gegenüber Menschen mit anderer Herkunft und anderen Wurzeln zu sein.Franziska Streun>

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