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«Musik ist eine seelische Wohltat»

Seine Antworten überlegt er meistens lange und gut. Das macht Gespräche mit Hanery Amman nicht

Mit einem grossen Fest von 10 bis 22 Uhr weihen Behörden und Bevölkerung von Interlaken am nächsten Samstag den Amman-Hofer-Platz ein. Damit ehren sie die beiden Gründer der legendären Rumpelstilz und Erfinder der Mundart-Rockmusik. Hanery freut sich – und sinniert über Musik und Polos Talente. Welche Bedeutung hat für Sie der Name des neuen Platzes – trägt er bildlich gesprochen zu Ihrer Unsterblichkeit bei? Keine Ahnung. Es ist ja schon fast unheimlich, da das Ganze völlig unerwartet kam. Andererseits ist es natürlich eine Ehre, dass unsere Arbeit in ein solches Ritual umgemünzt wird. Womit haben Sie diesen Platz verdient, was ist Ihr wichtigster Beitrag an Interlaken? Das zu beantworten ist schwierig. Was heisst schon verdient, und wer hat überhaupt was verdient? Es gibt Leute, die Grossartiges leisten und einen solchen Platz viel eher verdient hätten, aber gar nie gewürdigt werden oder sonst irgendein Feedback erhalten. Bei uns beiden geht es vermutlich um einzelne Dinge und das Gefühl, das wir vermitteln konnten. Einerseits kann man jetzt im Nachhinein intellektuell erfassen, was diese Welle, diesen Ruhm und nun diese Ehrung ausgelöst hat. Die andere Seite aber ist: In all den Jahren meiner Arbeit war nie ein Gefühl der Berechnung dabei. Und vieles, was unbekannt blieb, war für mich innerlich genauso erfolgreich wie jenes Material, das äusserlich Erfolg hatte. Wie gross war und ist der touristische Beitrag an Interlaken? Wir waren Werbeflagge, wir gaben der Muttersprache eine neue Identität, auch in den schwierigen Anfangszeiten, als wir um Akzeptanz kämpfen mussten. Es ist aber gut möglich, dass wir hier im touristisch und von verschiedenen Mentalitäten geprägten Interlaken umso mehr den Return zur Muttersprache und unsere Identität nicht verlieren wollten. «Hanery geht als Teetrinker in die Rumpelstilz-Geschichte ein», schrieb Hofer-Biograph Thomas Küng. Waren Sie tatsächlich der seriöse Stilz? Ja, das war ich. Leider oder zum Glück. Wobei ich nicht ganz genau weiss, was unter «seriös» zu verstehen ist. Zum Beispiel keine Drogen. Ja, ich musste mich für meine Arbeit nicht künstlich traumatisieren, wie es andere Leute taten. Ich konnte mich ohne Hilfsmittel selber in Trance bringen, das ist eben die hohe Kunst der Musik. Sie verhilft zu transzendentalen Zuständen, ohne dass man sich «verladen« muss. Das Schöne daran ist vor allem, wenn die Musik repetitiv wird mit Refrains und Schlüsselszenen, die sich wiederholen. Das ist eine Form von Insichgehen, von Meditation. War und ist Ihnen darum die Musik so wichtig? Ja, das ist ein Teil davon. Es ist eine seelische Wohltat, die sie dem Musiker schenkt. Und wenn sie von Aussenstehenden verstanden wird und ebenso gefällt, machst Du sogar noch Menschen glücklich. Zudem ist Musik ein direkter Seelenbarometer, der Deinen eigenen Zustand immer sofort misst und Dich darüber informiert. Und wenn es mir schlecht geht, ist Musik sogar eine Art Therapie wie für andere etwa ein Buch. Sie pflegten schon immer ein sehr breites Spektrum an Stilen, Rhythmen, Harmonien, Melodien. Wie muss Ihrer Meinung nach ein guter Song «gebaut» sein? Schwierig zu beantworten, da schnell einmal Klischees auftauchen. Ein guter Song muss nicht unbedingt mediengerecht sein. Für mich gilt: Pro Idee braucht es mindestens eine bis zwei persönliche, sehr eigene und charakteristische Eigenschaften, die damit eine Identität und eine Originalität sicherstellt. Und noch schöner ist es, wenn dies auch noch mit einer möglichst tiefen Aussage verbunden wird. Aber neben dem sprachlichen Bewusstsein für die Mundart versuchten wir auch stilistisch neue Richtungen und Fusionen. Dazu gehört auch die Reggae-Musik. Sie gelten als erster Musiker von Europa, der einen Reggae geschrieben hat, den «Teddybär». War Ihnen das damals als Premiere überhaupt bewusst? Nein, sehr bewusst war mir das sicher nicht. Ich liess mich