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Scheidegger bringt Giacometti näher

einmalige begegnung in thunSeine Zeichnungen, Bilder und Skulpturen werden an Auktionen für zweistellige Millionenbeträge verkauft – und er selber ist Inbegriff eines Künstlers von Weltformat: Alberto Giacometti. Am Dienstag kommt der bekannte Fotograf, Filmemacher und Giacometti-Biograf Ernst Scheidegger aus Zürich in die Alte Oele und erzählt von seinem 1966 verstorbenen berühmten Freund. Und wie es dazu kam, dass dessen Foto die 100-Franken-Banknote ziert.

Weshalb erzählen Sie ausgerechnet in Thun vom Künstler Alberto Giacometti? Ernst Scheidegger: Eigentlich weiss ich gar nicht, weshalb die Kunstgesellschaft gerade auf mich gekommen ist. Das müssten Sie die Organisatoren fragen. Sie kennen aber Thun? Vor Jahren habe ich unter anderem eine Ausstellung über Alberto Giacometti und das Bergell im Kunstmuseum gemacht und eine über den Künstler Samuel Burri in einem Museum in Habkern. Giacometti ist vor allem auch wegen Ihrer Fotografien weltberühmt geworden. Werden Sie nicht müde, sein Biograf zu sein? Nein. Er war eine Hauptperson für mich. Zudem gibt es noch zwei andere wirkliche Giacometti-Biografen: der Künstler James Lord und der Fotograf Henry Cartier-Bresson. Nur wir haben grosse Kenntnisse über ihn. Wie kam es eigentlich zu Ihrer Freundschaft? 1943 wurde ich als Funker ins Militär nach Maloja eingezogen und lernte im Bergell die berühmte Künstlerfamilie Giacometti aus Stampa kennen. Alberto war für mich eine Entdeckung. Was er schon damals tat, war ausserordentlich und total anders als alles mir Bekannte. Reisten Sie deshalb nach Paris zu Alberto Giacometti? Nach der Kunstschule in Zürich wollte ich in Paris arbeiten, wo ein modernes Ausstellungsteam für den Marshallplan, das europäische Wirtschaftswiederaufbauprogramm der USA, zusammenstellt wurde. Ein Bekannter vermittelte mir eine Wohnung, die sich 400 Meter von Giacomettis kleinem Atelier entfernt befand, in welchem er während 40 Jahren wirkte. Und so trafen wir uns jeden Tag und wurden Freunde. Und was arbeiteten Sie? Nach den Ausstellungen war ich vor allem für den Schweizerischen Buchhändlerverband und die berühmte Agentur Magnum im In- und Ausland tätig und machte Dokumentarfilme. Giacomettis Person, Kunst und Leben faszinieren die Welt noch heute. Was fasziniert Sie an ihm? Alles. Seine Kunst, was er über die Kunst, die Menschen und die Ausstellungen sagte, seine Gedanken, sein unbedingter Wille nach Freiheit, seine Widersprüchlichkeit und Präsenz. Mich faszinierten die ganze Persönlichkeit und auch sein Bruder Diego. Weshalb denn auch sein Bruder? Ohne Diego hätten weder Alberto noch seine Kunst überlebt. Er hat das, was sein Bruder nachts kreiert hat, gegossen und sonst irgendwie erhalten. Alberto zerstörte seine Werke meist, um sie weiterzuentwickeln. Wieso veröffentlichten Sie das erste Buch über ihn? 1957 entwarf ich für den Arche-Verlag die Serie «Horizonte», und so kam es zu diesem Buch. Welche Bedeutung hat seine Kunst heute? Für mich ist er einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler überhaupt. Auf der 100er-Note ist eines Ihrer Fotos von Alberto Giacometti abgedruckt. Wie kam es dazu? Das Foto entstand, als er einen neuen Pass brauchte. Und eines Tages wurde ich für eines meiner Fotos für die 100er-Banknote angefragt. Auch auf der 10er-Note ist ein Foto von mir: das Gerichtsgebäude im Chandigarh, Hauptstadt