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Die «Grande Dame» und der Jungmaestro

Mit geballter Intensität:

Zu den unsterblichen Ritualen des Klassikbetriebs gehört es, die Solisten am Ende des Auftritts mit Blumen zu beglücken. Natalia Gutman scheint davon nicht allzu viel zu halten. Zack. Voilà: Mit stoischer Miene deponiert sie den Strauss auf dem verwaisten Dirigentenpult. Die Geste sorgt für Gelächter. Es mischt sich mit dem üppigen Applaus, den die russische Cellistin eilends an das Berner Symphonieorchester (BSO) weitergibt. Aufstehen, bitte, bedeutet sie den Musikern. Pietari Inkinen, der finnische Jungstar mit dem Dirigentenstab, spielt da bloss eine Nebenrolle. Wohltuend geerdet Es ist ein stimmiger Schlusspunkt unter einen schlagenden Auftritt. Mit 9 Jahren gab Natalia Gutman ihr erstes Konzert. Jetzt ist sie 66, gerühmt als «Grande Dame» des Cellos, dabei wohltuend geerdet und behäbig, wie ein Souvenir aus einer Zeit, als sich die Auswüchse der Starproduktion noch in Grenzen hielten. Gutman spielt das 1. Cellokonzert von Alfred Schnittke (1934–1998), das ihr gewidmet ist. Sie tut es mit einer Kraft und Souveränität, die dem schicksalsschweren Werk gut ansteht. Bei Gutman gibt es keine Honigglasur und keine plakativen Extreme. Selbst in den aufreibenden Läufen zeigt sie sich als gelassene Erzählerin. Schnittkes Werk ist die Geschichte einer gewaltsamen Konfrontation – zumindest im Kopfsatz: Mit geballtem Schlag- und Blaswerk präsentiert sich hier das Orchester, als eisiger Klangblock, der dem Solopart unerbittlich zusetzt. Das BSO meistert seine Aufgabe, trotz einiger Wackler: Vor allem im Allegro vivace fehlt es an der nötigen Präzision. Der tänzerische Charakter des Satzes bleibt ebenso unterbelichtet wie die schwarze Ironie. Erst im Finale erhält die Zuversicht erstmals Raum: Aus dem Nichts schraubt sich die Musik allmählich nach oben, hymnisch und herb zugleich, bis Gutman ihr verstärktes Cello behutsam zum Schweigen bringt. Kühl und kraftvoll Und Pietari Inkinen? Die BSO-Verantwortlichen beäugen ihn genau. Der 29-Jährige, derzeit Musikdirektor des New Zealand Symphony Orchestra, gehört zu den Kandidaten für die Nachfolge von Chefdirigent Andrey Boreyko. Bei seinem ersten Berner Auftritt zeigt er sich als adretter Jungmaestro. Eher kühl tritt er in Erscheinung, mit kraftvollen, meist klaren Gesten. Bei Maurice Ravels «La Valse» bleiben allerdings Wünsche offen. Das Werk ist ein schauerlicher Abgesang auf den Walzer und die Epoche, die ihn hervorgebracht hat. Doch von der morbiden Grundstimmung ist wenig zu spüren. Zu kontrolliert und kalkuliert wirkt der orchestrale Tanztaumel. Umso eindrücklicher präsentiert sich Igor Strawinskys Skandalsstück «Le sacre du printemps». Hier treibt Inkinen das Orchester zu einer Bravourleistung. Ein entfesseltes Klangtheater spielt sich ab, hart und präzis, wenn auch etwas glatt und ungefährlich. Inkinen ist weder Exzentriker noch Showman. Dafür ein Gentleman, der sich an den Klassik-Knigge hält: Stracks bahnt er sich einen Weg durch die Orchesterreihen, um der Solofagottistin sein Bouquet zu überreichen. Oliver Meier>

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