einfach immer von allem um mich herum inspirieren und faszinieren. Reggae hatte damals begonnen, in England, in London Fuss zu fassen. Wir hörten jeweils in der Nacht, am Morgen um zwei, drei Uhr in der Hoteleingangshalle vom «Splendid» bei Beat Hassenstein englisches Radio und nahmen diesen Groove in uns auf. Wir waren ja nicht nur an Harmonien und Akkorden interessiert, sondern auch auf Rhythmen neugierig. Damals war alles noch original, unverfälscht, und in der Musik herrschte noch kein Ausverkauf. Heute ist dagegen alles «Chrut u Chabis», alle Stile werden vermischt, wie Gewürze verwendet. Worin liegt für Sie Polo Hofers musikalische Stärke? Zunächst mal ist er ein guter Sänger und Texter. Er kann schon das grobe Muster eines Songs sehr gut einschätzen, dessen Aussage, dessen Ausstrahlung und was damit noch machbar ist. Dazu kommt natürlich noch sein Wort, die Texterei, das Können, eine Stimmung widerzugeben. Er war schon immer ein Drummer, der nicht über Harmonien, sondern über die Metrik, die Takte, funktionierte. «Obschon wir stundenlang streiten, ja sogar nächtelang stürmen können, sind wir gute Freunde», sagte Polo Hofer vor 20 Jahren – gilt das auch heute noch? Jaja. Aber das wäre schon für sich ein abendfüllendes Thema. Wir nennen uns gegenseitig Freunde. Dabei handelt es sich um einen fragilen Begriff. Es gibt unterschiedliche Phasen der gegenseitigen Achtung. Beurteilt man aber die Gesamtheit unseres gemeinsamen Schaffens, so verbindet uns das auf jeden Fall. Aber eigentlich unterscheiden sich der stille Tüftler Hanery und der laute Verkäufer Polo doch recht wesentlich Das stimmt nur bedingt, denn es ist auf nur zwei von mehreren Eigenschaften reduziert. Ich war ja nicht nur Tüftler. Wir achteten darauf, dass die musikalischen Formen immer über die Gesetze der Improvisation konstruiert wurden. Und das galt auch für uns persönlich. Polo konnte dabei sehr wohl auch besinnlich oder sogar melancholisch sein. Sind Amman/Hofer vergleichbar mit McCartney/ Lennon oder Richard/Jagger mit ihren ebenso unterschiedlichen Charakteren? Das weiss ich nicht. Ist zwar ein schönes Kompliment, aber bei diesen Herren handelt es sich ja um Weltstars, und bei uns nur um Lokal-Regional-National-Moudis. Warum gibt es schon seit Jahren keine Amman/Hofer-Kompositionen mehr? Auch das weiss ich nicht. Manchmal besteht eine gewisse Distanz, die ich mir gar nicht erklären kann. Zudem hatten wir beide unsere gesundheitlichen Downs, die manche Jahre in Anspruch nahmen. Es gab aber immer wieder Anläufe, so auch bei den Alpinistos. Aber jedes Mal, wenn wir was starten wollten, gings wieder auseinander. Die Gründe lagen nicht nur immer bei uns selber, sondern auch ausserhalb von uns, in Strukturen und Sachzwängen. Dafür gab es auf dem Bödeli inzwischen immer wieder andere erfolgreiche Rock- und Popbands. Welchen Rat geben Sie dem Nachwuchs auf den musikalischen Weg? (denkt lange nach) Ich habe mehrmals versucht, jüngeren Leuten zu helfen, direkt oder indirekt. Und jedes Mal lautete mein Rat: möglichst schnell autonomisieren, sich nicht ablenken oder dreinreden lassen. Es geht darum, dass Kreativität nicht von Sachzwängen durch Plattenfirmen und Manager gekillt wird. Polo und ich waren in der Schweiz die ersten, die sich zu autonomisieren begannen und eigene Labels und ein Tonstudio gründeten. Ein weiterer Tipp an die Jungen: Schützt eure Ohren! Ihr eigener Weg war von gesundheitlichen Problemen gepflastert. Sie überlebten Lungenkrebs, leiden jedoch mehr als je an einem Tinnitus. Wie sind nun Ihre Perspektiven? Nicht gut. Nach der Chemotherapie wurde das Gehör je länger je mehr beeinträchtigt, es ist schon fast abartig. Aber klar: Ich versuche weiterhin zu arbeiten, so dass ich zumindest die bereits begonnenen Arbeiten noch zu Ende bringe. Konkret handelt es sich dabei um zwei grosse Projekte mit Material, das ich jetzt hörmässig nur noch bedingt beurteilen kann. Aber ich gebe mir Mühe. Nun, es gibt Witze darüber, ob der Weg oder das Ziel wichtiger seiAlex Karlen >

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