der indischen Provinz Punjab, des Schweizer Architekten Le Corbusier. Was zählen Sie denn selbst zu Ihren eigenen wichtigsten Werken? Alles war für mich wichtig: die 25-jährige Arbeit bei der «Neuen Zürcher Zeitung», wo ich für die Beilage «Das Wochenende» verantwortlich war, die Expo.64, wo ich mit Max Bill als Grafiker eine Abteilung konzipierte, und alle Reportagen, Bücher, Ausstellungen und Filme. Hat Alberto Giacometti Ihre Arbeit beeinflusst? Er beeinflusste mich bei der Entwicklung meiner Persönlichkeit, meiner Arbeit und vielem anderem. Und umgekehrt? Sie auf ihn? Das kann ich schwer beurteilen. Bis zu meinem ersten Buch über ihn hat er alle Buchprojekte abgelehnt. Danach half er bei vielen Projekten nur mit, wenn er sie mit mir umsetzen konnte. Er hatte volles Vertrauen zu mir, wie ich ihn darstellte. Ich fotografierte ihn, seine Arbeit und habe Fotografien von Arbeiten, die gar nicht mehr existieren – und so nicht nur ihn, sondern auch sein Schaffen dokumentiert. Am 4.Februar 2010 erzielte seine Bronzefigur «Der schreitende Mann» bei einer Auktion den höchsten je bezahlten Verkaufspreis einer Skulptur von rund 75 Millionen Euro. Wie kommt es, dass seine Figur einen solchen Wert bekommt? Das ist der Irrsinn des Kunsthandels und hat nichts mit dem Künstler zu tun. Speziell an dieser Skulptur ist für mich jedoch, dass ich ihn fotografiert habe, während er sie geschaffen hat. Verdanken Sie einen Teil Ihres eigenen Erfolges auch Giacometti und seiner Berühmtheit? Wir verdanken uns gegenseitig viel. Tatsache ist, dass die Fotos über sein Werk und über ihn zeitlos und weltweit gefragt sind. 2002 habe ich zum Beispiel in China eine Ausstellung in 16 Museen gemacht und jedes Mal auch meinen Giacometti-Film gezeigt. Die Chinesen waren fasziniert, wie er wie sie mit seinem langen feinen Pinsel malte – und übersetzten mein Buch «Spuren einer Freundschaft». Die oberste Leitung der Chinesen entschied, dass 600 Bücher an alle Universitätsbibliotheken gehen müssen. Malte er Sie eigentlich auch? Ja, 1958/1959 in Stampa. War er mehr Zeichner, Maler oder Skulpteur? Für ihn ist die Ausgangslage für alles die Zeichnung. Er hat die Perfektion in seinen Werken gesucht und immer noch mehr und noch mehr gesucht, was hinter allem ist. Noch am Sterbebett sagte er, er wolle mit allem wieder von vorne anfangen. Immer wieder sind Sie im In- und Ausland wegen Alberto Giacometti unterwegs. Doch welche Projekte verfolgen Sie selber? Soeben habe ich ein Buch mit Fotografien über Chandigarh herausgegeben, die ich vor 50 Jahren gemacht habe. In einer Schachtel entdeckte ich gegen 5000 Farbaufnahmen, die noch nie publiziert worden sind. Sie haben wohl noch zahlreiche unentdeckte Schätze! (lacht) Früher legte ich alles zur Seite, wenn eine Arbeit beendet war. Heute mache ich, was mich vorher nie interessiert hat: Ich blicke rückwärts und beschäftige mich mit Rückblicken. Was sagen Sie eigentlich zur heutigen Kunstszene? Die zeitgenössische Kunst ist mir ein wenig fremd. Der Inhalt oder die Idee zählen oft mehr als die Kunst selber. Haben Sie auch noch eigene Träume? Jetzt bin ich 87 Jahre alt, muss mich ein bisschen ausruhen und mache alles langsam. Und wie stehts um Alberto in Ihrem Leben jetzt und in Zukunft? Er gehört zu meinem Leben. Und wenn etwas mit ihm gemacht wird, werde ich kontaktiert – wie in Thun und am Abend darauf in LudwigshafenFranziska Streun >

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